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17. Februar 2008, 15:46 Uhr

Bund hofft auf Hunderte Steuer-Millionen

Das Bundesfinanzministerium erwartet mehrere hundert Millionen Euro von ertappten Steuersündern. Industrievertreter fürchten indes, dass sich das Fehlverhalten von Managern verheerend auf den Wirtschaftsstandort Deutschland auswirkt. Und Verdi-Chef Bsirske fordert einen Spitzensteuersatz von 80 Prozent.

"Willkommen", das sagt Liechtenstein auch zu Geld aus anderen Ländern© Johannes Simon/Getty Images

In der beispiellosen Steuer-Affäre rechnet der Bund mit mehreren hundert Millionen Euro von ertappten Steuersündern. Das für den Kauf der brisanten Bank-Daten gezahlte Geld sei "sehr gut angelegt" gewesen, sagte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Torsten Albig, am Wochenende.

Laut Medienberichten zahlte der Bundesnachrichtendienst zwischen 4,2 und 5 Millionen Euro an den anonymen Informanten, der sich 2006 beim BND gemeldet hatte. Nach Angaben Albigs wussten das Bundeskanzleramt und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) von dem Millionen-Deal. Im Gegenzug lieferte der Informant eine CD-ROM mit Hunderten von Namen mutmaßlicher Steuerhinterzieher, darunter jenem von Postchef Klaus Zumwinkel. Insgesamt soll das Beweismaterial mehr als 1.000 vermögende Deutsche betreffen, die mehrere Milliarden Euro am Fiskus vorbei ins Ausland geschleust haben sollen.

Großartiger Schlag

Albig sprach von einem großartigen Schlag gegen kriminelle Machenschaften. Nach Angaben des Sprechers entstanden dem BND bei dem Deal "keine haushalterischen Nachteile" - damit könnte gemeint sein, dass das Ministerium dem Geheimdienst die Kosten erstattete. Details wie Konten und Namen habe Steinbrück aber nicht gewusst. Zum Kaufpreis wollte Albig keine Angaben machen. BND-Sprecher Stefan Borchert wollte die Berichte nicht kommentieren; am Mittwoch müsse man zunächst dem zuständigen Gremium des Bundestags Bericht erstatten. Kritik kam von der Opposition: Das Parlament hätte schon längst informiert werden müssen, sagte der Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag der ARD.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" soll es zum Wochenanfang weitere Steuer-Razzien bei prominenten Millionären geben: Schwerpunkte der Aktion sollen Köln und Düsseldorf sein. Mehr als 150 Ermittlungsverfahren seien bereits eingeleitet worden.

Wie "Die Welt" unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtete, soll der zurückgetretene Post-Chef Klaus Zumwinkel die prominenteste Person unter den Verdächtigen sein. Allerdings gebe es mehrere mutmaßliche Steuersünder, die weit mehr Geld am deutschen Fiskus vorbeigeschleust hätten als Zumwinkel, dem Steuerbetrug in Höhe von etwa einer Million Euro vorgeworfen wird. "Wir haben richtig dicke Fische an der Angel", zitierte die Zeitung einen Ermittler. Der "Tagesspiegel" berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, bei dem Informanten handele es sich um einen früheren Mitarbeiter der ins Zwielicht geratenen LGT-Bank mit Sitz in Vaduz. Laut "Spiegel Online" lieferte er rund 1.000 Datensätze, "darunter Korrespondenzen, Depotauszüge, Vermerke aus dem Fundus der LGT-Gruppe und die Dienstvorschriften des Fürstentums Liechtenstein über die Verschleierung von Finanzströmen". Nun fühle er sich bedroht: Der Informant verlange umfassenden Personenschutz und wolle keinesfalls als Zeuge auftreten.

LGT-Gruppe "völlig überrascht"

Postchef Klaus Zumwinkel, der am Freitag wegen der Steuerhinterziehungs-Affäre zurückgetreten war, wendete eine drohende Untersuchungshaft laut "Focus" mit einer Vermögens-Abtretungserklärung für die Finanzbehörden sowie einer Kautionszahlung in Höhe von einer Million Euro ab. Nach Auskunft des Chefs des Liechtensteinischen Bankenverbandes, Michael Lauber, ist in dem Fürstentum bisher kein Gesuch um Rechtshilfe in der Steueraffäre eingegangen. Dies seien deutsche Ermittlungen. Grundsätzlich leiste Liechtenstein bei Steuerhinterziehung keine Rechts- und Amtshilfe, erklärte er in der "NZZ am Sonntag". Steuerbetrug hingegen falle unter das Schengen-Abkommen, da werde Liechtenstein Rechtshilfe leisten.

Sorge um "made in Germany"

Das Fehlverhalten von Managern könnte sich nach Einschätzung der Industrie verheerend auf den Wirtschaftsstandort Deutschland auswirken. BDI-Präsident Jürgen Thumann kritisierte, die Steueraffäre um den scheidenden Postchef Klaus Zumwinkel und die Schmiergeldzahlungen bei Siemens seien "katastrophale Nachrichten", die dem Ruf Deutschlands schadeten. Die Große Koalition sprach sich für eine Überprüfung des Strafmaßes bei Steuerhinterziehungen aus. Unternehmer und Manager müssten "Ethik und Verantwortung hochhalten. Nur dann wird das Ausland weiter bei uns investieren", sagte Thumann dem "Handelsblatt". "Die Nachrichten sind katastrophal. Deutschland ist Exportweltmeister, weil wir einen außerordentlich guten Ruf haben. Uns wird weltweit vertraut, weil wir gute Qualität liefern und zuverlässig sind." Die sich häufenden Berichte über Unregelmäßigkeiten seien "für die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems verheerend", sagte Thumann der Zeitung. Es sei äußerst wichtig, den Konsens zu sichern. "Wir sind nach wie vor erfolgreich, weil wir bekannt sind für Anstand und Ehrlichkeit." Der "Bild am Sonntag" sagte er, wer gegen Gesetze verstoße, "gehört nicht mehr dazu". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte allerdings vor einer pauschalen Managerschelte.

Gefahr für die soziale Marktwirtschaft

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla befürchteten Auswirkungen auf das Wirtschaftsgefüge in Deutschland. "Wenn in den Vorstandsetagen Maß und Mitte verloren geht, schadet das der sozialen Marktwirtschaft insgesamt", erklärte Pofalla. Glos sagte der "Bild am Sonntag", deutsche Manager müssten sich ihrer Vorbildfunktion für die Gesellschaft bewusst werden. Andernfalls werde die soziale Marktwirtschaft unglaubwürdig. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) erklärte in der "Welt am Sonntag", wer sich wie Zumwinkel verhalte, zerstöre das "Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft". Wie Pofalla fordert auch die SPD eine Prüfung des Strafmaßes für Steuerhinterziehungen. Es müsse künftig deutlich werden, dass Steuerhinterziehung kein Kavaliersdelikt sei, heißt es in der "Hamburger Erklärung", die der AP vorlag und die am Montag verabschiedet werden soll. CSU-Chef Erwin Huber sprach sich konkret für "härtere Gesetze für hochgradige Steuersünder" aus. SPD-Fraktionschef Peter Struck warnte vor politischen Auswirkungen durch die Affäre. "Wenn es denn tatsächlich zutrifft, wenn die Vorwürfe berechtigt sind und er entsprechend auch verurteilt worden ist, dann stärkt ein solches Verhalten die politischen Ränder links und rechts", sagte er im Inforadio des rbb. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus appellierte an die Manager, ihr Verhalten kritisch zu überprüfen. "Die Erwartungshaltung ist klar: Die Arbeit von Managern erfordert ein absolut gesetzeskonformes Verhalten", sagte der CDU-Politiker der "Leipziger Volkszeitung".

Verdi-Chef Frank Bsirske sieht wegen der Steueraffäre das Gemeinwesen insgesamt bedroht. "Ich will nicht hoffen, dass solche Skandale unser Gemeinwesen zerstören", sagte er "Bild am Sonntag". Außerdem sprach er sich für eine "ordentliche Besteuerung" von Spitzengehältern aus. "Alles, was über einem Jahresgehalt von zwei Millionen Euro liegt, sollte mit einem Steuersatz von 80 Prozent besteuert werden."

AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 34)
 
ganzbaf (18.02.2008, 09:08 Uhr)
Wenn sich "Leistungsträger"...
zu kriminellen Organisationen verfilzen, helfen keine 80% auf Millioneneinkünfte mehr. Enteignung nach Art. 15 wäre angesagt.
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Ich befürworte maximal das 5-Fache des Durchschnittsverdienstes als Maximalbezahlung, für was auch immer. Natürlich nur bei hervorragender Arbeit! (-;
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mister-mister (18.02.2008, 08:29 Uhr)
80% ??? Mehr!!!
Alles klar lieber Herr Bsirske - wenn der Höhenflug abklingt, fahren Sie mal gelegentlich das Fahrwerk aus und kommen Sie zur Landung rein.
Natürlich muss es jetzt bei den laufenden Verhandlungen sein, dass ein Gewerkschaftsführer markige Worte absondert (schön einfach und plakativ formuliert, damit es auch der letzte Mann am Band noch versteht) - irgendwie muss man ja versuchen, die in Scharen davonrennenden Mitglieder zu halten oder zumindest zu beeindrucken.
Dann gehen wir her, enteignen die Leistungsträger quasi und geben es den Armen. Ich hab selten ein derart unsinniges Geschwätz gehört.
Wer etwas leistet, sollte auch dafür entlohnt werden. Ob Manager, Sportler, Künstler oder Selbständiger - da sollte es keine Limits geben. Denn die Leute, die hier Kapitalismus sülzen und auch gerne wieder den armseligen ollen Marx aus der Mottenkiste holen, gehören sicher nicht zu denjenigen, die in Deutschland etwas voranbringen - das sind höchstens Neider, die die Hand aufhalten (ohne was dafür tun zu müssen natürlich) und dem Wort "Parasitentum" eine ganz neue Bedeutung geben.
Hier wird nur billig und populistisch gedröhnt und am eigentlichen Thema - Aufstören und Bestrafung von Steuerkriminellen - vorbeigelabert.
h-p-t (18.02.2008, 08:22 Uhr)
@Cantaloupe_Island...
natürlich ist klar, das es auch welche geben muss die studiert haben und natürlich sollen diese auch einen gut bezahlten job haben. aber die kluften klaffen definitiv zu weit auseinander. es kann nicht angehen das es um differenzen im millionenstelligen bereich gibt, weil glaub mir, nur weil wir ein paar jahre studiert haben sind wir nicht besser oder schlechter als andere...ich würde sogar sagen das jemand der eine familie grossgezogen hat, oder oder oder in vielen bereichen mehr drauf hat ( menschlich, emotional, handwerklich etc. ) wie ein theoretiker von der schulbank.
keiner ist besser oder schlechter, jeder sollte soviel verdienen das es zum leben langt.
diesen auftrag hat die regierung, die sich aber leider von der wirtschaft kaufen lässt.
ps. mit theoretiker mein ich dich, weil falls du es noch nicht gemerkt hast, in d verhungern mittlerweile kinder, weil sie nichts mehr zu "fressen" haben oder die eltern die hoffnung aufgegeben haben.
da hätte man mit diesen vielen millionen schon was anfangen können....
aber wenn du mal so richtig gut verdienst dann geh doch ins ausland und werd dort glücklich ;)
ganzbaf (18.02.2008, 08:14 Uhr)
Nur naive Konservative...
vertrauen stets auf "freiwillige Selbstverpflichtungen" und "Ehrenwörter" aus Wirtschaft und Geldadel.
(...Wohl nur, weil es dem eigenen Goldsack zu füllen hilft.)
ganzbaf (18.02.2008, 08:07 Uhr)
Wirtschaftskriecherei...
zahlt sich eben nicht aus - aufgemerkt sehr versehrte Damen und Herren von CDU, CSU, FDP und "Schröder-PD"..! ;-PP
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Wirtzschaft und Kapital müssen vom Staat (oder der Volksabstimmungsdemokratie ;-)gebändigt UND domptiert, sowie die Geldflüsse ständig re-umverteilt werden!
Drohungen a la "dann geh ich aber nach Tschimbutu" zählen dabei nicht!
Da gibt es einfache und wirksamen Gegenmaßnahemn, die notfalls - wenn die EU die Wanderheuschreckenplage und die Vermögensverschieberei nicht selbst in den Griff bekommt - eben auch im nationalen Alleingang umgesetzt werden müssen!
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Im Übrigen kann man sogar aus der EU austreten... Man sollte mal eine Volksabstimmung abhalten ;-))
sir.california (18.02.2008, 07:16 Uhr)
@diahel
ich denke auch, dass "unser" staat die loyalität weiter teile der bevölkerung bei weitem überschätzt. ich habe längst innerlich gekündigt, allein was hier der jüngeren generation in sachen altervorsorge zugemutet wird, ist bei sachlicher betrachtung vollkommen unerträglich.
AchazIII. (18.02.2008, 07:16 Uhr)
Scheinheiligkeit und Volksverdummung
Die Bundesländer - und nur die sind für die Steuerfahndung zuständig - haben massiv Personal in den Verwaltungen abgebaut, natürlich auch in der Steuerfahndung.
Der Föderalismus in Deutschland macht einen regelrechten Wettbewerb um "Steuernachlässe" bei Gewerbe- und Industrieansiedlung möglich. Ein paar neue Arbeitsplätze machen die Landes- und Lokalpolitiker willfährig, geht es es letztlich auch um deren Wiederwahl. Zu strenge Steuergesetze verscheuchen in einer globalisierten Welt jeden Investor. In den neuen EU-Ländern (Slowakei, Rumänien etc.) locken heute schon Steuerparadiese, da braucht man nicht erst nach Liechenstein zu gehen.
Was nützen strenge Steuerfahndungen, wenn NOKIA und Co. Deutschland verlassen?
Die beamteten Fahnder, die derzeit öffentlichkeitswirksam die Fahndungsmuskeln spielen lassen, sind die ersten, die mangels Steuereinnahmen dann Besoldungseinbußen hinnehmen müssen. An zweiter Stelle kommen dann die Politiker, die sich ausweinen, wenn NOKIA z. B. den Laden in Deutschland dichtmacht.
Man sollte nie veregessen, dass auch hier das Kapital die Macht hat und nicht die Politik.
Die Bundesländer haben bisher schon die Steuergesetze so praktiziert: Bloß nicht zuviel Steuerfahndung, sonst geht der investor in das Nachbarbundesland. Es ist schon seltsam, dass in den Medien davon nichts zu lesen ist.
StefanB (18.02.2008, 07:12 Uhr)
wer hofft auf die Steuer-Millionen?
Hurra.... jetzt werden wir alle los die den Staat (also uns Bürger) über den Tisch gezogen haben. Steuerehrlichkeit?? Bankmanager sitzen im Vorstand von Industrieunternehmen und machen selbstverständlich keine Insidergeschäfte, Polit Finanzchefs haben keine Ahnung von den Schwarzgeldern und Lobbyarbeit lohnt sich so oder so nicht! Schöne neue Welt .... ähm ... hab ich etwas verpasst? Wie lange funktioniert das noch ... die Tatsachen zu verdrehen und damit Politik zu machen. Ich denke das es wieder einmal nur um Aufmerksamkeit geht, da sich mehr und mehr Menschen von dem Polit-Profilierungsneurosen - Ich bin wichtig Scheiß abwenden. Wenn sich Arbeit wieder lohnen würde und wir endlich ein einfaches Steuergesetz bekommen dann zahlt ja auch jeder gern. Nur wenn ich einen Politiker oder Beamten zur Verantwortung ziehen will, dann wird nach den 3 V gehandelt: Verfasst, Versendet, Verworfen! Schafft endlich die Beamten ab und nehmt die Bösen in die Verantwortung.
Steuerhinterziehung??? ..... Bei den heute geltenden Gesetzen kann man das auch "Schutz vor den Staatsräubern" nennen. Wenn ich auf mein karges Gehalt gucke bekomme ich Tränen in den Augen ..... Da bleibt nix mehr Übrig um Steuern zu hinterziehen! Aber wie war das noch ....."Die Gier funktioniert!"
Schön ist auch noch der Umstand das man die Bösen, Bösen Steuerhinterzieher in den Nachrichten wiederfindet .... und wer glaubt das das ein Propagandaaktion ist der ist ein S.... Viel Spaß beim Denken
hannes_schinder (18.02.2008, 06:59 Uhr)
Im Interesse Deutschlands
Es ist schon lange klar, dass Konzerne von Vorständen ausgebeutet werden. Jeder will sich doch am Ende des Quartals nur selbstauf die Schultern klopfen. Zahlen zahlen Zahlen könnte man sagen. Dass Konzerne aber im Grunde auch die Interessen der gesamten Bevölkerung vertreten wird hierbei völlig vergessen. Überhebliche, ja ich möchte sagen zynische Vorstände vergessen oft total, dass sie zunächst die Verantwortung tragen und erst danach ihren privaten Geldsack. Man konnte die skrupelosigkeit beim sogenannten Aufbau Ost beobachten. Wer weiß wo die Gelder und Subventionen alle Hinflossen, da ist ja nicht nur Liechtenstein, da gibt es noch die Schweiz, Dubai oder Asiatische Länder und nicht zu vergessen die vielen Transaktionen über Mittelsmänner und Frauen.
diahel (17.02.2008, 23:52 Uhr)
Bet & win
Wir könnten doch mal Wetten abschließen, wie lange der Staat noch besteht ;-9
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