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5. November 2009, 18:30 Uhr

Wer's glaubt, wird gelb

Nur vier Wochen nach der Bundestagswahl sacken die Umfragewerte der FDP auf ein Jahrestief. Der Grund: Die Liberalen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem - sie haben zuviel versprochen. Eine Analyse von Sebastian Christ

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Den Wählern zu viel versprochen? FDP-Chef Guido Westerwelle© Arno Burgi/DPA

Was ist ein politischer Vertrauensbruch? Vielleicht schon dieser einfache Satz: "Wir halten Wort". Er steht als Überschrift auf einem Flugblatt der FDP. Darunter gleicht die ehemalige "Umfallerpartei" 14 liberale Wahlkampfforderungen mit dem Koalitionsvertrag ab. Nach Lesart der FDP eine makellose Bilanz. Doch es lohnt sich, das Flugblatt genau durchzulesen. Ein Beispiel: Als Beleg für die durchgesetzte "große Steuerreform" zitiert das Flugblatt folgende Passage aus dem Koalitionsvertrag: "Wir werden dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt, dass den Bürgern mehr Netto vom Bruttoeinkommen bleibt. Das Steuersystem und das Besteuerungsverfahren werden wir deutlich vereinfachen und für die Anwender freundlich gestalten." Kein Wort über das "Wie", kein Wort über das "Wann", kein Wort über das "Wieviel". Das wäre auch riskant, denn alle kostenträchtigen Maßnahmen stehen - auch das lässt sich im Koalitionsvertrag nachlesen - unter Finanzierungsvorbehalt. Heißt: Im Koalitionsvertrag ist nur die Absicht zu einer Steuerreform vereinbart, mehr nicht.

Die FDP feiert sich trotzdem. Auf dem FDP-Parteitag Ende Oktober stand Guido Westerwelle breitbeinig am Podium und verkündete, dass seine Partei alle 20 Kernforderungen durchgesetzt habe: "Versprochen. Gehalten. Das ist die Devise der Freien Demokratischen Partei." Pikant: Kurz darauf gab CSU-Chef Horst Seehofer zu Protokoll, in der letzten Verhandlungsnacht habe seine Partei 13 Forderungen der Liberalen abgeschmettert - zum Beispiel eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Das verbucht Seehofer öffentlich als seinen Erfolg. Wer hat recht, wer ist glaubwürdig?

84 Prüfaufträge, 6 Kommissionen

Die FDP hat ein Problem. Elf Jahre saß sie in der Opposition, elf Jahre musste sie sich keinem Realitätstest unterziehen. Da war es für die Liberalen einfach, Forderungen aufzustellen und sie gebetsmühlenartig zu wiederholen. Weniger Staat! Mehr Wettbewerb! Entbürokratisierung! Steuersenkungen! Und während sich die Große Kaolition abmühte und immer wieder nur Minimalkompromisse produzierte, gewann die Marke FDP Glaubwürdigkeit und Strahlkraft: Die FDP sagt, was sie will und sie steht dazu. Das half den Liberalen, bei der Bundestagswahl mit 14,7 Prozent ein Rekordergenis einzufahren. Nun, rund eine Woche nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen, sieht die Lage schon ganz anders aus. In der aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des stern verliert die FDP drei Prozentpunkte.

"Ich denke, dass es eine gewisse Entzauberung gegeben hat", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner zu stern.de. "Viele FDP-Wähler waren Abwanderer von der Union. Mittelständler, die in der FDP eine Alternative im bürgerlichen Lager sahen." Eine, die der behäbig gewordenen Union richtig Dampf macht. Die den Aufschwung herbei regiert. Die lange aufgeschobene Reformen durchzieht. Diese Hoffnung haben sich nicht wirklich eingelöst. Das hat zum einen etwas der Personalauswahl der Liberalen zu tun. Güllner sagt, die Menschen würden einem Philipp Rösler oder einem Dirk Niebel nicht zutrauen, Deutschland in andere, bessere Zeiten zu führen. Hinzu kommt der vorläufige Charakter des Koalitionsvertrages: Union und FDP haben sich in sehr vielen Punkten nur auf Absichtserklärungen einigen können. Im Vertrag sind 84 Prüfaufträge und die Einsetzung von 6 Kommissionen vereinbart. Das ist kein Signal zum Aufbruch. Sondern eine Vertagung.

Liberale Wahlversprechen kippen

Zudem gibt es erste Anzeichen für liberale Wahllügen. Das eklatanteste Beispiel: Vor der Bundestagswahl hatte die FDP noch getönt, sie wolle das Entwicklungshilfeministerium abschaffen. Es sollte dem Außenministerium zugeordnet werden, das Budget um eine halbe Milliarde Euro sinken. Doch bei den Koalitionsverhandlungen machten die Liberalen eine 180-Grad-Wende. Plötzlich wurde Dirk Niebel, ein Mann ohne jede Vorkenntnisse auf diesem Politikfeld, zum Entwicklungshilfeminister gekürt. Und der beabsichtigt nun keineswegs mehr, seinen eigenen Job einzusparen.

Außerdem ist das liberale Kernprojekt, die Steuersenkungen, gefährdet. Die Steuerschätzung, deren Daten am Donnerstag offiziell publiziert werden, zeigt, dass Bund und Länder in den kommenden Jahren keinen finanziellen Spielraum haben werden. Kommt die Steuerreform, darunter der für 2011 angedachte dreistufige Tarif, müssten die Ministerpräsidenten gleichzeitig enorme Einnahmeausfälle verkraften. Der Niedersachse Christian Wulff beklagte deshalb schon bei den Koalitionsverhandlungen den "steuerpolitischen Blindflug" der FDP. Auch andere CDU-Landesfürsten sind wenig geneigt, ihre Haushalte auf dem Altar der FDP zu opfern. Damit hätten die Liberalen freilich auch schon vor der Bundestagswahl rechnen können, sie regiert schließlich in knapp der Hälfte aller Bundesländer mit. Aber Schuld sind ja im Zweifel immer die anderen. Um die eigene Glaubwürdigkeit zu wahren, insistiert Westerwelle öffentlich auf Steuersenkungen. Und deutet mit dem Zeigefinger auf die Spielverderber aus den Ländern. Das nennt man dann Polit-PR. Eigentlich ist es Wählerbetrug.

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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Bene1987t (05.11.2009, 22:47 Uhr)
Was soll das?
Wie kann man ein Urteil über eine Regierung fällen, die erst eine woche im Amt ist? DAss die FDP sich nicht mit allem durchstezen würde, war doch hoffentlich klar?!? Man sollte doch lieber erst mal ein paar Wochen oder Monate abwarten bis man das Maul aufreißt und immer bedenken, dass die Union der weitaus größere Partner ist. Ich sehe nicht, wo die FDP an zentralen Stellen nachgegeben hätte, denn es ist noch nichts beschlossen worden. Und die Kritik an Rössler ist ein wWitz. er ist der sympathischte und intelligenteste von allen. In Niedersachsen hat er großes Ansehen und hält jede Rede ohne Papier. Zudem hat er im weitesten Sinne ausländische Wurzeln und symbolisiert auch in so weit eine Trendwende. Gerade eine wie die NEw York Times schreibt center right government zeigt den deutschen wie man Frauen, Schwule und Ausländer in Spitzenpositionen bringt. Klar gibt es jetzt auch schon Dinge die auch mir missfallen: schäuble weiter dabei, jung weiter dabei, wehrpflicht bleibt in abgemilderter form, aber bisher sehe ich keine FDP Forderung auf dem Abstellgleis und wenn die Leute merken, dass ihre Freiheit in dieser Regierung von der FDP verteidigt wird, dass die FDP es ist die unsinnige Ausgaben streicht und den Bürgern ihr Geld belässt und Abrüstung von der FDP betrieben wird, dass die Dynamik der Regierung maßgeblich von der FDP kommt, dann werdne die Umfragen auch wieder besser. Wenn die FDP das nicht schafft, dann ist ein Absturz gerechtfertigt, heute definitiv noch nicht.
Eisenbaer (05.11.2009, 19:19 Uhr)
Soll das heißen....
....irgendein Wähler hätte die gebetsmühlenartig vorgetragene Leier vpn den Steuersenkungen geglaubt und deshalb die FDP gewählt?
ganzbaf (05.11.2009, 19:00 Uhr)
Das Geld ist nicht alle...

es haben nur die Banken und Reichen ;-)
erichmonika (05.11.2009, 18:50 Uhr)
Westerwelle und die soziale Großtat
Kürzlich hat der o. g. bei seiner Partei sich gelobt und zwar dafür, dass er das sog. Schonvermögen für angehende Hartz 4 Empfänger auf 750 ? je Arbeitsjahr erhöht habe und dass daher die FDP die ware soziale Partei sei. Das ist nur die halbe Wahrheit, also eine politische Lüge, denn

1. Betrifft diese Regelung nur weniger als 1 % der Hartz 4 Empfänger - denen sei das gegönnt - aber

2. war das genau der Betrag, den Rot - Grün bereits bei Einführung von Hartz 4 vorgeschlagen hatte und den die FDP/CDU Länder abgelehnt hatten. Auf deren Druck wurde der Betrag von 250 ? eingeführt.

So geht das mit allen Forderungen der FDP und ihrem Vorsitzenden. Die Wahrheit wird solange gedreht, bis es stimmen soll. Wir werden hat verarscht.

Benkku (05.11.2009, 17:44 Uhr)
Traue keinem Emporkömmling!
Günter Grass hat vor Jahren einmal in einem Interview etwas gesagt, was wir von der Generation zu erwarten hätten, die vornehmlich aus Einzelkind-Nachwuchs besteht. Ich habe das Gefühl, daß da was dran ist, was das nicht mehr erlebte Gemeinschaftgefühl anbetrifft. Früher sagte man: Traue keinem über Dreißig. Heute sage ich salopp: Traue keinem egoistischen Emporkömmling, der aus einer Einkindfamilie hervorgegangen ist, von der rauhen Arbeitswelt keinen blassen Schimmer hat, aber über das Schicksal der gebeutelten Allgemeinheit mit zu bestimmen hat.
Benkku (05.11.2009, 17:17 Uhr)
...wer nichts verdient, gibt auch nichts ab.
Man kann keinem, der auf der Intensivstation liegt, Blut abzapfen wollen.
.
Nochmals: Totale Massenproduktion schafft Überangebot und Massenarbeitslosigkeit.
raptor-xl (05.11.2009, 17:04 Uhr)
@Benkku
viele, die hier posten, halte ich nicht zur gruppe der sozialabgabenpflichtigen gehörend. aber sie geben es nicht zu.

und diese gruppe wird auch nie für die allgemeinheit haften, denn wer nichts verdient, gibt auch nichts ab.

aber genau diese gruppe -die keiner verantwortung in der gesellschaft trägt- meckert am meisten. und das nur aus einem grund: das neben steuerschlupflöcher bei reichen, auch demnächst stärker bei sozialmißbrauch hingeschaut wird. darin liegt die größte angst vieler...

die derzeit arbeitende bevölkerung hat andere probleme. und bitte schauen sdie doch mal nach, was neoliberal überhaupt bedeutet. a.) ist es nicht passend und b.) ist es schon derart langweilig, weil inflationär für jede meckerei mißbraucht
Benkku (05.11.2009, 16:56 Uhr)
@raptor
"... die meisten, die sich über politikvorschläge a la westerwelle aufregen, sind doch die, welche davon definitiv nichts haben..."
.
Frei nach Adam Riese hat die Allgemeinheit für den Schaden aufzukommen, den die FDP anrichtet.
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"... um aber das zu verschleiern, dass man scheinbar kein eigenes einkommen hat ..."
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Wie kann man etwas verschleiern, das man scheinbar! nicht hat? Ich sag's ja, wenn die Neoliberalen nicht mehr weiter wissen, fangen sie an, wirres Zeugs zu reden oder Verwirrspiele zu betreiben.
raptor-xl (05.11.2009, 14:45 Uhr)
sehen wir es doch mal nüchtern...
die meisten, die sich über politikvorschläge a la westerwelle aufregen, sind doch die, welche davon definitiv nichts haben...

um aber das zu verschleiern, dass man scheinbar kein eigenes einkommen hat, welches durch mehr netto attraktiver würde, werden eben immer die themen soziale kälte und superreiche (als alternativfeindbild) vorgeschoben. reicht das immer noch nicht, dann kommen die abstrusen verschwörungstheorien...

Tempelhofer (05.11.2009, 13:50 Uhr)
Henny_Jimdrix
Berichtet dann Stern.de über die Vorhersage von Sonnenschein und Sommerwetter, ist dies für die linken Anhänger natürlich dann auch wieder Teil einer globalen Verschwörung von Bertelsmann, der CIA und den Freimaurern.
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