Jung, clever - und arbeitslos. So wird es bald wohl nicht nur dem Berliner FDP-Spitzenkandidaten Christoph Meyer ergehen. Immer mehr liberale Politiker bangen angesichts der Parteikrise um ihren Job. Von Laura Himmelreich

"Will ja kein Magengeschwür": Berliner FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer© Michael Trippel
Buh", rufen die Schüler. Christoph Meyer verzieht keine Miene. Meyer ist Spitzenkandidat der Berliner FDP für die Wahl am Sonntag. In einer Oberschule im Bezirk Charlottenburg kämpft er um die Stimmen der Abiturienten. Er redet über Freiheit, Studiengebühren und Tempo 30. Niemand auf dem Podium der Schulcafeteria hat so viele Zahlen parat wie er, kein Kandidat der anderen Parteien ist rhetorisch so geschickt. Den meisten Applaus bekommt trotzdem die Frau von den Grünen.
Nach zwei Stunden haben die Schüler keine Fragen mehr. Meyer eilt zur Schultoilette. Kurz vor der Tür fängt ihn ein Junge ab. "Herr Meyer, ich wollte Ihnen sagen, als Person gefallen Sie mir, auch Ihre Argumente", sagt der Junge. "Aber Ihre Partei wähle ich nicht. Ich mag die FDP nicht." Christoph Meyer kann tun, was er will. Hilft alles nichts. Er kämpft für eine Partei, die nicht gewählt, sondern verhöhnt wird. Die FDP hat "als Marke generell verschissen", formuliert FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki. Klarer kann man es nicht sagen.
Die Partei stürzt ins Bodenlose. Aus vier Landtagen ist die FDP in diesem Jahr bereits rausgeflogen. Berlin wird aller Voraussicht nach der fünfte sein. Umfragen sehen die Partei in der Hauptstadt bei drei bis vier Prozent. Wenn heute Bundestagswahl wäre, zögen die Liberalen nicht mal mehr ins Parlament ein. Alle 93 Bundestagsabgeordneten wären ihr Mandat los. Nicht einmal Guido Westerwelle säße mehr im Reichstag. Aus der FDP in der Sinnkrise wird mit jeder weiteren Wahl eine Partei in der Jobkrise.
Die FDP-Bundespolitik sei "nicht gerade hilfreich", sagt Spitzenkandidat Christoph Meyer und lächelt über den Niedergang seiner Partei einfach hinweg. Ein bisschen ironisch, ein bisschen verschmitzt. "Was soll ich denn sonst tun? Ich will ja kein Magengeschwür bekommen", sagt er.
Frühjahr 2011, die Nacht vor dem FDP-Bundesparteitag, Rostocker Ratskeller. Damals konnte man einen Christoph Meyer erleben, der offen über seine Zukunftssorgen sprach. Es wäre schon blöd, wenn er aus dem Abgeordnetenhaus fliegen würde, sagte er. Meyer ist 36 Jahre alt, Anwalt ohne Berufserfahrung, er hat nie etwas anderes gemacht als Politik. Im Sommer bekam er von zwei Parteifreunden bereits Jobangebote für die Zeit nach der Wahl.
Die Bundespartei sieht ratlos dabei zu, wie es die Liberalen in den Ländern dahinrafft. Fällt am Sonntag auch noch Berlin, wächst die Angst vor dem eigenen Ende. "Wenn wir bei vier Prozent stehen, geht natürlich die Unruhe los", sagt Parteivize Holger Zastrow. Ein FDP-Präsidiumsmitglied sagt: "Viele machen sich Sorgen. Und dann verlieren sie die Nerven." Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Canel war im Sommer die erste, die öffentlich über das Ende der schwarz-gelben Koalition spekulierte. Im Hamburger Regionalfernsehen sagte sie über das vorzeitige Aus der Merkel-Regierung: "Ich finde den Gedanken persönlich sehr sympathisch."
Dabei wirkt die 53-Jährige gar nicht wie von Panik getrieben. Canel betritt ihr Bundestagsbüro, schmeißt ihr Jackett über den Stuhl, streift die Pumps ab und setzt sich barfuss an den Besprechungstisch. "Im Moment sind die Chancen der FDP, einen Wahlerfolg zu erzielen, überschaubar", sagt sie. "Um mich mach ich mir keine Sorgen. Ich bin Lehrerin, und das gerne. Ich kann immer in meinen Beruf zurück. Für mich sind die vier Jahre im Bundestag ein Geschenk und eine Ehre." Hier geht eine Frau mit freudigem Fatalismus dem Untergang entgegen.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie die FDP versucht hat, sich aus dem Schlamassel zu befreien - und was aus Plan A bis D geworden ist