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Wie Deutschlands Bürger aufrüsten

Die Angst vor den Flüchtlingen treibt sonderbare Blüten: Die Deutschen rüsten auf. Sie decken sich mit Schreckschusspistolen und Reizgas ein, buchen Selbstverteidigungskurse wie nie zuvor.

Von Raphael Thelen

Martina Schuricht

Martina Schuricht hinter dem Tresen ihres Leipziger Waffenladens. Früher hatte sie 20 Kunden am Tag, heute sind es 40 bis 50.

Nicolas Kärcher* schießt mit einer Smith & Wesson 686. Sechs Großkaliberpatronen passen in die Trommel, jede davon kann eine Hauswand durchschlagen. Jäger greifen gern zu dieser Art von Waffe, wenn sie Wildschweinkeilern den Gnadenschuss verpassen wollen.

Kärcher tritt breitbeinig auf, trägt Jeans und eine Lederjacke mit Fliegerabzeichen. Er ist selbstständiger Maler und Trockenbauer aus Dresden. Dass er seinen richtigen Namen nicht nennen und sein Gesicht nicht zeigen will, hat auch mit dem Revolver zu tun. Wenn er von ihm spricht, bekommt seine Stimme dennoch einen stolzen Klang: "Den kennt man ja aus diversen Filmen."

Nicolas Kärcher

Nicolas Kärcher* hat sich eine Smith & Wesson 686 zugelegt. Denn auf den Staat will er sich nicht mehr verlassen.

Er meint zum Beispiel "Dirty Harry", den Kassenschlager der 70er Jahre, in dem Clint Eastwood das Recht selbst in die Hand nimmt, weil der Staat versagt habe. Auch Kärcher traut dem deutschen Staat nicht mehr. Seinen Dirty-Harry-Moment hatte er im September, als Angela Merkel die Grenzen für Tausende Flüchtlinge öffnen ließ. Kärcher glaubt nicht, dass diese Menschen aus Not herkommen: "Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald nicht mehr Herr im eigenen Haus." Und dagegen müsse man sich wehren.

"Flüchtlingsfrage hat uns bestärkt"

Doch es ist schwierig, in Deutschland mit seinem strengen Waffenrecht eine Schusswaffe zu bekommen. Hierzulande braucht man für jede Knarre einen guten Grund - zum Beispiel den Sport. Deswegen hatte Kärcher mit Gesinnungsgenossen schon länger geplant, einen Schützenverein zu gründen. Im vergangenen Jahr machten sie Ernst, offiziell, um an Wettbewerben teilzunehmen. Sie sind zu zwölft. Ein ehemaliger Weltmeister im Pistolenschießen ist dabei, Anwälte und Selbstständige machen mit. Eine Richterin wolle auch beitreten, sagt Kärcher. "Dass es jetzt so prekär wurde mit der Flüchtlingsfrage, hat uns noch bestärkt."

Kärcher ist ein Extremfall, aber kein Einzelfall. Das verängstigte Deutschland rüstet auf: So vergibt etwa das Ordnungsamt Meißen normalerweise 20 "kleine Waffenscheine" im Jahr, die zum Tragen von Gas- und Schreckschusspistolen berechtigen. In den letzten drei Monaten waren es 115. In Leipzig hat sich die Zahl der Antragssteller im vergangenen Jahr verdoppelt. Auch in Berlin, Baden-Württemberg und anderen Bundesländern glauben die Menschen, sich verteidigen zu müssen - notfalls mit bloßen Händen.

Er zeichnet Furcht in die Gesichter

"Wenn ich 'Jetzt' rufe, versuchst du, meinen Schlag zu blocken", sagt Matthias Stöhr, 45. Der Hüne mit gegeltem Haar und tätowierten Armen leitet einen Selbstverteidigungskurs in Dresden. "Jetzt!", schreit er und schlägt mit der Linken zu. Der Kursteilnehmer reißt die Arme hoch, um die Faust abzuwehren, doch darunter findet Stöhrs Schlaghand seine Brust. Stöhr wiederholt den Trick dreimal, bis er sicher ist, dass es alle kapiert haben: "Die Vorteile sind auf der Seite des Angreifers. Wenn ihr nicht vorbereitet seid, habt ihr keine Chance." Vor ihm stehen drei junge Frauen, Anfang zwanzig, in Shorts und bunten Shirts und ein ergrauter Herr im Jogginganzug. Die vier haben sich zu einem Schnupperkurs angemeldet.

Matthias Stöhr

Matthias Stöhr von "Street Defence Sachsen" schult verängstigte Bürger in Kampftechniken. Sein geschäft läuft prima.

Seit einer Dreiviertelstunde redet Stöhr auf sie ein. "Der Angreifer sucht keinen Gegner, sondern ein Opfer", gehört zu seinen Kernsätzen, aber auch die Frage: "Was will er von Frauen?" Die Antwort liefert Stöhr gleich selbst: "Ihre Geschlechtsteile."

Mit jedem Satz zeichnet er ein bisschen mehr Furcht in die Gesichter der Teilnehmerinnen. Auf einem stumm gestellten Fernseher laufen Bilder eines Attentats in Kalifornien, darunter steht in fetten Lettern: "Attentäter hatten arabische Wurzeln". Den Rest erledigt Stöhr.

"Die Welt ist dunkler geworden"

"Die Nachfrage ist spürbar gestiegen", sagt er. Früher seien zehn bis 15 Leute zu seinen Kursen gekommen. Heute sind es knapp 30, inklusive der vier Neuen.

"Die Welt da draußen ist dunkler geworden" , sagt Uwe Mix, 45, der bei Stöhr das Kämpfen lernen will. Der Mitarbeiter eines Autohauses ist ein unauffälliger Typ mit weichen Zügen. "Das Gefühl, selbst etwas machen zu müssen, hat bei mir immer mehr zugenommen" , sagt er. Seine Frau, eine Briefträgerin, höre von Kolleginnen immer wieder von "schlechten Erfahrungen" mit Flüchtlingen. Deswegen würde er sie am liebsten mitbringen zu seinem Selbstverteidigungskurs.
Düsseldorf, Bremen, Jena, Nürnberg - überall in Deutschland drängt es Menschen neuerdings zum Kampfsport. "Meine Teilnehmerinnen haben mir erzählt, dass hier ein Flüchtling eine Frau vergewaltigt hat", sagt Monika Hancke, Leiterin des Frauenfitnessstudios Body & Art in Nürnberg, das auch Selbstverteidigungskurse anbietet. "Die Anmeldezahlen haben sich seitdem verdoppelt."

Gerüchte werden gestreut - und verfangen

Es mische sich in die berechtigten Sorgen der Menschen angesichts der Integration so vieler Flüchtlinge auch "Xenophobie", die Angst vor dem Fremden und den Fremden, sagt Borwin Bandelow von der Universität Göttingen, Vorsitzender der Gesellschaft für Angstforschung. In der Zeit, als wir noch in Stämmen lebten, habe die durchaus einen Überlebensvorteil dargestellt; "heute aber macht diese überlieferte Urangst keinen Sinn mehr".

Aber deshalb verschwindet sie nicht von allein, zumal Gerüchte und Halbwahrheiten schnell verfangen. So auch im Fall der angeblichen Vergewaltigung in Nürnberg. Dem Sprecher der örtlichen Polizei ist davon nichts bekannt. Das Bundesinnenministerium schreibt: "Es werden Gerüchte gestreut, dass im Umfeld der Unterkünfte Straftaten anstiegen, es beispielsweise vermehrt zu Ladendiebstählen und sexuellen Übergriffen komme. Gerüchte, die sich Extremisten zunutze machen, um gegen Flüchtlinge zu hetzen." Und weiter zitiert das Ministerium aus einer Lageübersicht des BKA von November 2015: "Flüchtlinge sind im Durchschnitt genauso wenig oder oft straffällig wie Vergleichsgruppen der hiesigen Bevölkerung."

Rechte Parteien wie die AfD und ausländerfeindliche Gruppen wie Pegida scheren sich kaum um solche Daten. Im Gegenteil: Sie gehen ähnlich vor wie Selbstverteidigungstrainer Stöhr, schüren Ängste, um davon zu profitieren.

Rechte posten gezielt Gerüchte

Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook posten rechtsextreme Gruppen gezielt Gerüchte über Vergewaltigungen, Diebstähle und Einbrüche. Oft gestützt auf scheinbar seriöse Quellen wie "einen Freund bei der Polizei, der nicht reden darf", verbreiten sich die Geschichten, wie im Fall Nürnberg, rasend schnell. Immer wieder dementiert die Polizei solche Meldungen. Doch dann ist es meist zu spät, die Unruhe ist groß und bei manchen die Entscheidung schon gefallen, sich zu bewaffnen.

Und die Rechtspopulisten haben das neue Bedürfnis nach Wehrhaftigkeit zu ihrer Sache gemacht. Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry sagte beim Parteitag im November, Waffenbesitz sei ein selbstverständliches Bürgerrecht. Vize-Parteivorstand Beatrix von Storch setzte noch eins drauf: Es sei ein Kennzeichen totalitärer Staaten, ihren Bürgern das Tragen von Waffen und das Recht auf Selbstverteidigung zu verbieten.

Waffengeschäft erlebt Ansturm

Martina Schuricht, 60, steht seit mehr als 20 Jahren hinter dem Tresen ihres Waffengeschäfts in Leipzig. Doch einen solchen Andrang wie derzeit hat sie noch nie erlebt. Die eine Hälfte ihres Ladens ist vollgestopft mit Militärparkas, Tarnnetzen und Rucksäcken, die andere mit Luftgewehren, Äxten und Jagdmessern. Die Kundschaft aber interessiert sich derzeit fast ausschließlich für die Waren in einer Vitrine vor dem Ladentisch: Pfeffersprays, Reizgas und Gaspistolen.

Gas- und Schreckschusspistolen

Schick und immer dabei: Gas- und Schreckschusspistolen wie diese werden gern im handlichen Format genommen. Damit sie in die Jackentasche passen.

"Früher hatte ich vielleicht 20 Kunden am Tag. Heute sind es teilweise 40 bis 50. Es ist sehr anstrengend. Jedes Mal muss ich von Neuem beraten, die Rechtslage erklären, Fragen beantworten" , sagt sie. Ihre Kunden seien hauptsächlich Männer aus der Mittelschicht, die sich um ihre Frauen und Töchter sorgten. "Bei der Sicherheit kennen die Menschen keine Grenzen, da schaut keiner aufs Geld." Deshalb sind auch 20 Euro für ein Spraydose kein Problem. Manche Kunden kommen aus umliegenden Gemeinden, in denen es Flüchtlingsunterkünfte gibt, und kaufen gleich für die ganze Familie ein, zuweilen für das ganze Dorf.

Reizgas fürs Handtäschchen

Bei den Herstellern des Reizgases führen die Angstkäufe mittlerweile zu Lieferengpässen. Thomas Hoernecke, 59, ist Geschäftsführer des Unternehmens Hoernecke in Oberstenfeld, einer der Branchenführer in Deutschland. Seine Eltern erfanden einst "TW 1000" , das Abwehrspray aus der Dose. Auch Hoernecke hat einen solchen Ansturm noch nie erlebt. Bundesweit sei die Nachfrage seit September auf das Zwei- bis Dreifache gestiegen, vor allem bei Spraydosen in Größen für die Handtasche. Obwohl das Unternehmen seine Produktion verdoppelt hat, kommt es mit der Lieferung nicht hinterher.

Verdoppelt hat sich auch die Nachfrage nach Alarmanlagen bei "Expert Security", einem Versandhandel für Sicherheitstechnik. Schon in den vergangenen zwei Jahren brummte das Geschäft, als die Medien immer wieder über "rumänische Einbrecherbanden" berichteten, sagt Markus Ries, Leiter der Kundenbetreuung. Doch jetzt habe der Absatz noch einmal angezogen. Im Schnitt geben die Kunden 2000 Euro für eine Anlage aus. Als Kaufgrund für neue Schlösser, abschließbare Fenstergriffe oder Scheinwerfer an den Häusern falle oft das Wort "Flüchtlinge", sagt Ries.

Revolver für die Jackentasche

In einer Schublade ihres Waffenladens hält Martina Schuricht Antragsformulare für den "kleinen Waffenschein" bereit, den braucht, wer jene Pistolen tragen will, die mit Schreckschussmunition, Pfefferspray oder CS-Gas geladen werden. Gefragt seien vor allem kleine, leichte Revolver, die in die Jackentasche passen, sagt Schuricht. Auch die Firma Weihrauch, die solche Modelle produziert, kann die Nachfrage nicht mehr stillen.

Dem stellvertretenden Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Jörg Radek bereitet das Sorgen: "Wenn sich die Bevölkerung bewaffnet, dann ist das kein Zugewinn an Sicherheit. Schauen Sie in die USA: Der Schluss liegt nahe, dass mehr Waffen nur mehr Gewalt bedeuten." Zudem könne vermeintliche Notwehr schnell in Selbstjustiz umschlagen. Was also hilft den Ängstlichen wirklich? Mehr Polizei und mehr Polizeipräsenz, sagt Radek - da ist er ganz Gewerkschafter.

Vielleicht hilft es auch, Angst abzubauen, indem man Flüchtlinge kennenlernt und die eigenen Klischees zumindest mal überprüft? Für Nicolas Kärcher, den Mann mit der Smith & Wesson, ist das kein Thema. "Irgendwann wird es zum Konflikt kommen", prophezeit er. "Die haben mit Sicherheit was vor, sie wollen einen Staat im Staate aufbauen." Bald will er sich eine zweite Pistole bestellen.

Pegida-Freunde schrecken ab

Auch Kathrin Tänzer* , 25, wollte herausfinden, wie sie sich gegen Angreifer verteidigen kann. Denn die Sozialarbeiterin aus Dresden und sechs ihrer Freunde wurden nach einer Pegida-Demo von einer Gruppe vermummter Schläger verfolgt. Der Grund: Tänzer und ihre Freunde trugen eine rote "Refugees Welcome"-Fahne bei sich. Sie rannten weg, doch bevor sie sich in eine Straßenbahn retten konnten, wurden zwei der Freunde von den Schlägern erwischt, ins Gesicht getreten und mit Pfefferspray traktiert.

Kathrin Tänzer stieß auf Stöhrs Angebot. Doch nachdem sie sich informiert hatte, mit wem der Trainer so auf Facebook befreundet ist, entschied sie sich gegen die Kampfkurse. Besonders zwei Namen haben sie abgeschreckt: Lutz Bachmann und Tatjana Festerling, zwei Größen der Pegida-Bewegung.

Könnte doch sein, dass Stöhr gerade die finsteren Gestalten trainiert hat, vor denen sie um ihr Leben gerannt ist.

* Namen von der Redaktion geändert

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