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"In Syrien hat es Übergriffe wie in Köln nie gegeben"

Amloud Alamir arbeitete in Syrien als Journalistin, bevor der Krieg ausbrach. Ihre Flucht führte sie nach Berlin, wo sie heute mit ihren Kindern lebt. Im stern-Interview erzählt sie, warum sie von den deutschen Medien mehr erwartet.

Interview: Kim Schwarz

Amloud Alamir floh vor mehr als zwei Jahren aus Syrien

Amloud Alamir floh vor mehr als zwei Jahren aus Syrien

Die Situation in Syrien verschärft sich zusehends. Das Land versinkt im Krieg, ein Friedensabkommen scheint in weiter Ferne. Millionen Menschen flüchteten - viele auch nach Deutschland. Die Journalistin Amloud Alamir, 40, ist eine von ihnen.

"Wir haben seit 2011 insgesamt 50 Fälle von syrischen Journalisten registriert, die nach Deutschland geflohen sind und sich mit der Bitte um Unterstützung an uns gewandt haben. Allein im vergangenen Jahr waren es 31", teilte Christoph Dreyer von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" mit.

Dem stern erzählte Amloud Alamir, wie es ihr nach der Flucht aus Syrien in Deutschland ergangen ist, wie sie sich über die Geschehnisse in ihrer Heimat informiert - und wie sie die Kölner Silvesterübergriffe wahrnahm.


Frau Alamir, Sie leben nun seit zwei Jahren in Berlin. Fühlen Sie sich wohl dort?

Ja, es gefällt mir sehr gut. Alle sind sehr freundlich zu mir und wollen mir helfen. Aber es ist nicht leicht, Kontakte zu knüpfen. Allein schon wegen der Sprache.

Warum haben Sie Syrien verlassen?

Wir verließen Syrien, weil es für uns nicht mehr sicher war. Wir sind Alawiten. Sowohl der IS und die Al-Nusra-Front wurden für uns zur Gefahr. Das Regime ist zwar auch alawitisch, aber wir sind gegen das Regime. Wir glauben nicht, dass Assad das Recht hat, über unser Land zu regieren. Er folgte auf seinen Vater Hafiz al-Assad, das ist keine Demokratie. Wir akzeptieren das nicht. Deshalb mussten wir das Land verlassen.

Ist Ihre Familie noch in Syrien?

Fast alle meiner Verwandten sind nach Schweden geflüchtet. Meine Mutter lebt aber noch in Syrien, in Salamiyya.

Wie steht Ihre Mutter zum Regime?

Meine Mutter unterstützt Assad. So wie viele andere in Syrien auch. Was sollen sie auch machen, sie haben keine andere Wahl. Entweder Assad oder der IS.

Sie sind Journalistin. Konnten Sie in Syrien frei arbeiten?

Vor dem Konflikt: ja! Syrien ist ein zivilisiertes Land. In Saudi-Arabien war es etwas anderes, für Frauen ist es nicht leicht, Arbeit zu finden. Als Frau muss man sich im Fernsehen verhüllen. So war es in Syrien nicht.

Sie möchten weiterhin journalistisch arbeiten. Konnten Sie hier beruflich schon etwas Fuß fassen?

Ich habe noch keine Arbeit. In der rbb-Sendung "Stilbruch" habe ich kurzzeitig als Gastautorin mitgewirkt, und im März werde ich ein Praktikum bei der Filmproduktionsfirma Imago TV absolvieren.

Wie informieren Sie sich darüber, was in Syrien passiert?

Ich spreche viel mit Freunden oder Bekannten. Außerdem informiere ich mich über die Medien.

Gibt es denn in Syrien überhaupt noch Medien, die unabhängig berichten?

Ja, zum Beispiel Orient TV (Anm. d. Red.: Fernsehsender der Opposition). Außerdem ist es so, dass sich auch die Zivilbevölkerung immer mehr engagiert, was Berichterstattung angeht. Das ist dann nicht mehr nur der professionelle Reporter, der die Geschehnisse dokumentiert, sondern auch ein einfacher Bürger mit seinem Handy. Ein Beispiel dafür ist die Facebook-Seite "Raqqa is being slaughtered silently", mit der einige Aktivisten kritisch dokumentieren, wie das Leben unter IS-Herrschaft aussieht.

Wie nehmen Sie die Berichterstattung über den Syrien-Krieg in deutschen Medien wahr?

Ich lese oft, in Syrien herrsche Bürgerkrieg. Nein, das ist kein Bürgerkrieg! Alles begann ja damit, dass Menschen auf die Straße gegangen sind und  gegen das Regime demonstriert haben. Sie hatten die Korruption satt, wollten einen Machtwechsel. Assad hat mit Gewalt geantwortet. Er hat die Gesellschaft gespalten.

Was wünschen sie sich von der deutschen Berichterstattung?

Es sollte besser dokumentiert werden, wie sich Russland und der Iran in Syrien verhalten. Auch die Rolle von Saudi-Arabien sollte noch stärker beleuchtet werden. Vor allem muss man mehr darüber erfahren, wie es den Menschen dort geht. Die Situation ist wirklich schlimm. Ich weiß nicht, wo das noch enden soll. Die Menschen haben nichts zu essen, nichts zu trinken, keinen Strom. Richtet euren Blick auf ihr Leid!

Rakka gilt als Hochburg des IS. Was sich dort wirklich abspielt, erfährt man so gut wie gar nicht. 

Wir haben Freunde dort, die uns von dem Leben unter der IS-Herrschaft erzählen. Nichts ist mehr wie vorher. Man muss fünf Mal am Tag beten – das ist normalerweise keine Pflicht in Syrien. Niemand hat dich gezwungen, das zu tun. In Rakka wird man bestraft, wenn man nicht betet. Man wird bestraft, wenn man raucht, Fußball schaut – alles ist verboten. 

Die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht waren einschneidend in der Diskussion über Flüchtlinge. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?

Ich muss sagen, ich war sehr erstaunt. In Syrien hat es so etwas nie gegeben. Was in Köln passiert ist, war meiner Meinung nach organisiert. Ich bin gespannt darauf, was die Ermittlungen ergeben. Es wurde am Anfang so viel erzählt, was sich als falsch erwiesen hat. Erst hieß es, dass Syrer unter den Tätern seien. Dann hat es sich auf die Nordafrikaner konzentriert. Jedenfalls standen Flüchtlinge auf einmal in einem schlechten Licht da. Und rechte Parteien wie die AfD schlagen ihren Nutzen daraus – das ist nicht gut!

Hat sich dadurch die Situation für Flüchtlinge in Deutschland verändert?

Ja. Vorher war die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen groß. Jetzt haben viele Angst – selbst ich. Als ich nach Deutschland kam, fühlte ich mich als Frau sicher und frei. So, wie es vor dem Krieg in Syrien auch war. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl.

Wenn in Syrien bald wieder Frieden herrschen sollte, würden Sie zurückgehen?

Um ehrlich zu sein, ich denke es wird noch Jahre dauern, bis in Syrien wieder Frieden herrscht. Vielleicht zehn Jahre? Alles ist zerstört dort. Alles. Das muss man auch erst wieder aufbauen.

Also können Sie sich vorstellen, langfristig in Deutschland bleiben?

Ja, ich würde gerne hier bleiben. Allein wegen meiner Kinder, die die Möglichkeit haben, sich hier jetzt ein neues Leben aufzubauen. Da möchte ich sie nicht wieder herausreißen. Wir sind einfach sicher hier.

Frau Alamir, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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