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Die Boygroup der Liberalen

Nach dem Abgang von Guido Westerwelle als FDP-Parteichef dreht die Boygroup der Thirtysomethings auf: Christian Lindner, Philipp Rösler, Daniel Bahr. Was sind das für Typen?

Von Julius Leichsenring und Hans Peter Schütz

  Trio liberal: Daniel Bahr, Philipp Rösler und Christian Lindner (v.l.n.r)

Trio liberal: Daniel Bahr, Philipp Rösler und Christian Lindner (v.l.n.r)

Noch gibt es kein aktuelles gemeinsames Foto, keine Autogrammkarten, keinen Werbespot. Aber sie spielt hinter den Kulissen schon auf, die neue Boygroup der Liberalen: Generalsekretär Christian Lindner, 32, Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, 38, und NRW-Landeschef Daniel Bahr, 34. Das Trio liberale, das neue Machtzentrum, die Erben. Sie werden die Geschicke der FDP lenken, nachdem Guido Westerwelle am Sonntag das Handtuch geworfen hat.

Vor zwei Jahren stellten sie ihr gemeinsames Buch vor: "Freiheit gedacht, gefühlt, gelebt". Ein Journalist wollte wissen, ob das Buch ein Angriff auf Westerwelle sei. Lindner antwortete, sie seien keine Gegner Westerwelles. Sondern seine "Prätorianergarde" - im antiken Rom waren das die Leibwächter des Kaisers. Der Vergleich war sicher maßlos übertrieben, aber loyal waren sie. Noch vergangene Woche versuchten sie, Westerwelle zu retten (auch um nicht selbst auf dem Posten des Parteichefs verheizt zu werden) - vergeblich.

Schwiegermutters Lieblinge

Nun müssen sie auf die Bühne, die Thirtysomethings, und das Bürgertum wird Beifall klatschen. Denn das ist eine Band, vor der niemand warnen muss. Rösler, Lindner und Bahr sind keine Rebellen, sondern Einser-Schüler und Mittelstandskinder, die gerne über ihr gutes Verhältnis zu ihren Eltern reden. Sie haben auf Partys und Rucksackreisen verzichtet, um in der Partei Karriere zu machen. Kaum erwachsen, gingen sie zur Bundeswehr (Rösler), gründeten Unternehmen (Lindner) oder machten eine Banklehre (Bahr). Ihre verwegenste Seite sind ihre Essensvorlieben: Lakritz (Rösler und Bahr), Miracoli-Fertigsoße (Lindner).

Kann ein Trio funktionieren? Bei der SPD gab es das schon mal - Gerhard Schröder, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine - und es ist rasch gescheitert. Aber das muss ja nicht immer so sein. Die Jungstars im Einzelporträt.

Philipp Rösler, 38

Ein Gesicht wie Porzellan, feine Anzüge, beste Manieren: Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler gilt als heißer Anwärter auf den Posten des FDP-Parteichefs. Scharf darauf war er nicht, Machthunger scheint Rösler fremd zu sein. Das Amt des Gesundheitsministers hat er 2009 nur auf Drängen Westerwelles übernommen. Er war Wirtschaftsminister in Niedersachsen, fühlte sich dort heimisch, hatte geheiratet, war Vater der Zwillingstöchter Gesche und Grietje geworden. Das Haus für die Familie war gerade gekauft, als Westerwelle anrief. Und Rösler ließ sich in die Pflicht nehmen - in der ersten Zeit übernachtete in seinem Berliner Büro auf einem Feldbett.

Rösler, ein Waisenkind aus Vietnam, die biologischen Eltern: unbekannt. 1973 adoptiert ihn ein deutsches Paar, er wächst in Niedersachsen auf. Er sei nie wegen seines Aussehens gehänselt worden, sagt Rösler. Das einzige, was ihn von anderen Kindern unterschieden habe, seien die "mandelförmigen Augen" und "eine etwas flachere Nase". Tatsächlich zog er sogar einen Vorteil aus seinem Aussehen - weil seine Schulkameraden dachten, er könne Karate.

Nach vier Jahren trennen sich die Adoptiv-Eltern, Philipp bleibt bei seinem Vater, einem Bundeswehrpiloten. Nach dem Abitur studiert er Medizin am Hamburger Bundeswehrkrankenhaus. 1992 tritt er als Stabsarzt den Liberalen bei und erlebt Zeiten, an die er sich nur ungern erinnert: "Die FDP wurde an Wahlabenden unter Verschiedenes abgehandelt. Und wenn in der 'Hannoverschen Allgemeinen' mal ein Einspalter über uns erschien, waren alle begeistert, und das wurde herumgeschickt."

Schleudersitz Gesundheitsministerium

Dann aber geht es im Turbotempo vorwärts: 2000 wird Rösler stellvertretender Generalsekretär der niedersächsischen FDP, drei Jahre später Fraktionschef im Landtag, 2009 Wirtschaftsminister, wenige Monate später Bundesgesundheitsminister. Der Posten ist ein Schleudersitz, noch hat sich jeder Amtsinhaber im Dickicht der Lobbyinteressen verhakelt.

Auch Rösler, der mit großer Geste die Kopfpauschale einführen wollte, schrumpfte bald auf Normalmaß zusammen. Ein bisschen Zuzahlung hier, ein bisschen Medikamenten-Rabatt da, mehr war nicht. Dafür aber jede Menge Ärger. Zum Beispiel, weil er ausgerechnet Christian Weber, den langjährigen Lobbyisten der Privaten Krankenversicherung (PKV), auf den Posten eines Staatssekretärs hievte. Und weil in seiner Amtszeit die Krankenkassenbeiträge erhöht wurden - dafür aber die Ärzte mehr Geld bekamen.

Liberalismus mit Herz

Mit Generalsekretär Christian Lindner verbindet Rösler die Sehnsucht nach einer erneuerten FDP, die mehr als das Wort "Steuersenkungen" buchstabieren kann. In ihrem gemeinsamen Buch fordern sie, das liberale Themenspektrum zu verbreitern, eine andere "Tonalität", mehr "Empathie". Letztlich seien Personen für den Erfolg einer Partei entscheidend. "Authentisch, kompetent, und sympathisch" müssten sie sein.

Vielleicht hat Rösler dabei auch an sich gedacht. Westerwelles Kurs hat Rösler früh kritisiert. Die reine Ordnungspolitik gehe "schlichtweg an den Menschen vorbei". Die FDP müsse sich auf ihre Tradition als Bürgerrechtspartei besinnen und den Grünen, vor allem in den Städten, im "Häuserkampf" Paroli bieten. Die Tugend der Solidarität dürfe man auf keinen Fall der SPD allein überlassen.

Schluss mit 45?

Im Bundestag hat er gezeigt, dass er reden kann - angriffslustig, ohne Spickzettel. Nun muss er sich nicht gegen einen politischen Gegner durchsetzen, sondern in der Partei. Will Rösler tatsächlich Leadsänger der Liberalen werden, muss er das unpopuläre Gesundheitsministerium verlassen - und sich das Wirtschaftsministerium schnappen. Aber Amtsinhaber Rainer Brüderle hat angekündigt, nicht freiwillig zu gehen. Lösung: unbekannt.

Mit 45 Jahren wolle er mit der Politik Schluss machen, hat Rösler einmal gesagt. Meint er das ernst? Seine Freunde versichern, bisher könne sich Rösler nichts Schöneres vorstellen als die Politik. Mit dem Ausstiegsszenario kokettiere er nur. Dahinter steht offenbar der Wunsch, sich von der Politik nicht vereinnahmen zu lassen. Sein Motto: "Man muss den Tiger reiten, ohne sich von ihm fressen zu lassen."

Christian Lindner, 32

Er ist für viele der Kronprinz der Partei, der klügste und beste, und deshalb der geborene Nachfolger von Guido Westerwelle: FDP-Generalsekretär Christian Lindner. Schleswig-Holsteins Fraktionschef Wolfgang Kubicki nennt ihn ein "ein Juwel der Partei" - größer kann ein Kompliment nicht sein.

Doch Lindner will noch nicht in die vorderste Reihe: Er hält sich für zu jung. Und er möchte erstmal das FDP-Parteiprogramm fertig stellen. Das ist für ihn, den Intellektuellen, die größte und interessanteste Baustelle des Liberalismus. Vieles hat er schon vorformuliert: "Ungleichheit ist die Hefe im Teig der Marktgesellschaft" ist so ein Satz.

"Bambis" Aufstieg

Fraglos ist Lindner ein politisches Ausnahmetalent. 2000 zieht er für den Wahlkreis Wermelskirchen mit 21 Jahren in den nordrhein-westfälischen Landtag ein. Damals profitiert er von dem Wahlkampf des Landeschefs Jürgen Möllemann, der die FDP nach fünfjähriger Abstinenz mit 9,8 Prozent zurück ins Parlament führt. ´

Wegen seines Alters bekommt Lindner innerhalb der Fraktion den Spitznamen "Bambi" verpasst. Er hasst den Spitznamen, seinem kometengleichen Aufstieg schadet das Klischee nicht.

2004 wird er Generalsekretär der Landespartei, drei Jahre später Mitglied im Bundesvorstand. Guido Westerwelle erkennt sein Talent - und holt ihn 2009 nach Berlin. Dort wird er Generalsekretär der Bundes-FDP. "Man wird wenige finden, die sich in jungen Jahren schon so bewährt haben", sagt Westerwelle bei seiner Ernennung.

Antithese Westerwelles

Inhaltlich drängt der 32-jährige Oberleutnant der Reserve ebenso wie Rösler darauf, die Partei breiter aufzustellen - es soll ein mit mitfühlender, Hoffnung spendender Liberalismus sein, der sich verstärkt für Bürgerrechte, Frauen und Umwelt einsetzt.

Die einseitige Bindung an die Christdemokraten ist ihm ein Dorn im Auge. Der studierte Politikwissenschaftler tritt für einen Dialog ein, der die Gräben zwischen Willy-Brandt Haus und Thomas-Dehler-Haus zuschütten soll. "Die Welt" nennt ihn sogar "eine Art Antithese Westerwelles für das linksliberale Establishment".

Trotzdem: Lindner hat sich nie offen mit Westerwelle angelegt. Er hat sich einen eigenen Freiraum erarbeitet, aber blieb loyal, bis zuletzt. Lindner, mit einer Journalistin liiert, steht auf schnelle Autos - er fuhr privat einen Porsche Boxster und einen alten 911 - und kann ohne Manuskript Reden halten, in denen er fehlerfrei Dahrendorf oder Sloterdijk zitiert. Er hat auch, ebenso wie Westerwelle, einen Segelschein. Gemeinsam auf einem Boot waren sie jedoch noch nie.

Daniel Bahr, 34

Ein smarter Jüngling mit einem charmanten Lächeln. Aber er kann auch anders. Als der Streit um die Kopfpauschale zwischen FDP und CSU eskalierte, sagte er, die Bayern würden sich benehmen wie eine "Wildsau". Und die Praxisgebühr, unter der Großen Koalition eingeführt, wollte er auch mal umtaufen. "Ulla Schmidts Gedächtnisbeitrag" sollte sie heißen.

Daniel Bahr, erst 34 Jahre alt, aber seit 1992 FDP-Mitglied, scheut den politischen Konflikt nicht, auch innerhalb seiner Partei. Bereits bei seiner Antrittsrede als NRW -Landesvorsitzender im November stellte der studierte Volkswirt fest, dass die FDP "in einer ernsten, aber nicht hoffnungslosen Lage" sei. Sie dürfe sich deswegen zukünftig nicht nur auf einen fokussieren. "Ein Zugpferd statt vier Ponys", das sei nun nicht mehr möglich. Ein klarer Seitenhieb gegen Westerwelle.

Liberaler Hoffnungsträger

Bahr hat seit langem Chancen auf einen vorderen Platz in der FDP, viele sehen ihn als liberalen Hoffnungsträger. Das nötige Machtbewusstsein hat er: Nachdem Andreas Pinkwart den Schreibtisch des Landesvorsitzenden in NRW räumte, machte der frühere Juli-Chef Bahr seinen zwei Konkurrenten Gisela Piltz und Alexander Graf Lambsdorff schnell klar: Ich bin der Bessere. Am Ende war er der einzige Kandidat - 83,4 Prozent der Delegierten stimmten für ihn.

Damit hat er den mitgliederstärksten Landesverband auf seiner Seite, ein Machtfaktor, der ihm in der Partei ein besonderes Gewicht verleiht. Sollte es zu Neuwahlen in NRW kommen, müsste er Spitzenkandidat der Liberalen werden und die Berliner Bühne vorübergehend verlassen. Aber auch nur vorübergehend: Wird Rösler Parteichef und geht ins Wirtschaftsministerium, würde Bahr das Gesundheitsministerium übernehmen. Dann hätte er ein Argument, um wieder nach Berlin zurückzukehren.

Der Kopf hinter dem Minister

Schon jetzt ist er der Minister hinter dem Minister: Bahr ist der gesundheitspolitische Kopf der Liberalen. Er war zunächst Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, 2009 rückte er zum parlamentarischen Staatssekretär im Gesundheitsministerium auf. Nun regiert er das Haus womöglich bald selbst.

Keine schlechten Aussichten für einen, der eher zufällig zur FDP stieß. Bei der Recherche für einen Schülerzeitungsartikel habe er, gemerkt, "dass die sich über dieselben Dinge in der Schulpolitik aufregten wie ich", sagte Bahr. Der damals 14-jährige trat den Jungen Liberalen bei - und war sieben Jahre später ihr Chef.

Das politische Handwerk hat Bahr noch unter dem ehemaligen FDP-Landeschef Jürgen Möllemann erlernt. Strikt konservative Ansichten, wie die seines Vorgängers, sind ihm jedoch fremd. Er lehnt vielmehr eine einseitige Bindung an die Christdemokraten ab. Ebenso wie Lindner und Rösler plädiert auch Bahr für eine FDP-Programmatik, die sich nicht auf das Kernthema Steuern beschränkt.

Möchtegern Schröder

Wieviel Pfeffer Bahr im Hintern hat, beschreibt eine kleine Szene, die sich vor rund zehn Jahren ereignete: Bahr rüttelte an den Stäben des Berliner Kanzleramtes - eine Anspielung auf den jungen Gerhard Schröder, der das mal beim Bonner Kanzleramt gemacht hatte. Bahrs Aktion war als Spaß gemeint. Damals.

Mitarbeit: lk

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