Rösler bleibt, Brüderle wird Spitzenkandidat

18. Januar 2013, 15:54 Uhr

In Berlin brodeln die Gerüchte - die sich aber zu einem plausiblen Plan verdichten: Schafft es die FDP in Niedersachsen, bleibt Rösler Parteichef, Brüderle wird Spitzenkandidat. Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

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Gesichtswahrende Lösung angepeilt: FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und Parteivorsitzender Philipp Rösler©

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Das ist, sinngemäß, die Nachricht, die jeder hörte, der versuchte, an diesem Freitagvormittag die Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag auf ihrem Handy zu erreichen. Beatrix Brodkorb, so heißt die Sprecherin, ist eine Vertraute von Rainer Brüderle, dem Chef der Fraktion. Und es gäbe einiges zu erklären, deswegen rufen so viele an. Aber Brodkorb will nichts erklären. Dabei bleibt es auch, als stern.de sie doch noch an die Strippe bekommt.

Im ARD-Morgenmagazin hatte Brüderle ein paar Sätze gesagt, die aufhorchen lassen. Es habe keinen Sinn, die ohnehin anstehende Neuwahl der Führung allzu lange heraus zu zögern. Er könne sich vorstellen, dass der Parteitag, eigentlich für Anfang Mai geplant, auf Februar oder März vorgezogen würde. Gleichzeitig äußerte sich Brüderle zum glücklosen Parteichef Philipp Rösler. Ein vorzeitiger Rücktritt Röslers sei "unwahrscheinlich". Und: "Ich stehe hinter Philipp Rösler".

Bitte keine blutigen Hände

Wie bitte? Ja, was denn nun? Einerseits erhöhte Brüderle mit diesen Sätzen den Druck auf Rösler und schloss seinen Rücktritt nicht aus. Andererseits gab er eine Solidaritätsadresse für ihn ab. Das lässt sich - so sind nun mal die Berliner Wortschachspiele - als besonders perfide Form der Meuchelei lesen. Nach der Devise: Ich weiß, Rösler muss weg, ich weiß, ich muss ran, aber ich will keine blutigen Hände haben.

So ist es aber offenbar nicht. Nach einigen Gesprächen mit FDP-Insidern in Bund und Land, die stern.de geführt hat, zeichnen sich vielmehr folgende Szenarien ab. Szenario 1: Die Liberalen scheitern am Sonntag bei der Landtagswahl in Niedersachsen. Dann ist Philipp Rösler nicht mehr zu halten, die Personalfrage wäre offen. Szenario 2: Die FDP zieht mit sechs, vielleicht sogar sieben Prozent wieder in den Landtag ein. Dann würde die Parteispitze rasch eine Erklärung abgeben: Rösler bleibt Parteivorsitzender, Brüderle wird Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Ein Revolutiönchen.

Röslers Muskelspiel

Das wahrscheinliche Szenario trägt die Nummer 2. Nicht nur, weil die Liberalen in den vergangenen Wochen in den Umfragen zur Landtagswahl in Niedersachsen aufgeholt haben. Sondern auch, weil der Plan perfekt zu den Äußerungen, Auftritten und in Hintergrundgesprächen gestreuten Bemerkungen über das ungleiche Duo passt. Demnach hat Brüderle gar keine Lust, Parteivorsitzender zu werden. Weil er sich nicht überlasten will. Und weil er weiß, dass er doch nur eine Notlösung wäre, ein Lückenfüller, bis endlich der von allen Seiten herbeigebetete Christian Lindner das Amt übernimmt.

Rösler wiederum hat in den vergangenen Wochen wenig Zeichen von Schwäche gezeigt. Im Gegenteil: Er hat in Niedersachsen Wahlkampfauftritt auf Wahlkampfauftritt absolviert, einmal zusammen mit Brüderle in Bissendorf bei Osnabrück, der ihn in seiner Reden mit zuckrigem Lob überzog. Am Donnerstag gab Rösler eine Regierungserklärung im Bundestag ab, es war ein ungewohnt kämpferischer Auftritt, ein Muskelspiel, das seinen Parteifreunden signalisieren sollte: Glaubt ja nicht, dass ich so einfach weiche. Ein Bambus biegt sich im Wind, aber er bricht nicht. Das ist die Metapher, die Rösler mal für sich selbst gewählt hat. Vor und nach dem Auftritt, so war zu hören, telefonierte er sich emsig durch die Partei. Um Mitstreiter zu mobilisieren.

Böser Bambus-Vergleich

Zu denen neuerdings offenbar auch Brüderle gehört. Jedenfalls schien es selbst der Nachrichtenagentur DPA "auffällig", wie Rösler in einem Interview mit der "Rheinischen Post" am Freitag die Zusammenarbeit mit dem Fraktionschef lobte - sie sei vorbildlich. "Wir ergänzen uns gut", sagte Rösler. Dieses Einvernehmen ist deshalb so bemerkenswert, weil Brüderle zu den Opfern gehörte, als die Boygroup Rösler, Lindner und Daniel Bahr die Partei übernahmen. Rösler drängte Brüderle aus dem von ihm heiß geliebten Amt des Wirtschaftsministers, Brüderle rächte sich mit abfälligen Bemerkungen über den "Säuselliberalismus" der Jungen und mit einem bösen Vergleich zum Bambus. Er, Brüderle, sei die Eiche, sagte er. Daraus konnte jeder seine Schlüsse ziehen.

Dem Vernehmen nach könnte der Parteitag in Nürnberg auf den 23. und 24. März vorgezogen werden. Dort würden die Delegierten Rösler und Brüderle in ihren jeweiligen Funktionen bestätigen, außerdem Christian Lindner zum stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen. Das käme dem Wunsch der FDP entgegen, zügig Klarheit über die Personalaufstellung zur Bundestagswahl zu haben. Und wäre eine gesichtswahrende, geschmeidige Lösung für Brüderle und Rösler.

Abrechnung am Sonntag, 18 Uhr

Der Plan steht und fällt mit dem Ergebnis der Landtagswahl in Niedersachsen. Abgerechnet wird am Sonntag, 18 Uhr. Wie die Abrechnung aussehen könnte, überlegen sich Berliner Politiker besser schon vorher.

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