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16. September 2008, 05:41 Uhr

Hauptsache an die Macht

Von der SPD umschmeichelt, von der Union als Wunschpartner bezeichnet: Der FDP stehen nach der nächsten Bundestagswahl scheinbar alle Koalitionsoptionen offen. In der Öffentlichkeit setzt Parteichef Guido Westerwelle weiter auf ein schwarz-gelbes Bündnis, doch er lässt sich ein Hintertürchen offen. Von Hans Peter Schütz

Ohne uns geht's nicht: Darauf setzt FDP-Chef Guido Westerwelle nach der nächsten Bundestagswahl© Matthias Schrader/AP

Läuft da plötzlich ein heißer Flirt zwischen Sozialdemokraten und Liberalen? Techtelmechtelt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier mit Guido Westerwelle und findet dort Anklang? Von wegen. Der FDP-Vorsitzende ist nach der jüngsten Sitzung des FDP-Präsidiums jetzt auf Distanz gegangen.

Ohne jedes Lächeln um die Lippen sagte er: "Die SPD hat ihr Personal verändert, aber nicht ihren Linkskurs." Sieht er irgendwo die Chance für eine rot-gelb-grüne Koalition nach der Bundestagswahl? "Eine Ampel mit der SPD sehe ich nicht." Denn das Land "braucht eine Koalition, die etwas von Wirtschaft versteht." So gesehen wird nicht sozial-liberal geflirtet. Westerwelle: "Da ist nichts im Busch." Eine inhaltliche Grundlage für eine Ampel mit SPD und Grünen sieht er nicht.

Ohrfeige für die SPD

So betrachtet war die FDP-Pressekonferenz an diesem Montag eine heftige Ohrfeige für die SPD. Dabei hatte deren parlamentarischer Geschäftsführer Thomas Oppermann den Liberalen im "Morgenmagazin" jede Menge Streicheleinheiten verabreicht. "Die FDP wäre ein Partner für uns", lockte er, zumal man in der Außenpolitik und in der Bildungspolitik ja reichlich Gemeinsamkeiten pflege. "Sehr gut vorstellen", könne er sich ein rot-grün-gelbes Bündnis. Und Steinmeier selbst hatte zuvor ebenfalls freundliche Signale seitens der FDP geortet. "Die FDP zeigt Neugier", sagte er in der "Süddeutschen Zeitung". Dies war seine Antwort auf die anerkennenden Worte, mit denen FDP-Generalsekretär Dirk Niebel den Machtwechsel bei den Genossen kommentiert hatte.

Doch wirklich gesagt, was nach der Bundestagswahl 2009 koalitionspolitisch geschehen könnte, ist damit nichts. Klar, falls es dann zu einer Mehrheit von CDU/CSU und FDP reichen sollte, wird Schwarz-Gelb die Republik regieren. Wenn nicht, ist alles möglich.

Bei der SPD ist alles klar. "Unsere Ziellinie sind 34 Prozent. Und dann hoffen wir auf acht Prozent Grüne und acht Prozent Liberale." Das sagt einer der engsten Vertrauten Steinmeiers. Eine andere Regierungschance sieht die SPD nicht, von der Neuauflage der Großen Koalition einmal abgesehen. Jedes Bündnis mit der Linkspartei ist ohne jede Fluchtklausel ausgeschlossen worden.

Die Grünen sind entzückt vom SPD-Wechsel

Die Grünen wiederum beobachten den Wechsel von Beck zu SPD-Chef Franz Müntefering und Kanzlerkandidat Steinmeier entzückt. Ihr kommender Spitzenkandidat Jürgen Trittin sieht gute Chancen für ein Bündnis seiner Partei mit SPD und Liberalen. Der grüne Fraktionschef Fritz Kuhn sagt ebenfalls, es gebe jetzt mit Steinmeier gute Chancen auf eine Koalition von SPD, Grünen und FDP. Doch seit in Hamburg eine schwarz-grüne Koalition regiert, wird von den Grünen keineswegs mehr ein Bündnis mit FDP und CDU/CSU um jeden Preis ausgeschlossen. Vorausgesetzt, die Union verzichtet für diesen Fall von vornherein auf den Wiedereinstieg in die Atomwirtschaft.

Bei den Liberalen ist die Lage nur auf den ersten Blick klar. Westerwelle strebt eindeutig auf eine schwarz-gelbe Koalition zu. Spekuliert wird dabei darauf, dass enttäuschte bisherige CDU-Wähler, vor allem aus dem wirtschaftlichen Bereich, dann zur FDP wechseln. Erlaubt das Wahlergebnis dieses Bündnis, wird die FDP schnurstracks darauf eingehen. In der FDP-Koalitionsaussage, die der nächste FDP-Parteitag beschließen wird, wird es allerdings keine Ausschlussklauseln im Blick auf andere Bündnisse geben. Das heißt: Eine Hintertür bleibt, was für Westerwelle überlebenswichtig ist. Denn wenn er es dieses Mal nicht schafft, die FDP nach zehn Jahren Opposition wieder auf Ministersessel zu platzieren, dürfte ihm alsbald der Parteivorsitz entzogen werden. Seine parteinternen Gegner stellen in diesem Zusammenhang eine pikante Frage: Was macht Westerwelle eigentlich, wenn es eine SPD-Grüne-FDP-Mehrheit gibt, in der die Grünen das bessere Ergebnis erzielt haben? Denn dann dürfte mit Sicherheit Trittin das von Westerwelle angestrebte Außenministerium beanspruchen.

Keine Geheimabsprache zwischen Merkel und Westerwelle

Als absoluten Unsinn bezeichnet Westerwelle allerdings die Behauptung, er habe mit seiner Duzfreundin Angela eine "Geheimabsprache" getroffen, wonach es keine Neuauflage der Großen Koalition geben wird und die FDP bereit wäre, eine sogenannte "Jamaica"-Koalition – Union, FDP, Grüne – mitzumachen. Die FDP wiederum soll darin zugesichert haben, auf keinen Fall mit SPD und Grünen ins Koalitionsbett zu steigen.

Eine Koalition von Liberalen und SPD wäre zwar mit Blick auf die Außenpolitik durchaus möglich. Wirtschaftspolitisch ginge indes nur wenig zusammen. Dennoch gibt es einige FDP-Politiker, die ein Bündnis mit der SPD durchaus wagen würden, wenn es sonst keine Alternative gibt. Leicht würde es nicht werden. Denn selbst die Rechtsstaatsliberalen in der FDP, die immer noch mit gewisser Sehnsucht an die sozial-liberalen Zeiten zurückdenken, blicken mit reichlich Zorn auf die SPD.

Der FDP-Rechtspolitiker Max Stadler zu stern.de: "Der SPD-Innenpolitiker Otto Schily hat uns Dinge zugemutet, die aus liberaler Sicht unerträglich waren. Die SPD-Justizpolitikerin Brigitte Zypries ist nicht besser als Schily, denn aus ihrem Haus kommt der Gesetzentwurf für die Vorratsdatenspeicherung, mit der in das Privatleben von Millionen unverdächtiger Bürger eingegriffen wird."

Unterm Strich steht: Die FDP wird jede Chance wahrnehmen, 2009 wieder mitzuregieren. Sie fühlt sich stark wie selten zuvor. Das sei auch der Grund, höhnt Westerwelle, weshalb die CSU jetzt im bayerischen Wahlkampf die FDP als ihren Hauptgegner entdeckt habe. Das zeige doch überdeutlich, "welcher Körperteil der CSU auf Grundeis geht."

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Aaron71 (18.09.2008, 19:38 Uhr)
@undjetztnochder
dass die FDP das attraktivste Programm hat, ist vielen der ideologisch verblendeten braun/roten hier zuviel. Liberalismus setzt eine gewisse geistige Freiheit und vor allem einen IQ voraus. Privat geht vor Staat. Ob Euch das nun passt oder nicht.
UweBerlin (18.09.2008, 10:06 Uhr)
FDP
die opportunistischste Partei Deutschlands.
Erst wollte man sich auf keine Koalition mit der Cdu festlegen; bei den Problemen um Beck/Steinmeier etc eilte dann Westerwelle schnell zu Merkel und wollte Neuwahlen.
Eine ganz schlimme Partei.
nightmare_online (16.09.2008, 12:36 Uhr)
@Badmojo
Ich frage mich, warum so viele die soziale Marktwirtschaft, die dieses Land so erfolgreich gemacht hat, ohne Not über Bord werden wollen. Denn genau darum geht es bei der Programmatik der FDP. Zusammenfassend kann man sagen das wirtschaftspolitisch schlicht alles (oder möglichst viel), wovon der Arbeitnehmer profitiert bzw. was ihn schützt, entsorgt werden soll. Das dies dann Aufschwung & Wirtschaftswachstum generiert ist - sorry - schlicht naiv. Das konnte man exemplarisch am ersten Teil der Steuerreform von rot-Grün in 2000 sehen. Kostete 40 Mrd. € p.a., brachte exakt Nullkommanull Wachstum & Arbeitsplätze.
Es ist schon bezeichnend das die FDP z.B. das Mindestarbeitsbedingungengesetz (das die SPD ja u.a. als Argumentation für Mindestlohn bemüht) ablehnt. Dieses Gesetz hat Ludwig Erhard geschaffen. Als potentiellen Eingriffs-Mechanismus des Staates gegen Hungerlöhne. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen, das zeigt wie weit sich die FDP von den Ideen der sozialen Marktwirtschaft entfernt hat. Die FDP hat als wirtschaftspolitischen Ideengeber längst Milton Friedman. Es ist legitim, dies zu unterstützen, ich tus nicht.
Aber bitte, ich habs ja schon geschrieben: Das einzige was hilft ist der Realitätscheck. Also Schwarz-Gelb nach der nächsten Wahl. Das wird IMHO einige vermutlich heftigst von diesem "Virus" kurieren. Und ich werde auch das "überstehen".
laeppe (16.09.2008, 12:17 Uhr)
und jetzt noch der
9 Milliarden werden erst für
Aufstocker bezahlt -
Peanuts - wann wäre denn für
Sie die Grenze`?
9 Milliarden zusätzlich für Unternehmen die keinen vernünftigen
d.h. auskömmlichen Lohn zahlen
Die FDP redet immer von Marktwirtschaft die allerdings bei
Apotheken aufhört.
Badmojo (16.09.2008, 12:07 Uhr)
@Programm
gerade diese Punkte sind doch das interessanteste darin !
Nur mit diesen Mitteln lässt sich mittelfristig wieder eine stabile, vom Aufschwung geprägte Wirtschaft herstellen, allerdings schauen die meisten - sagen wir typische Links-Wähler - nicht soweit und interessieren sich nur dafür, wie sie für noch weniger Arbeit mehr Geld bekommen !
Stern-Leser24 (16.09.2008, 12:03 Uhr)
@undjetztnochder
Laß dich mal schnellstens untersuchen... -würg-
nightmare_online (16.09.2008, 10:58 Uhr)
@undjetztnochder
Bitte wie? die FDP hat das attraktivste Programm? Privatisierung der Krankenversicherung, Aushebelung der Manteltarifverträge, weitestgehende Abschaffung des Kündigungsschutzes, Abschaffung des Gewerkschaftsprivileges, Schleifen der paritätischen Mitbestimmung, kein Geld aus der Arbeitslosenversicherung mehr für Fortbildungen, Förderung der "grünen" Gentechnik, Abschaffung des Ehegattensplitting etc. pp.
Ein Horrorkatalog ist das!
Gisella (16.09.2008, 10:46 Uhr)
@babylon
-genau so "Isses"-waren immer nur Mitläufer und wenn es nicht so geklappt hat , dann haben sie "hingeschmissen". Westerwelle-und seine "Genossen"- Nein Danke.
undjetztnochder (16.09.2008, 10:30 Uhr)
Koaltionsaussagen
sind immer so eine Sache. Letztlich wählt jeder von uns Parteien oder Politiker - aber keine Koalitionen. Nach der Wahl muss man dann sehen, wer überhaupt eine Mehrheit rechnerisch hinbekommt - und dann, ob sich eine genügend große Schnittmenge im Regierungsalltag herstellen läßt. Und die FDP - übrigens für mich zur Zeit die Partei mit dem attraktivsten Programm, aber das scheint ja hier im Forum wohl eh keiner zu lesen - tut gut daran, die Koalitionsfrage offen zu lassen. Natürlich sind die Übereinstimmungen mit der CDU/CSU größer, aber eine Kompromisslinie mit der SPD oder sogar mit den Grünen ist zumindest denkbar. Schön wäre es, wenn die Linke nicht wieder in den Bundestag käme - aber das ist wohl leider reines Wunschdenken meinerseits.
laeppe (16.09.2008, 10:05 Uhr)
Alles wie gehabt
Willi Brandt und seine Ostpolitik
wurden ebenso beurteilt von rechts wie jetzt die Linken.
Kommunist, Vaterlandsverräter ect.
Herbert Wehner und Egon Bahr noch gleich dazu genannt. Dann kamen die
Grünen dran - Chaoten ect.
und jetzt halt die Linken.
Was für Leute kritisieren hier -
Dauerabo auf immer die gleichen
Phrasen ?
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