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Wo ist Felix?

Seit fast einem Jahr ist der dreijährige Felix verschwunden. Nachdem er von seinem Vater ins Wochenende abgeholt wurde, verliert sich zwischen Heidelberg und dem Elsaß seine Spur. Der Vater beging Selbstmord. Aber was hat er dem Kind angetan?

Von Anette Lache

Ausgerechnet dort, wo Deutschland zum Postkartenbild wird, legte er sich zum Sterben in die eisige Winterkälte. Im Schwarzwald, unweit von Mehliskopf und Mummelsee, in dem nach alter Sage Nixen auf dem Seegrund wohnen. Bei sich hatte Michael Heger bei seinem Freitod nur den Schlüssel seines alten Opel. Aber keinen Hinweis darauf, was er mit seinem kleinen Sohn Felix gemacht hat, der zum Zeitpunkt seines Verschwindens bei ihm war.

Ob Felix noch lebt? Ob er ihn ins Ausland gebracht hat? Oder ob der kleine Junge auch tot ist? Nichts. Eine quälende Ungewissheit. Für Felix' Mutter und für Felix' Großeltern. Manches spricht dafür, dass Michael Heger genau das beabsichtigt hat. Dass dies seine Rache über den eigenen Tod hinaus ist.

Das Wochenende, an dem Michael Heger sein Kind verschwinden lässt, beginnt wie alle Papa-Sohn-Wochenenden. Der 39-Jährige klingelt am Vormittag des 6. Januars dieses Jahres bei seiner Ex-Frau Manuela, 37, im nordbadischen Oftersheim, um Felix, zweidreiviertel, abzuholen. Der Kleine will zunächst nicht mit, heult, klammert sich ans Bein der Mutter. Doch Heger bleibt ruhig. Er ist, scheint es, wie immer. Auch, dass er wieder klagt über die aus seiner Sicht überzogenen Unterhaltsforderungen des Jugendamtes an ihn, ist beruhigend normal. Felix lässt sich schließlich beschwichtigen und in die rote Winterjacke mit der Fellkapuze stecken. Dann ziehen Vater und Sohn los. Die kleine Kinderhand in der Männerhand.

Als Felix am Sonntag nicht wie verabredet um 18 Uhr wieder nach Hause kommt, läuft Manuela die zwei Straßen zur Wohnung ihres Ex-Mannes. Doch alles ist dunkel, sein weißer Opel Astra steht nicht vor der Tür des Wohnblocks, sein Handy ist abgeschaltet. 20 Minuten später ruft sie ihre Eltern im nahen Schwetzingen an. "Ich hatte sofort ein schlechtes Gefühl", sagt die Großmutter, Maria Schmitz, 68. "Ich wusste, da ist was passiert", erinnert sich ihr Mann Johann, 71. Seit diesem Augenblick ist das Leben der Familie ein Leben im freien Fall.

Gegen halb sieben ruft ihre Tochter das erste Mal bei der Polizei an, dann immer wieder. Gegen 20 Uhr kommen Beamte zu ihr in die Wohnung. Manuela erstattet Anzeige. Noch in der Hoffnung, dass ihr Ex-Mann mit Felix ein paar Tage ins nahe Frankreich gefahren ist. Schon einmal hatte er ihn einen Tag später zurückgebracht, weil er mit ihm auf einen Campingplatz gefahren war. Allerdings hatte er damals von unterwegs angerufen.

Am nächsten Morgen durchsucht die Polizei Michael Hegers Einzimmerwohnung im 1. Stock eines tristen Neun-Familien-Hauses. Das Apartment ist zugemüllt, überall Klamotten, Geschirr, Lebensmittel, Zettel, Spielsachen. Im Flur steht hochkant eine Kindermatratze, im Bad Einwegwindeln. Das Bett vor dem großen Fenster ist zerwühlt. Zwischen dem Bettzeug zwei Bücher: "Wenn es dunkel wird - Zum Verständnis des Selbstmordes" das eine, "Der sanfte Tod" das andere. Ein Ratgeber für Lebensmüde, darin die Vor- und Nachteile verschiedener Suizidarten: Durch Autounfall (besser Baum als Mauer), durch Plastiksack, Rasiermesser oder Strick. Aber auch durch "chemische Methoden" wie Eisenhut, Methanol, Aspirin in starker Dosierung in Kombination mit Antibrechmittel, Schlaftabletten "und einem guten Schluck hochprozentigen Alkohols".

Spätestens jetzt ist allen klar: Es könnte auch Schlimmeres passiert sein. Stundenlang suchen Einsatzkräfte der Polizei zwi-schen Schwetzingen und Hockenheim nach Vater und Sohn. Auch mit dem Polizeihubschrauber. Vergebens.

Familiendramen wie dieses scheinen sich zu häufen. Doch laut Statistik sind die Zahlen konstant. 106 langzeitvermisste Kinder unter 14, also solche, die seit mehr als einem Jahr verschwunden sind, gibt es seit 1976 in Baden-Württemberg. Davon sind 71 Fälle Kindesentziehung durch einen Elternteil, oft ins Ausland; die Anzahl der entzogenen Kinder in Deutschland lag Mitte 2006 bei 807.

Töten Mütter ihre Kinder, tun sie es, damit die Kinder nicht mehr dieser vermeintlich schrecklichen Welt ausgesetzt sind. Männer töten ihre Kinder, um sich zu rächen.

Die Beziehung zwischen Manuela und Michael hatte fast 13 Jahre lang gehalten. Kennengelernt hatten sie sich Anfang der 90er an der Uni in Mannheim. Sie studierte dort Betriebspädagogik, er Germanistik, Anglistik und Politik. Zunächst wohnten sie in Mannheim zusammen, ein Jahr später kaufte Manuelas Vater eine Wohnung in Oftersheim, und sie zogen dorthin. Beide schlossen ihr Studium ab, aber großes Interesse an Karriere und 40-Stunden-Woche hatte keiner. Manuela arbeitet zunächst in der Schülerförderung, dann hatte sie einen Teilzeit-Job als Sachbearbeiterin. Michael arbeitete nur sporadisch. Mal als Volkshochschullehrer, mal als Tourenführer in den Bergen oder Verkäufer für Hundefutter. Jeden Job gab er nach kurzer Zeit wieder auf - angebliche Bildschirmallergie oder Sehnenscheidenentzündung, dann war es der Magen oder das Knie. Seinen Sport beeinträchtigten die Leiden nie: Badminton, Wandern, Skilaufen, Golfen, Surfen - in der Freizeit ging alles.

Manuela nahm Michael vor ihren Eltern immer in Schutz: "Lasst ihn in Ruhe", sagte sie. "Sie hat vieles zugedeckt, sie hat ihn ja gerngehabt", entschuldigt Johann Schmitz. Leben ließ sich auch mit seinen Gelegenheitsjobs und Manuelas kleinem Einkommen gut. Und wenn das Geld mal knapp war, sprangen Manuelas Eltern ein. "Herr Heger hat immer auch von uns gelebt", sagt Johann Schmitz. "Herr Heger" nennt er den Ex-Schwiegersohn, seit das mit Felix passiert ist.

Mit Mitte 30 wollte Manuela ein Kind - Felix kam am 8. April 2003 zur Welt. Ende Mai heiratete das Paar standesamtlich. Sie in einem schwarzen Kleid mit großen Blumen, er im grau-beigen Anzug mit Weste. Strahlend.

"Ich hatte ein ungutes Gefühl", erinnert sich Maria Schmitz. Auch wegen der beiden Suizidversuche ihres Schwiegersohns. Eher Hilferufe und schon länger her - aber dennoch. Vor sieben Jahren hatte Heger seine Konten aufgelöst und war verschwunden, angeblich wollte er von einer Brücke springen. Er kam wieder und gab Manuela die Schuld. Sie habe ihn wegen eines Jobs unter Druck gesetzt. Im Jahr 2000 nahm er zwei oder drei Tabletten und stülpte sich eine Plastiktüte über den Kopf. Manuela rief ihre Eltern, beide gelernte Krankenpfleger. "Als wir hin- kamen, war er bei Bewusstsein und hat uns angegrinst", sagt Maria Schmitz. "Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass wir einen Arzt rufen würden. Der hat ihn in die Psychiatrie bringen lassen." Nach wenigen Tagen war Heger wieder zu Hause. Wütend. Auf Manuela und ihre Eltern. Maria Schmitz: "Ich habe damals zu Manuela gesagt: "Trenn dich lieber jetzt. Er wird weiter versuchen, dich unter Druck zu setzen.'"

"Als Felix zur Welt kam", dachte der Großvater, "jetzt ist alles in Ordnung." Heute sagt er: "Aber da habe ich wohl vieles übersehen wollen." Die Wirklichkeit sah anders aus. Manuela war überfordert mit dem schreienden Baby, fühlte sich von ihrem Mann alleingelassen und ärgerte sich, dass er sich jetzt, wo sie nicht mehr arbeitete, immer noch keinen ordentlichen Job suchte. Beinahe täglich fuhr sie die vier Kilometer zu ihren Eltern nach Schwetzingen, ließ Felix bei ihnen oder blieb mit ihm dort. Maria und Johann Schmitz waren mehr Eltern als Großeltern.

Mitte November 2003 trennte sich Manuela von ihrem Mann und zog mit Felix vorübergehend zu den Eltern. Was sie über zwölf Jahre nur mäßig gestört hatte, wollte sie so nun nicht mehr: einen Partner, der nicht bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Michael Heger war fassungslos. Warum sollte das, was so lange funktioniert hatte, nicht mehr sein? Erst nach drei Monaten räumte er die Wohnung der kleinen Familie. Und Manuela zog mit Felix wieder ein. Großvater Schmitz ließ das Türschloss austauschen. "Ich hatte zu dem Zeitpunkt Angst, dass er unserer Tochter etwas antun könnte."

Nach ersten Querelen konnte Michael Heger Felix jedes Wochenende sehen. Doch offenbar hatte der Akademiker, der inzwischen von Arbeitslosengeld II lebte, panische Angst, Felix ganz zu verlieren. Steigerte sich regelrecht in dieses Gefühl. "Michael hat tagtäglich in der Angst gelebt, den Kleinen nicht mehr sehen zu können", erinnert sich Maria O.×, 31. Die Afrikanerin, die seit 1997 in Deutschland lebt, war im vergangenen Jahr mehrere Monate mit Michael liiert. "Er hat mir mehrfach erzählt, dass Manuela gedroht habe: ,Das nächste Mal kriegst du ihn nicht mehr." Selbst wenn der Kleine nur mal im Wald hingefallen war oder er ihn fünf Minuten zu spät abgeholt hatte." Zudem habe er extrem darunter gelitten, dass Manuela trotz gemeinsamen Sorgerechts mit ihm nicht die Dinge besprach, die Felix betrafen. Maria O.: "Er wirkte oft sehr depressiv. Er hatte kaum jemanden zum Reden, keine engen Freunde. Sein einziges Glück war sein Sohn."

Am 10. Januar entdecken Polizisten den weißen Opel von Michael Heger in einer Parkbucht an der Landstraße 83, die auf die Schwarzwaldhochstraße führt, zwischen Bühlertal und Sand gegenüber dem früheren Hotel Wiedenfelsen.

Später stellt sich heraus, dass der Wagen seit der Nacht vom 6. auf den 7. Januar dort stand. Einer Taxifahrerin war das Auto aufgefallen. Neben dem Auto eine Mülltüte mit etwas Blut. Die "Ermittlungsgruppe Wiedenfelsen" wird eingerichtet. Tagelang durchkämmen Bereitschaftspolizisten, Revierförster und Jagdpächter mehr als 200 Hektar steiles, unwegsames Gebiet mit Wald und großen Granitfelsbrocken. Suchhunde sollen im Schnee Felix und seinen Vater finden.

500 Meter vom Parkplatz entfernt wird auf dem Schnee die nächste Blutspur entdeckt: wieder eine Mülltüte mit Blut. Und etwas weiter die dritte Mülltüte mit etwas Blut. Blut von Michael Heger, nicht von Felix, wie sich später herausstellt. Absichtlich gelegte Spuren? Die Aufforderung zu einer makabren Schnitzeljagd? Am 13. Januar werden ein wenig weiter in einer Felsnische die Windjacke und ein Rucksack des Vaters entdeckt. Darin: sein Personalausweis, ein blauer Kinderhandschuh, ein Schnuller, 70 Euro, ein leeres Röllchen Schlaftabletten, eine leere Flasche Amaretto und eine leere Flasche Weinbrand. In der Jacke steckt ein Brief an seine Exfrau, krakelig mit Bleistift auf die Rückseite der Führerscheinkopie geschrieben. Er beginnt mit den Worten "Liebe Manuela".

Ein Abschiedsbrief? Nein, mehr eine Abrechnung. Er schreibt, dass er wahrscheinlich immer noch mit ihr zusammen wäre und sie zwei oder drei gemeinsame Kinder hätten, wenn er damals, vor Jahren, "die dicke Knete" angeschleppt hätte. Dass er alles versucht habe, aber trotzdem nie ihren Erwartungen entsprochen habe. Dass sein Bestes ihr leider viel zu schlecht gewesen sei. Die vergangenen drei Jahre empfinde er als Zeit, die von gegenseitigem Hass und gegenseitiger Verachtung geprägt gewesen sei. Erst am Ende des Briefs kommt Heger abrupt auf Felix zu sprechen:

"Und Scheiße - ich liebe Felix leider viel zu sehr." Und dann die zynische Aufforderung an seine Ex: "Mach's gut!"

Was heißt zu sehr? Zu sehr, um Felix bei ihr zu lassen? Zu sehr, um den Kleinen am Leben zu lassen? Zu sehr, um ihm etwas anzutun, auch wenn er womöglich selbst an Suizid denkt? Der auch von seinen Angehörigen als psychisch labil beschriebene Mann lässt weiter alles im Unklaren. Lässt noch ein bisschen Hoffnung. Quält weiter.

Suchtrupps durchkämmen noch einmal das vereiste und steile Waldgebiet, suchen in leer stehenden Häusern, in Schutzhütten, in der Hoffnung, dass er dort mit dem Kind Unterschlupf gesucht hat. Nichts. Nachdem zwei Zeugen am Freitag, den 13. Januar unabhängig voneinander kurz nach sieben Uhr morgens einen verwirrten Mann mit einem Kind bei der Staustufe Iffezheim gesehen haben wollen, beantragt die Mannheimer Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen Michael Heger. Die Beamten wollen nicht mehr ausschließen, dass er die Entführung seines Sohnes langfristig vorbereitet hat.

Erst am 26. Februar finden Spaziergänger Michael Hegers leicht bekleidete Leiche nahe den Gertelbach-Wasserfällen in einem Hohlweg, 300 Meter unterhalb des Hotels Wiedenfelsen. Tiefgefroren, eine Gesichtshälfte von Tieren zerfressen. Es ist Manuelas Geburtstag. Bei der anschließenden Suche werden Leichen- und Blutspürhunde eingesetzt. Und wieder suchen über 400 Männer und Frauen nach dem kleinen Jungen.

Doch wieder keine Spur von ihm.

Aufgrund des Kältetods lässt sich der Todeszeitpunkt nicht näher bestimmen. Irgendwann nach der ersten Suchaktion im Januar - damals war auch an der jetzigen Fundstelle der Leiche gesucht worden - und Mitte Februar muss sich der 39-Jährige das Leben genommen haben. Mit Tabletten, Alkohol und Kälte. "Der Kältetod ist möglich. Die Kälte holt Sie ein, man verliert schnell den Realitätssinn, der Schlaf verwandelt sich in den ewigen Schlaf, ohne dass man es merkt", heißt es dazu in dem Ratgeber, den Michael Heger zu Hause im Bett liegen hatte. Der Kältetod sei "eines der geeignetsten Mittel für den Freitod".

Was keiner der Ermittler den Großeltern gegenüber ansprechen wollte, formulieren diese selbst: "Natürlich haben wir überlegt, ob Felix doch dort gewesen ist und von Wildschweinen gefressen oder verschleppt wurde. Aber hätte dann nicht irgendetwas von ihm gefunden werden müssen? Wenigstens der Rest eines Kleidungsstücks oder ein paar Haare?" Ein Grab konnte Heger in der Gegend nicht geschaufelt haben. Der Boden war gefroren. Bis heute gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass sich Felix auch dort befunden hat. Keine Blutspritzer, keine Haare - aber eben auch keine Spur, dass er noch lebt. Bis heute weiß niemand: Hat der Vater vor seinem Suizid den kleinen Jungen umgebracht? Wenn ja, wo?

"Für Heger waren die letzten Jahre offenbar eine Zeit der Zurückweisung, der Kränkung und des Hasses. So hat er das empfunden, unabhängig davon, ob das wirklich so gewesen ist", sagt der Kriminalpsychologe Professor Adolf Gallwitz. "Mit dem Verschwinden von Felix kann er die Mutter des Kindes besonders tief treffen, ein Leben lang. Sie kann nicht trauern, nicht beerdigen. Das ist es, was er wollte: sie in dieser schrecklichen Ungewissheit lassen, sie strafen bis zum Tod. Über die Liebe zu seinem Sohn stellte er diese perfide Absicht."

Nach Meinung des Experten spricht vieles dafür, dass Heger sich alles, was Anfang des Jahres passiert ist, zuvor penibel ausgedacht hat.

Michael Heger wurde am 4. März in St. Leon-Rot, wo Eltern und Schwester wohnen, beerdigt. Vom "Kindsmörder" ist hinter vorgehaltener Hand die Rede. Es wird spekuliert und getuschelt in der katholischen Kleinstadt.

Im April, als das Tauwetter einsetzte, wurde noch einmal alles abgesucht, dann wussten auch die Kriminalbeamten nicht weiter: "Wir haben im Moment einfach keinerlei Anhaltspunkte mehr, wo wir noch ansetzen könnten", sagt der Sprecher der Heidelberger Polizei, Norbert Schätzle. Für Kriminalhauptkommissar Jürgen Galley, der die Ermittlungen leitete, schwer auszuhalten: "Es lässt mir keine Ruhe, dass wir so gar nichts von dem Jungen gefunden haben."

Felix' Großeltern wurden krank. Beide nahmen monatelang Psychopharmaka, Johann Schmitz nimmt die Tabletten immer noch. Maria Schmitz magerte ab. "Wir leiden noch genauso wie am Anfang, als der Kleine verschwunden ist", sagen sie. Für Adolf Gallwitz nicht verwunderlich: "So lange immer wieder Hoffnungen aufkeimen, es unterschiedliche Erklärungen gibt, wo Felix sein könnte, kann niemand mit der Trauerarbeit beginnen. Es bedeutet extremen Stress, wenn die Angehörigen für sich keine Lösung finden. Da ist die Rechnung von Herrn Heger voll aufgegangen."

"Wir sind keine Traumtänzer", sagt Johann Schmitz. "Uns ist klar, dass Felix vielleicht nicht mehr am Leben ist. Doch sollen wir jetzt sagen: Er ist tot und nichts machen? Wenn unser einziges Enkelkind tot sein sollte, wollen wir das wissen. Mit dieser Ungewissheit gehen wir vor die Hunde. Dieser Zustand ist unmenschlich."

Für die Suche nach ihrem Enkel sind Johann und Maria Schmitz an ihre Reservekasse fürs Alter gegangen. Sie engagierten Julius Engel, einen Detektiv aus der Eifel, und seinen Sohn Oliver. Der hat inzwischen herausgefunden, dass der vermeintlich zurückgezogene, introvertierte Michael Heger doch mehr Kontakte zu Frauen gehabt haben könnte, als nur zu Maria O. und einer weiteren Bekannten aus Karlsruhe. Nachbarn wollen bei ihm in Oftersheim häufiger Frauen mit kleinen Kindern gesehen haben, die auch mehrere Tage bei ihm übernachtet hätten. Tratsch, den sie der Polizei nicht erzählen wollten. Zudem überprüfen die Detektive jetzt, ob es möglicherweise Kontakte des Vaters zu Sekten oder esoterischen Gruppen gegeben hat. Denn Heger war häufig auf Esoterikmessen.

Felix' Grosseltern haben erneut Suchplakate im französischen Grenzgebiet aufgehängt, auch in einem Straßburger Krankenhaus und in der Gendarmerie in Kehl. In der Lastwagenfahrerkneipe "Chez Christian" direkt an der Iffezheimer Staustufe hängt ein Bild von Felix mit der Telefonnummer der Detektei. Julius und Oliver Engel wollen nicht ausschließen, dass Heger seinen Sohn ins Ausland gebracht hat. "Wir hatten einen Fall, da lebte ein vom Vater entführtes Kind bei einer Familie, die Jahre zuvor eines im gleichen Alter verloren hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Felix noch lebt."

Felix' Mutter lebt seit Januar bei ihrem Freund, 120 Kilometer entfernt, wo niemand sie kennt. Die Wohnung, in der sie mit ihrem Sohn gelebt hat, erträgt sie nicht. Von ihren Eltern hat sie sich zurückgezogen. "Wir haben nicht nur unseren Enkel verloren, sondern in gewisser Weise auch unsere Tochter", sagt Johann Schmitz. "Sie kommt nur noch ganz selten zu uns, aus Angst, wir könnten mit ihr wieder über Felix reden. Und natürlich ist das so. Wir denken ja an fast nichts anderes. Doch sie blockt dann ab. Das kann ich inzwischen auch verstehen."

Am Küchenfenster der Großeltern in Schwetzingen ist bei Sonnenschein deutlich der Abdruck einer Kinderhand zu sehen. Felix' Hand. "Da wische ich beim Fensterputzen immer drum herum", sagt Maria Schmitz und weint.

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