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23. Juni 2008, 16:16 Uhr

Die Stiefmutter aller Reformen

Die Föderalismusreform II soll das Ende der Verschuldungspolitik in Deutschland einläuten. Was die Vorsitzenden Günther Oettinger und Peter Struck präsentieren, ist jedoch weniger die erhoffte "Mutter aller Reformen", sondern wage Versprechen und schwammige Neuregelungen. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (l, CDU) und der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck (r. SPD) haben die Ergebnisse der Föderalismuskommission II vorgestellt© Peer Grimm/DPA

Was die "Mutter aller Reformen", wie Edmund Stoiber das wichtigste Projekt der Großen Koalition einmal rühmte, leisten soll, ist klar. Die Bundesrepublik sollte mit der Föderalismusreform II endlich runtergeholt werden von einer hemmungslosen Verschuldungspolitik. Aufgehalten werden beim rigorosen Marsch in den Schuldenstaat, der künftigen Generationen Lebens- und Gestaltungschancen raubt. Zukunftsfähig und generationengerecht sollte das Land werden. Die öffentlichen Haushalte sind zurzeit mit 1,6 Billionen verschuldet. Jeder Bundesbürger ist damit mit 18.336 Euro belastet; 40 Milliarden Euro kostet der jährliche Schuldendienst.

Begonnen hat das ganze Elend des Lebens auf Pump unter der Großen Koalition in den 60er Jahren. Es nach 43 Jahren endlich beenden zu wollen, hat uns die zweite Große Koalition versprochen. Sehr weit über das vage Versprechen hinaus reichen allerdings die "Eckpunkte" nicht, die jetzt vom SPD-Fraktionschef Struck und vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger nach längerem Gerangel präsentiert worden sind. Der verräterische Schlüsselsatz ihrer Vorschläge lautet: "Alles hängt mit allem zusammen; nichts ist verabredet, solange nicht alles verabredet ist."

Gegen- statt miteinander

Kurz gesagt: Genaues erfährt man nicht. Reichlich eingesetzt werden Arbeitsgruppen, die Vorschläge machen sollen. Alles wird zunächst mal verschoben bis nach der bayerischen Landtagswahl. Wenn überhaupt, wird es zum Jahresende Gesetzentwürfe für die Neuordnung der Finanzbeziehungen geben. Offen natürlich, was dann mit der gebotenen Zweidrittelmehrheit nächstes Jahr verabschiedet wird. Wahlkampf ist dann. Dann geht es in der Großen Koalition, in der heute schon nur noch wenig miteinander läuft, nur noch gegeneinander.

Zur Stunde haben sich Struck und Oettinger gerade mal auf ein Fitzelchen des Gesamtproblems verständigt. Haushalte ohne neue Schulden sollen zum Regelfall werden, ein striktes Neuverschuldungsverbot ist aber nicht vorgesehen. Wie viel Neuverschuldung erlaubt wird, ist offen, soll aber im Bereich von 0,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung fixiert werden. Da bleibt also ein bequemes Schlupfloch für neue Schulden erhalten. Da können neue Milliarden durchgeschmuggelt werden. Für so chronische Schuldenmacher wie die Bundesländer Saarland, Bremen und Schleswig-Holstein wird ein Fonds mit dem Gesamtvolumen 1,0 bis 1,2 Milliarden Euro eingerichtet (von Bund und Ländern je zur Hälfte zu finanzieren), um deren Zinszahlungen in der Spitze zu verringern.

Schuldenberg hemmt das Wachstum

Das ist es im Augenblick schon. Kein klares Neuverschuldungsverbot. Von einer Vereinbarung des Altschuldenabbaus keine Spur, das Thema ist erst einmal auf Jahre hinaus vertagt. Noch nicht entscheidungsreif sei das Problem, wird lakonisch mitgeteilt. Dabei hemmt der aufgelaufene Schuldenberg das Wirtschaftswachstum erheblich.

Von einem reformerischen Meilenstein für modernes Regieren kann daher bislang keine Rede sein. Ungewiss, wie die künftigen Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern künftig aussehen. Völlig ungeklärt, ob die Länder endlich auch eine Gestaltungshoheit bei den Steuern bekommen. Nur dann könnte ein echter Wettbewerb unter den Ländern entstehen, man denke etwa an die Forderung der FDP, die Erbschaftssteuer oder die Grunderwerbssteuer zur Ländersache zu machen. Wo der reformerische Wille dergestalt schwach daherkommt, steht zu befürchten, dass die Koalition bald wieder politischen Kurs auf Steuergeschenke auf Pump nimmt anstatt zu sparen. Es sei denn, dass die FDP sich stramm querlegt. Denn ihre Stimmen im Bundestag und im Bundesrat werden von der Großen Koalition bei diesem Projekt zur Verfassungsänderung gebraucht.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
stanleyb (24.06.2008, 11:54 Uhr)
Das große Projekt der Großen Koalition...
...scheint gescheitert zu sein. Ein Armutszeugnis!
knilch_59 (23.06.2008, 23:36 Uhr)
Lasst Euch nicht verarschen, …
Das soll eine Föderalismusreform sein? Nach monatelangen Expertentagungen einigen sich unsere Großkopfeten darauf, dass die Neuverschuldung der Bundesländer begrenzt werden muss – LOL
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Minimalanforderungen an etwas, das sich Föderalismusreform nennen dürfte. 1.) Verpflichtung, die Zahl der Bundesländer bis 2020 auf 7 zu reduzieren 2.) Sofortiges Verbot jeder (!) neuen Schuldenaufnahme für Kommunen und Bundesländer – es sei denn als Darlehen einer anderen Gebietskörperschaft / ab 2011 gilt das Verbot auch für den Bund 3.) Sukzessives Auflösen aller dauerhaften Mischfinanzierungen. 4.) Sofortige Übertragung diverser Kompetenzen an den Bund: Kulturhoheit der Länder in Bezug auf staatliche Schul / Hochschulabschlüsse wird abgelöst von bundesheinheitlicher Zuständigkeit.
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Struck - Ihnen sei nächstes Jahr die Rente gegönnt, und wenn Ihnen da langweilig wird, könnnen sie ja die Betreuungspflegschaft für Herrn Öttinger übernehmen.
heiner5362 (23.06.2008, 21:25 Uhr)
@asteriskina
man soll nicht denken, dass sich diese büttel die butter vom brot nehmen lassen werden.
eine solche schwammige erklärung hat schon ihren grund, müssen doch zuvorderst die lobbyisten aus dem grossen steuertopf entlohnt werden.
der steuerzahler wurde zum kostenfaktor umdeklariert, die finanzwirtschaft als treibender motor hochgejubelt(da gibt es auch die posten NACH der politik).
es hat sich eine ekelhafte geldhörige pseudo-demokratie breit gemacht, die ein auswandern erzwingt.
babylon (23.06.2008, 19:15 Uhr)
Zwei versager
auf einem haufen, da kann nichts bei rauskommen!
Asteriskina (23.06.2008, 17:47 Uhr)
Steuergeschenke
Auch hier wieder dieser völlig falsche Begriff. Es gibt hinsichtlich der Steuerlast keine Geschenke, Immerhin ist es das Geld der Bürger, das verwirtschaftet wird. Wird diese Last maßvoller, nachvollziehbarer und schlanker bemessen ist das kein Geschenk, sondern im Grunde eine Selbstverständlichkeit.
Ansonsten: wir füttern auch in allen anderen Bereichen Heerscharen an Beratern, deren Konzepte am Ende keine wirklich klugen Lösungen und schon gar nicht Entlastungen für die Bürger bringt. Das ist es, was tatsächlich das Problem ist und hier ist kein Land in Sicht. Nicht nur die folgenden Generationen, auch die jetzigen müssen wirtschaftlich klarkommen können. Diese Prämisse hat völlig an Bedeutung verloren und es hat sich eine staatliche Maßlosigkeit breit gemacht und eingebürgert, die ihresgleichen sucht. Irgendwann bricht der ganze Salat zusammen, was sicher nicht an den "gierigen" Bürgern liegt, die seit Jahren den Gürtel enger und enger schnallen udn kaum noch Luft bekommen. Es konnte sich eine Kaste herausbilden, die nicht nur unfähig ist, poltische vernünftige Weichen zu stellen, sondern dem Land die Haare vom Kopf frißt für absolut miserable Leistungen und sehr schlechte Lebensqualitäten im Land.
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