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Mer sin viele - oder doch ned?

Die baden-württembergische FDP baggert um jede Stimme - in Berlin bespaßte sie sogar Briefwähler aus dem Ländle. Frage: Gibt es die überhaupt in nennenswerter Zahl? Eine erfolglose Recherche.

Eine Glosse von Karoline Böhme

FDP Wahlwerbung

Die FDP Baden Württemberg hat für einen Tag Wahlplakate im Prenzlauer Berg angebracht.

Berlin ist die Welthauptstadt der Toleranz. Come as you are. Egal, welche Religion, Hautfarbe, Herkunft oder politische Überzeugung jemand hat, ob er heterosexuell, homosexuell, transsexuell, bisexuell, asexuell, Vegetarier, Veganer oder Eisbein-Fanatiker ist - herzlich willkommen. Es sei denn, es handelt sich um Schwaben.

Die Klischees über diese Spezies - von der Spätzlebetankung über die Kehrwoche bis zur Geiz-ist-geil-Mentalität - haben sich zum "Schwabenhass" verdichtet, der in jedem Berliner Haushalt lustvoll gepflegt wird. Vor allem am Prenzlauer Berg. Dort sollen ja besonders viele Schwaben ihr Unwesen treiben. "Little Stuttgart" mitten in Berlin?

Sagenhafte Zahlen über Schwabylon

Der Bevölkerungsanteil aus dem Ländle muss enorm sein, wenn für die Exilanten sogar Wahlkampf gemacht wird. Jüngst kamen die Invasoren der baden-württembergischen FDP an den Prenzlauer Berg und buhlten einen Tag lang um die Stimmen der Briefwähler. Plakate gab's, ein Video steht online. Doch mal im Ernst: Ist das ein Gag oder lohnt das wirklich?

Anruf bei der FDP Baden-Württemberg. Sie hat behauptet, 300.000 Landsleute würden in Berlin leben. Ähem, woher kommt diese Zahl? Sprecher: "Das war mein letzter Stand." Ach so. Und wie viele davon dürfen in Baden-Württemberg wählen, weil sie dort noch ihren Erstwohnsitz haben? "Das wissen wir nicht." Hmmm. Wie kommen Sie dann darauf, dass ihnen eine Aktion am Prenzlauer Berg hilft? "Das hoffen wir."

"Ach Du meine Güte!"

300.000 - das wäre fast jeder zehnte Berliner. Ein ziemlich großer Teil der Bevölkerung. Also: Anruf beim Bezirksamt Pankow, das für den Prenzlauer Berg zuständig ist. "Ach du meine Güte", sagt die Mitarbeiterin, als sie die Frage hört. Schnell nennt sie eine Mailadresse, an die wir unsere Frage schriftlich stellen dürfen. Das ist gute Berliner Verwaltungspraxis. Erst mal muss ein Zuständiger gefunden werden. Das kann dauern.

Zwischendurch ein Anruf bei der Senatsverwaltung für Inneres, dort laufen ja - theoretisch - alle Erkenntnisse über die Berliner Bevölkerung zusammen. In der Pressestelle hat auch niemand eine Ahnung. Aber sie haben zumindest eine Ahnung, wer Ahnung haben könnte: "Versuchen Sie es beim Amt für Statistik Berlin Brandenburg. Die sind bei so etwas gut aufgestellt!"

Die Technik klemmt, klar

Tatsächlich nennt die Mitarbeiterin des Statistikamtes nicht nur eine, sondern zwei Zahlen. Im Jahr 2014 seien 7259 Baden-Württemberger nach Berlin gezogen, allerdings auch 5945 wieder weggezogen. Und was heißt das jetzt für die Gesamtbevölkerung? Wie viele sind insgesamt da, wie viele sind - ja, darüber müssen wir reden! - illegale Arbeitsmigranten? Wenn das mal einer wüsste. 

Endlich kommt die Antwort vom Bezirksamt Pankow. Leider könnten die Berliner Bezirke eine solche Auswertung nicht erstellen, der richtige Ansprechpartner sei das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten - Sachgebiet IIA 1 - ach, die! Aber, so erklärt es der Mailverfasser fürsorglich, dort fehlten - leider! - bislang die technischen Voraussetzungen, um solche Daten zu erfassen. Zwar sei Besserung in Sicht, aber ... das dauert.

Sie sind unter uns

Tja, so bleibt es ein Geheimnis, wie viele Schwaben unter uns sind. Fest steht nur, dass sie nicht die einzigen Exilanten sind. Die "Berliner Morgenpost" hat zumindest die Größe der Zuwanderungsgruppen mal zusammengestellt. Demnach liegen die Baden-Württemberger nur an fünfter Stelle. Hinter Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die meisten Berliner Neubürger nach der Wende stellt Brandenburg. Nicht auszumalen, wer in den kommenden Jahren hier alles wahlkämpfen könnte. Seehofer in Mitte! Kraft in Charlottenburg! Das ist doch kein Zustand. Es wäre doch eine schöne Aufgabe für die Berliner FDP, den illegalen Zuzug und die Fremdwahlwerber zu stoppen. Schließlich brauchen die Liberalen in der Hauptstadt auch Stimmen. Von angemeldeten Berlinern.

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