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4. Oktober 2007, 14:16 Uhr

Joschka verpetzt Gerd

Einst war er der schillernd-bissige Leitwolf der Grünen, dazu der oft verdrießt-bedeutungsschwangere Außenminister. Am Donnerstag hat Joschka Fischer seine Memoiren in Berlin vorgestellt - und dabei etwas über Gerhard Schröders Kochkünste verraten. Von Hans Peter Schütz

Joschka Fischer bei der Vorstellung seiner Memoiren "Die rot-grünen Jahren" in Berlin© Hannibal Hanschke/Reuters

Das Ambiente Buchvorstellung war dem Akteur angemessen. Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt. Joschka Fischer sitzt vor Mauerwerk, in dem die Restauratoren die Einschusslöcher der russischen Eroberer Berlins konserviert haben. Unter Beschuss, mitten im Feuer. So sieht er sich am liebsten. Im Pulverdampf der rotgrünen Jahre hat er seine besten Momente gehabt. So beschreibt er sich auch im ersten Band seiner Memoiren ("Die rot-grünen Jahre"), den er gerade vorstellt.

Die Sache mit dem Koch - und dem Kellner

Förmlich zu betteln um freche Fragen, scheint Fischer, als er mit einem kleinen Lächeln um die schmalen Lippen, an der Seite seines Verlegers Platz nimmt. Zwölf TV-Kamerateams sind gekommen, zwei Dutzend Fotografen. "Herr Fischer, Herr Fischer" rufen sie. "Bitte hierher schauen! Bitte noch einmal!"

Prompt wird die Frage aller Fragen an Fischer gerichtet. Wie war das, als ihn Gerhard Schröder im gemeinsamen Stern-Interview mit der geplanten rotgrünen Rollenverteilung bekannt machte - Ich Koch, Du Kellner? Lange Jahre hat Joschka auf diese Frage immer geantwortet: "Der Kellner hat das Geld." Leider, leider bedauert er heute, habe er erst jetzt vom Gerd erfahren: "Ich kann überhaupt nicht kochen." Nun sei ihm endlich klar: "Deshalb hat es in der Küche von Rot-Grün so oft gebrannt." Insofern sei es eben nur dann eine Freude gewesen für Schröder zu kellnern, "so lange das Essen nicht angebrannt war."

Was Fischer nicht erzählt: Nach der Rollenverteilung in diesem Interview hing er stundenlang noch durch. Eine Frechheit "von dem Kerl" jammerte er. Eigentlich wolle er das Gespräch dann nicht mehr gedruckt sehen. Erst nach langer Seelenmassage fand Fischer wieder zu neuem Selbstbewusstsein.

Von Lust und Last der Macht

Das fehlt dem Joschka, fast ein Jahrzehnt danach, überhaupt nicht mehr. Auf welche politische Leistung zu Regierungszeiten sei er besonders stolz? Da will er nichts sagen, "da müssen sie die Historiker fragen." Aber dann will er der Geschichtsschreibung schon ein bisschen die richtige Richtung zeigen: "Die Grünen sind heute in Deutschland und Europa eine unbesiegbare Kraft." Und weshalb? "Wir haben ja lange dafür gearbeitet, dass es in diese Richtung geht." Hat er jemals einen Fehler in den sieben rot-grünen Regierungsjahren gemacht? Fischer schweigt, schweigt lange. "Ja, als ich in Magdeburg dem Beschluss der Grünen zugestimmt habe, den Benzinpreis auf fünf Mark zu schrauben." Noch Fragen?

Ja. Wie sei die Entscheidung von Rot-Grün gefallen, in den - völkerrechtswidrigen - Kosovo-Krieg zu gehen? Da sei die Regierung "hineingedrückt" worden. Hinein in eine Bruchstelle in der Kontinuität der deutschen Außenpolitik. Kaum im Amt sei ihnen ein neuer Kurs abverlangt worden. War es nicht eine Entscheidung, weil man an der Macht bleiben wollte? Natürlich nicht. "Dann hätten wir gar nicht in die Regierung gehen dürfen. Dann gäbe es die Grünen heute nicht mehr." Wer den "Schmutz der Macht" fürchte, dürfe sie nicht anstreben. Doch nur an der Macht habe man Einfluss auf die Dinge. Gewaltigen Druck habe es da gegeben. "Doch Gerhard Schröder stand wie ein Fels." Alles war letzten Endes gut, der Kosovo, auch Afghanistan. "Angela Merkel fährt heute auf den außenpolitischen Schienen, die von Rot-Grün gelegt worden sind."

Plaudern statt Politik

Droht ein Comeback, müssen Grüns zittern? Nein, "die Tür ist zu und bleibt auch zu." Es gebe keine Rückkehr in die Politik mit ihm. Dieser Tage habe er sich stets gefragt: Warum tut der Stoiber sich das alles an? "Das habe ich nie verstanden." Und selbst wenn die Wahl 2005 gewonnen worden wäre, sagt er, dann "hätte ich maximal noch ein Jahr durchgehalten." Keiner bei den Grünen müsse sich da Sorgen machen. Na ja, ein wenig schon. Denn flugs schiebt der oberste Obergrüne den Satz hinterher: "Ich bin allerdings in kein Trappistenkloster eingetreten." Man wird ja wohl auch im politischen Ruhestand ein bisschen plaudern dürfen, soll das heißen. Und damit die Künasts und Kuhns jetzt nicht übermütig werden, schiebt Fischer schnell den Satz hinterher: "Es bedarf doch nur dreier Anrufe von mir und schon ist der Krach bei den Grünen da."

Doch lieber als mit Intrigen beschäftigt er sich zunächst mit dem zweiten Teil seiner Memoiren. Spaß habe ihm der erste Band gemacht, ihn selbst geschrieben - "Jeden Satz bis zum letzten Anschlag" - auf den vielen Flügen zwischen Berlin und New York, wo er einen Lehrauftrag wahrnahm. "Nennen Sie mich nicht Professor" bittet er dann, "in den USA ist das ein Funktionstitel. Sagen Sie einfach Herr Fischer zu mir oder Joschka Fischer." Und als ihn ein Journalist dennoch mit Herr Professor Fischer anspricht, antwortet er mit "Verehrter Herr..."

Joschka, ganz der Alte.

Von Hans Peter Schütz
 
 
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