Überlebenstraining vor der Kamera

21. April 2012, 20:39 Uhr

Die Liberalen stehen mit dem Rücken zur Wand. Also üben sie auf ihrem Parteitag: Stramm stehen! Lieder singen! Feinde bekämpfen! Überzeugend ist das nicht. Überzeugend ist nur einer. Von Lutz Kinkel, Karlsruhe

Philipp Rösler, FDP-Chef, FDP-Bundesparteitag, Wolfgang Kubicki, Dirk Niebel, Christian Lindner,

Weiß als einziger auf dem FDP-Parteitag zu überzeugen: Christian Lindner, liberaler Spitzenkandidat für die NRW-Landtagswahl©

Es ist so herzig! Birgit Homburger nennt Wolfgang Kubicki grinsend einen "alten Freund" ihres Landesverbandes Baden-Württemberg. Kubicki bedankt sich in seiner Rede bei seiner "neuen Freundin". Ein paar Wochen zuvor hatte er Homburger, immerhin stellvertretende Parteichefin, noch öffentlich als einen "Fall für die Müllentsorgung" bezeichnet. Aber nun ist ja Wahlkampf. Piep, piep, piep, alle haben sich lieb. So soll es zumindest aussehen.

Kubicki, Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, wo am 6. Mai gewählt wird, hatte sich auch gegen Parteichef Philipp Rösler abgegrenzt, um nicht in den bundespolitischen Abwärtssog zu geraten. Nun sagt er: "Wir, die gesamte Partei unter Führung des auch von mir gewählten und von uns getragenen Bundesvorsitzenden, werden die Wahlen gemeinsam gewinnen." So steht es in seinem Redemanuskript, das Kubicki drucken und verteilen lässt, damit es jeder schwarz auf weiß nachlesen kann. Mündlich fügt er hinzu: "Seit gestern sagen wir Philipp und Wolfgang zueinander." Da müssen auch die Delegierten in der Karlsruher Messehalle lachen.

Es ist schiere Not

Ist das nur Heuchelei? Es ist auch schiere Not. Der FDP steht das Wasser bis zum Hals, sie könnte bei den anstehenden Landtagswahlen absaufen - in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Deswegen ist dieser Bundesparteitag ein politisches Überlebenstraining vor laufender Kamera, und jeder Redner trägt eine Lektion bei. Die erste heißt "Schulterschluss", ironisch vorgetragen von Homburger und Kubicki. Die zweite fällt unter das Stichwort "Feindbilder", ihr Protagonist ist Parteichef Rösler. In seiner rund einstündigen Rede trichtert er den Delegierten ein, dass alle anderen Parteien, die Union eingeschlossen, Sozialdemokraten seien. Überall Tugendwächter, Staatsfetischisten und Schmarotzer, auch bei den Piraten. "Sie missverstehen Freiheit nur als Kostenfreiheit", sagt Rösler. "Alles ist für sie ein kostenloser Download. Egal, ob Grundeinkommen, Bahnfahren oder geistiges Eigentum. Wenn Sie so wollen: Die Piraten sind nichts weiter als eine Linkspartei mit Internetanschluss." Also müsse sich die FDP wehren, gegen alle, sie hat doch eine Mission: Freiheit! Oder: Wachstum! Und: Toleranz!

Die dritte Lektion könnte "Stolz" heißen, sie bezieht sich auf die operative Politik im Bund und im Land, auf die kleinen und großen Erfolge aus liberaler Sicht. Keiner der Redner an diesem Samstag vergisst sie zu erwähnen. Das Nein zur Schlecker-Transfergesellschaft. Das Nein zum NRW-Schuldenhaushalt. Das Nein zur Vorratsdatenspeicherung. Das Ja zu Joachim Gauck. Mache die FDP den Rücken gerade, lohne sich das auch. Wieder und wieder ist das zu hören, ein Versuch, den Wahlkämpfern den Rücken zu stärken, sie gegen die Häme zu immunisieren, die sich allenthalben über die Liberalen ergießt. Denn die FPD mag ihre Misserfolge vergessen, dem Publikum ist das Stichwort "Mövenpick" geläufig.

Christian Lindner ist der Identitätsstifter

"Identitätsstiftung" steht noch auf der Agenda, und dieser Part misslingt vielleicht am gründlichsten. Schon im Januar hatte Philipp Rösler einen neuen Schlüsselbegriff für die FDP erkoren, "Wachstum" heißt er. Nun steht das Wort überall, auf Plakaten, auf der Videoleinwand, im Programm. Es ist auch eine Art Selbsthypnose, deutlich sichtbar am neuen Partei-Logo, das übergroß in die Messehalle leuchtet: eine gelbe Linie, aus der fünf gelbe Balken wachsen, der erste noch klein, der letzte fast so hoch wie der daneben stehende blau-gelbe Quader mit den Buchstaben FDP - das Arrangement sieht aus wie ein liberales Wünsch-Dir-Was für die kommenden Landtagswahlen. Im neuen Grundsatzprogramm, es sind 96 Thesen auf 41 Seiten, wimmelt der Begriff Wachstum auch überall, nur ständig soll er etwas anderes bedeuten. Mal soll das Wachstum ökologisch sein, mal quantitativ, mal qualitativ, mal sozial. Ein Wahlkampfschlager wird das nicht.

Christian Lindner hatte das Programm schreiben wollen, es sollte eine liberale Bibel werden. Daraus wurde nichts, Lindner trat im Dezember 2011 als Generalsekretär zurück. "Auf Wiedersehen" sagte er damals - und nun ist er wieder zu sehen: als neuer Landeschef in NRW, der versucht, die Wahl noch zu drehen. Er ist der Held in Karlsruhe, der Mann, dem auf dem Parteitag die Herzen zufliegen. Seine Rede ist ebenso anspruchsvoll wie populär, es hat ihm nur gut getan, den Berliner Elfenbeinturm zu verlassen und sich im Land neu zu erden. Bei ihm sitzt jede Emotion, jede Geste. Rösler versucht, das Nette abzustreifen und wie ein Pitbull aufzutreten, und alles wirkt falsch. "Wir können uns den Vorsitzenden nicht backen", seufzt ein Delegierter.

Aber es gibt ja noch eine Führungsreserve, wenn das Röslers Überlebenstraining nicht funktioniert. Lindner heißt sie.

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