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25. April 2008, 18:41 Uhr

Volksentscheid droht Bruchlandung

Berlin stimmt über das Schicksal des Flughafens Tempelhof ab. Doch die Bürger müssen sich fragen, ob sich der Gang zu der Wahlurne überhaupt lohnt: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat bereits angekündet, den Volksentscheid schlichtweg zu ignorieren. Doch mit dieser Ankündigung gerät die rot-rote Regierung auch in den eigenen Reihen in die Kritik. Von Nana Gerritzen, Berlin

Ein Flugzeug auf dem Berliner Flughafen Tempelhof. Am Wochenende können die Berliner per Volksentscheid darüber abstimmen, ob der Flughafen erhalten bleibt© Pawel Kopczynski/Reuters

In wenigen Tagen ist es soweit: Nach monatelangen Debatten entscheiden Berlins Bewohner per Volksentscheid, ob der Flugverkehr in Tempelhof aufrechterhalten wird oder nicht. So war es zumindest geplant. Doch am Donnerstag bekräftigte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) seine Ankündigung, den traditionsreichen Flughafen unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids zu schließen. Das letzte Entscheidungsrecht liege bei der Politik und dem Senat, sagte er während einer Senatssitzung im Abgeordnetenhaus. Nun stellt sich die Frage: Lohnt sich der Gang zur Wahlurne überhaupt?

CDU, FDP und große Teile der Wirtschaft fordern die Erhaltung des Flughafens. Die rot-rote Koalition und die Grünen plädieren für die Schließung Ende Oktober 2008. Sie befürchten eine rechtliche Gefährdung des Großflughafens Berlin-Brandenburg International (BBI), der 2011 den Betrieb aufnehmen soll. Der Volksentscheid kostet nach Angaben des Landeswahlleiters rund zwei Millionen Euro - ohne Personalkosten.

Ein Beschluss ist der Volksentscheid nicht

Abgestimmt wird über folgende Forderung der Interessengemeinschaft City Airport Tempelhof e.V.: "Der Berliner Senat wird aufgefordert, sofort die Schließungsabsichten aufzugeben. Tempelhof muss Verkehrsflughafen bleiben." Auf die Frage "Stimmen Sie diesem Beschluss zu?", sind am Sonntag rund 2,44 Millionen Berliner angehalten, ihr Kreuz zu machen. Doch ein Beschluss ist der Volksentscheid nicht, egal wie er ausgeht.

"Abgestimmt wird über eine bloße Aufforderung an den Senat, die Schließung rückgängig zu machen", erklärte Ilka Gnendinger, Mitarbeiterin des Landeswahlleiters Andreas Schmidt von Puskás gegenüber stern.de. "Selbst wenn die erforderliche Stimmenanzahl zur Offenhaltung erreicht wird, muss der Senat seine Entscheidung zur Schließung des Flughafens nicht ändern", bestätigte der Berliner Verfassungsrechtler Christian Pestalozza von der Freien Universität. Nicht für den sicheren Erhalt des Flughafens, sondern für die Möglichkeit, dem Senat eine Forderung vorzulegen, müssen am Sonntag mindestens 611.000 Berliner mit "Ja" stimmen. "Der Beschluss, den Flughafen zu schließen, ist rechtskräftig", so Gnendinger.

Wowereits Ankündigung ist "nicht sehr klug"

Dass der Senat den Bürgerwillen ignorieren will, stößt nicht nur bei Gegnern, sondern auch in den eigenen Reihen auf Kritik. Am Donnerstag appellierte Linke-Parteichef Lothar Bisky an den rot-roten Senat, ein "Ja" beim Volksentscheid zu akzeptieren. Zunächst hatte auch der Parteikollege Gregor Gysi diese Position vertreten. "Man kann nicht erst für Volksentscheide sein und sie dann ignorieren", sagte er am Mittwoch. Nach Rücksprache mit dem Berliner Senat änderte er jedoch seine Meinung. Zwar müsse man das Ergebnis respektieren, könnte es aber aus rechtlichen Gründen nicht umsetzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete Wowereits Ankündigung, die Abstimmung zu ignorieren als "nicht sehr klug". Die Berliner SPD habe das Instrument des Volksentscheids mit eingeführt. Wenn sie jetzt sagten, sie würden sich nicht an das Ergebnis halten, dann sei das wenig glaubwürdig. Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Friedbert Pflüger kritisierte Wowereits Vorhaben. Das habe "nichts mit Demokratie zu tun, das ist Arroganz der Macht", sagte er. Schließlich sei die Abstimmung kein Volksratschlag, sondern ein Volksentscheid.

Von Nana Gerritzen, Berlin
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Ralf0204 (27.04.2008, 14:47 Uhr)
@aeternitas
da kann ich dir nur zustimmen.
ganzbaf (27.04.2008, 09:23 Uhr)
http://www.mehr-demokratie.de/

http://www.mehr-demokratie.de/
hevosenkuva (26.04.2008, 20:00 Uhr)
@Cantaloupe_Island
"... die echten Probleme in der Politik gerade deshalb entstanden sind, weil die Verantwortlichen (damals wie heute) sich zu stark am Willen des Volkes orientiert ..." - ich lach mich schlapp.
Wenn man "Willen des Volkes" allerdings ersetzt durch "Interesse einer relativ kleinen, aber sehr einflussreichen Gruppe mächtiger und reicher Privilegierter, die sich einen Dreck um das Wohl des Volkes scheren", dann könnte ein Schuh daraus werden.
aeternitas (26.04.2008, 14:11 Uhr)
@cantaloupe island
Du verwechselt Volkes Wille mit: Versicherungswille (Riesterrente), Bankenwille (Studiengebühren), Energieerzeugerwille (mehr Kraftwerke), Automobilindustriewille(Feinstaubregelung in Städten),Bertelsmannwille (Bildung), Zeitarbeitsfirmenwille (Dumpinglöhne, Zwang jede Arbeit annehmen zu müssen), Herrschende Kaste in Deutschlandwille (Volk arbeitet bis zum umfallen, wird verblödet, kümmert sich nicht mehr um die Politik)
Ich kann mich bei den letzten großen Entscheidungen an NICHTS erinnern, wo der Wille des echten Volkes gehört worden wäre.
Falls jemand ein gutes Beispiel hat: bitte melden.
Falls Sie gute Beispiele dagegen lesen wollen, schauen Sie auf www.nachdenkseiten.de. (kleine Abkürzung, sonst wird mein Beitrag seitenlang)
Countryjoe (26.04.2008, 12:37 Uhr)
Arroganz
Hier zeigt sich die Arroganz der Politkaste die schon lange nicht mehr das Volk vertritt sondern nur noch ihre eigenen Interessen und die einer reichen Minderheit.
Wenn Wahlen etwas ändern würden, dann wären sie schon verboten.
Cantaloupe_Island (26.04.2008, 10:54 Uhr)
Bonjour
Na zum Glück gibt es ja das Stern.de-Forum, wo Volkes Stimme ungefiltert ertönen darf…!
Mal ganz von der Frage abgesehen, ob die Schließung von Tempelhof nun richtig oder falsch ist: schon mal überlegt, wie es hierzulande aussehen würde, wenn „das Volk“ tatsächlich direkt entscheiden dürfte? Man erkennt das hier ja immerzu an den Forumsbeiträgen (nicht nur zu diesem Artikel, zu allen), wie emotional beeinflussbar „das Volk“ ist, und welche Entscheidungen da dann wohl getroffen werden würden. Ich setze den Ausdruck „das Volk“ bewusst in Anführungszeichen, denn ich hoffe ja noch immer, dass das, was ich hier ständig lese, nur die Meinungen einer relativen Minderheit des Volkes darstellt, die dieses Forum dazu benutzen darf, seinen Frust abzubauen und nicht-durchdachte Ansichten in die Welt hinauszuposaunen. Kritisches Hinterfragen und sich mit einem Problem vernünftig auseinander zu setzen macht ja auch viel zu viel Arbeit, die Antwort findet sich ja einfach und sofort nach einem Blick auf eine Schlagzeile der Bild oder eben hier, des Sterns… Beeinflussung? Ach i wo.
Denkt man mal ein paar Minuten länger nach als üblich, stellt man fest, dass die echten Probleme in der Politik gerade deshalb entstanden sind, weil die Verantwortlichen (damals wie heute) sich zu stark am Willen des Volkes orientiert und eine Kompromisslösung gewählt haben. Erlaubt Euch doch mal ausnahmsweise den Spaß, eine Viertelstunde lang nachzudenken…
Übrigens, vergesst nicht, Wowereit ist bekennender Homosexueller! Das lässt sich hier doch auch sonst hervorragend für die eigene Argumentation benutzen, warum „der da oben“ nur Mist baut.
hpirrwitz (26.04.2008, 10:53 Uhr)
zu Grabe getragen
Spaetestens seit dem 17. September 1999 duerfte jedem klar sein, dass die Staatsgewalt nicht vom Volke ausgeht. Spaetestens an diesem Tag wurde die Demokratie zu Grabe getragen. Zur Erinnerung: Am 27 September 1998 stimmten 56.4% der Waehler in Schleswig-Holstein gegen die Rechtschreibreform. Es war der erste erfolgreiche Volksentscheid in diesem Bundesland seit Ende des 2. Weltkrieges. Nicht einmal ein Jahr spaeter wurde er einstimmig von allen Parteien im Kieler Landtag aufgehoben und zwar an einem Freitag kurz vor Feierabend. Es lebe die Demokratie!
seelenflieger (26.04.2008, 10:48 Uhr)
alles nur nicht Demokratie
Ich sehe durchaus Potential für einen Flughafen Tempelhof (vgl. z.B. City-Flughafen in London). Was ich nicht sehe, ist ein Potential
für den Großflughafen Schönefeld. In meinen Augen wurden die Zahlen hoffnungslos schöngerechnet. Berlin ist ein Loch und wird es auch immer bleiben. Die Stadt hätte nie Hauptstadt werden dürfen. Gerade Bonn als Hauptstadt zu behalten, hätte Symbolwirkung gezeigt. Sinnlos wurden wieder Milliarden und Aber-Milliarden versenkt. Und was hat es uns eigentlich gebracht?
.
Jeder, der hier behauptet, man bräuchte Politiker, weil nur sie in
der Lage wären alles zu überblicken (so wie z.B. der ehemalige Verteidigungsminister Scharping, der 'brutto' mit 'netto' verwechselte), dem sei gesagt, dass unser enormer Schuldenberg nicht auf Volksentscheide, sondern auf Entscheidungen von Politikern zurückzuführen ist, die ironischerweise eben dem Volkswillen entgegenstanden.
.
Jedes Volk hat das Recht auf Selbstbestimmung. Und es spricht
nichts dagegen, wenn ein Volk eine Staatsform wählt, in der Politikern erlaubt ist zu walten wie es ihnen beliebt (P.S. nicht einmal unser GG ist vom Volk legitimiert; Kohl hatte bei der Wiedervereinigung bewusst darauf verzichtet). Nur sollte man es dann nicht mehr Demokratie nennen. Und ich finde es beschämend, wenn wir uns dann im Gegenzug anmaßen, wir wären berechtigt, mit dem demokratischen Finger auf China zeigen zu dürfen.
horott (26.04.2008, 10:33 Uhr)
Dieser Berliner Senat ...
... und vor allem sein Vorturner verstehen unter Demokratie nur das, was ihrem eigenen politischem Kalkül dient.
Es ist einfach der Gipfel der Demokratie-Verachtung, wenn Berlins Regierender schon Wochen vor dem Plebiszit erklärt, daß ihn das Votum von über 2,4 Millionen Berlinern nicht interessiert. Das Interesse der Volksvertreter an der Meinung des Volkes ist eben an 4-Jahreszyklen gebunden...
Selbst in der DDR hielt das Politbüro mit seiner Meinung zu 98,8%-Wahlen tunlichst hinterm Berge.
Wowereits Statment erinnert doch sehr an SM Wilhelm II Meinung, der bekanntermaßen Vokabeln wie "Schwatzbude" und "Reichsaffenhaus" im großen Munde führte.
Herr Wowereit, wo findet die nächste Party statt?
hevosenkuva (26.04.2008, 09:34 Uhr)
Demokratur
Ob die Schließung von Tempelhof richtig ist oder falsch, weiß ich nicht. Ignoranz ist auf jeden Fall falsch. Sich über Volksentscheide hinwegzusetzen hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Durchsetzung der eigenen und befreundeter Interessen.
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
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