Verbeugung vor Kohls Lebenswerk

28. September 2012, 08:39 Uhr

30 Jahre ist es her, dass Helmut Kohl erstmals Kanzler wurde. Bei einer Feierstunde in Berlin wurden seine Verdienste gewürdigt. Versöhnung nach der Spendenaffäre gibt es nicht, aber ein Geschenk.

Der Beifall für Wolfgang Schäuble bei der Vorstellung der Gäste währt am längsten. Es hört sich an wie ein Dank für seine Leistung - und dafür, dass er gekommen ist. Schäuble sitzt in der ersten Reihe, aber ganz außen. Zwölf Sitzplätze trennen ihn von Helmut Kohl, der an diesem Donnerstagabend im Deutschen Historischen Museum geehrt wird. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat den Festakt zum 30. Jahrestag seiner ersten Kanzlerschaft am 1. Oktober 1982 ausgerichtet. Kohl blieb Kanzler über vier volle Wahlperioden. So lange wie keiner vor ihm und bisher keiner nach ihm.

Zwölf Plätze. Sie stehen für die Distanz zwischen dem 82-jährigen Altkanzler und dem 70-jährigen Finanzminister, den einstigen Weggefährten und engsten Vertrauten. Während der Spendenaffäre, in die Kohl die CDU 1999 mit seiner illegalen Annahme von Geld für die Partei stürzte und in die auch Schäuble verwickelt war, kam der Bruch. Bis heute.

Schäuble war am Dienstag wegen einer kleinen Konferenz in Finnland nicht gekommen, als Kohl bereits von der Unionsfraktion für seine Leistungen gewürdigt wurde. Die CDU/CSU sei seine Heimat, bekannte er dort, was viele Abgeordnete berührte. Zehn Jahre war er nicht mehr in der Fraktion gewesen. Und Kohl war wiederum nicht gekommen, als Schäuble am Mittwoch im Deutschen Theater seinen Geburtstag nachfeierte.

"In den Geschichtsbüchern verankert"

Aber Schäuble ist jetzt da. Kohl, der im Rollstuhl sitzt, stark abgenommen hat, schwer sprechen und seine Hände nur langsam bewegen kann, klatscht auch, als Schäubles Name fällt. Eine Geste. Von beiden. Keine Aussöhnung.

Alle Festredner feiern Kohl für seine Verdienste um die deutsche Einheit und das Zusammenrücken Europas. Der Vorsitzenden der Konrad- Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering, sagt: "Fest wie kein anderer ist er mit diesen historischen Ereignissen in den Geschichtsbüchern verankert." Er habe Deutschland gelehrt, dass es nie wieder einen Sonderweg in Europa gehen dürfe. Der frühere EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagt, Kohl habe Träume in Wirklichkeit verwandelt.

Direkt neben Kohl sitzt Angela Merkel. Auch ihr Verhältnis zerbrach wegen der Spendenaffäre, weil sie die Partei damals aufforderte, sich von ihrem Übervater zu lösen. Die Bundeskanzlerin trat dann in seine Fußstapfen. Erst als CDU-Vorsitzende, dann als Kanzlerin. 2013 will sie zum dritten Mal Regierungschefin werden.

Eine Briefmarke für Kohl

Merkel hält die Festrede auf Kohl. Sie nennt den Festakt eine Verbeugung vor Kohls Lebenswerk und sagt, die Gäste seien in Hochachtung vor ihm vereint. Dann zählt sie seine kleinen und großen Erfolge auf und nennt ihn einen "Kanzler des Vertrauens" bei der Wende. Ab und zu nickt Kohl, den sie mit "Bundeskanzler" anspricht. Merkel erwähnt kurz sowohl Schäubles Rolle bei der deutschen Einheit als auch Kohls erste Ehefrau Hannelore, die sich 2001 unheilbar krank das Leben nahm. Seine zweite Frau, Maike Kohl-Richter, schaut ihn während der Rede oft an.

Es gibt an diesem Abend keine Versöhnung, aber eine Briefmarke. Merkel enthüllt sie und hebt hervor, dass eine solche Ehre nur wenigen Menschen zuteil werde. Auf der Briefmarke ist Kohls Porträt mit der Aufschrift "Kanzler der Einheit - Ehrenbürger Europas" zu sehen. Kohl beschwört den weiteren Ausbau Europa und mahnt: "Europa darf nie wieder in den Krieg versinken!" Dabei kann man ihn oft schwer verstehen. Er bedankt sich für die ganzen Würdigungen. Er bedankt sich bei den Gästen, dass sie gekommen sind. Und bedankt sich bei denen, "die mich provoziert und herausgefordert haben". "Es war eine fantastische Zeit."

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