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Wieder ein Doktor weniger

Neuzugang in der Galerie der prominenten Schwindler: Auch FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis ist den Titel los. Nun will er eine neue Doktorarbeit schreiben.

Von Lutz Kinkel

  "Bitter für mich": FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis

"Bitter für mich": FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis

Stolz war Jorgo Chatzimarkakis auf seine Doktorarbeit. Er sei der Einzige unter den Enkeln seines griechischen Opas, der studiert und sogar promoviert habe. "Mein Großvater war sehr gerührt, als er es erfuhr", sagte Chatzimarkakis dem Focus. "Die Verleihung des Doktorgrades konnte er nicht mehr erleben. Deshalb habe ich ihm meine Arbeit ins Grab gelegt."

Eigentlich müsste Chatzimarkakis die Arbeit ("Informationeller Globalismus: Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs") schnellstens wieder ausgraben. Denn sie hält nicht, was sie verspricht. Die Universität Bonn erkannte Chatzimarkakis, der für die FDP im EU-Parlament sitzt, an diesem Mittwoch den Doktortitel ab. Zur Begründung sagte Günther Schulz, Dekan der philosophischen Fakultät, die Übernahmen aus Texten anderer Autoren seien in der Dissertation nicht ausreichend gekennzeichnet. Mehr als die Hälfte der Arbeit stamme aus fremden Federn.

Galerie der Blender

Damit klebt nun auch Chatzimarkakis' Foto in der Galerie der prominenten Blender, die sich den Titel erschwindelt haben. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) musste seinen "Dr." abgeben (und stürzte über die Affäre aus dem Amt), danach Silvana Koch Mehrin (FDP), die Ermittlungen gegen Margarita Mathiopoulos (FDP) laufen noch, ebenso gegen den Chef der Kultusministerkonferenz, Bernd Althusmann (CDU). Auf das Urteil reagierte Chatzimarkakis schwer verstimmt. "Ich habe die endgültige Entscheidung der Universität aus der Presse erfahren, niemand hat sich bis jetzt mit mir persönlich in Verbindung gesetzt. Als direkt Betroffener hätte ich zumindest das erwartet", sagte er zu stern.de. Und die Aberkennung des Titels kann er nicht akzeptieren: "Ich bin enttäuscht. Die Entscheidung ist bitter für mich, da ich bis zuletzt von der Zulässigkeit meiner Arbeit überzeugt war. Ich habe gedacht, mich an die damalige Promotionsordnung gehalten zu haben."

Die Wahrheit ist: Chatzimarkakis hat in vielen Fällen keine Gänsefüßchen gesetzt, also Zitate nicht gekennzeichnet. Hätte er es getan, wäre von Anfang an klar gewesen, dass er nur sehr wenig Text selbst geschrieben hat. Laut VroniPlag sind auf 71,58 Prozent der Seiten Plagiate zu finden, diese Zahl ist auch im Vergleich zu anderen Plagiatsfällen erdrückend. Ob die Affäre für Chatzimarkakis berufliche Folgen haben wird, ist offen. In der FDP-Zentrale hieß es auf stern.de-Anfrage, sein Mandat als EU-Parlamentarier sei an die Person gebunden - im Klartext: Entweder er gibt es aus freien Stücken ab oder nicht. Auf Ebene der Partei hat der 45-jährige ohnehin keine wichtigen Funktionen mehr. Er ist nicht mehr Generalsekretärs des saarländischen Landesverbandes, den Bundesvorstand verließ er im Juni 2011.

Verschärfte Promotionsordnung

Chatzimarkakis gilt im politischen Berlin als Brausekopf und Windhund - auch deshalb kam seine Parteikarriere wohl nie so richtig voran. Im stern schlug er mal eine Fusion von Grünen und FDP vor, wofür ihn beide Parteien verbal durchprügelten. In der FDP-Führungskrise Anfang 2011 bezog er frühzeitig und klar Position gegen den damaligen Parteichef Guido Westerwelle, auch das trug ihm ebenso viel Aufmerksamkeit wie Ärger ein. Zum Thema Griechenland war Chatzimarkis ein gern gesehener Gast in TV-Talkshows, seine wichtigste politische Aktion fingerte er jedoch hinter den Kulissen: Chatzimarkakis war einer der Geburtshelfer der Jamaika-Koalition im Saarland.

Mit dem Plagiatsfall hat sich nicht nur Chatzimarkakis, sondern auch die Wissenschaft einmal mehr blamiert. "Wir haben kein Interesse daran, dass man den Eindruck gewinnt, man könnte durch ein bisschen Zusammenkopieren einen Doktortitel bekommen", sagte ein Sprecher der Uni Bonn zu stern.de. Deswegen soll die Promotionsordnung nochmals verschärft werden. Künftig müssen Bonner Doktoranden ihre Arbeiten in elektronischer Form abgeben, damit sie mit einer Plagiatssoftware getestet werden können - was, im Jahr 2011, noch immer kein Standard ist. Außerdem sollen die Zitierrichtlinien unmissverständlich festgeschrieben werden. Zusätzlich strebt die Uni Bonn eine intensivere Betreuung der Kandidaten an. In der politischen Debatte ist ein "strukturiertes Promotionsprogramm", das regelmäßige Diskussionen und Checks vorschreibt. Das ist ganz im Sinne der FDP, die sich in Sachen Bildung kaum noch aus der Parteizentrale heraus trauen kann - immerhin hat sie mit Koch-Mehrin, Chatzimarkakis und Mathiopoulos gleich drei Plagiatsfälle am Bein. Der forschungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Martin Neumann, sagte stern.de, es wäre Zeit für einen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik, um die Qualität wissenschaftlichen Arbeitens zu sichern.

Doktorarbeit Nummer 2

Dem wird sich Chatzimarkakis stellen müssen, wenn er wahr macht, was er im Gespräch mit stern.de ankündigte: eine neue Doktorarbeit zu schreiben. Dies aber nur für den Fall, dass er den alten Titel nicht doch behalten könne. Er werde die Gutachten, die zur Aberkennung geführt haben, auch juristisch prüfen, sagte der FDP-Politiker. In seiner Außendarstellung hält er sich, sicher ist sicher, zunächst einmal an das Verdikt der Uni. Gegen 17.30 Uhr, als stern.de bei Chatzimarkakis nachfragte, warum auf seiner Homepage immer noch der Doktortitel stünde, sagte er, man solle mal die Seite aktualisieren. Und schwupp war das "Dr." vom Bildschirm verschwunden.

Mitarbeit: Laura Himmelreich

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