Der vertiefte Blick in die Zahlen zeigt: Nur 16 von 100 Wahlberechtigten haben in Baden-Württemberg für den Grünen Winfried Kretschmann gestimmt. Reicht das, um Ministerpräsident zu werden?
Auf jeden Fall. Aber das ist auch die Schuld der Berliner Regierungsparteien. Sie haben sich in den vergangenen 14 Tagen völlig auf die Atomfrage konzentriert. Das hat natürlich den Grünen in die Hände gespielt. Die Atomfrage ist ihr originäres Thema.
Ja. Die Misere fing für die Union an, als Umweltminister Norbert Röttgen sich im vergangenen Jahr als verkappter Grüner gab. Dann hat Merkel die Reißleine gezogen, den Begriff "Dagegen-Partei" geprägt und die Grünen in den Umfragen wieder auf 15 Prozent gedrückt. Nun hat sie mit dem Atom-Moratorium denselben Fehler wie Röttgen gemacht: Sie hat die Flanke zu den Grünen geöffnet.
Es ist nicht die bürgerliche Mitte, die die Grünen wählt. Ihre Stammwähler sind die
Die Grünen müssen, wenn sie auf diesem Niveau bleiben wollen, Rücksicht nehmen auf sehr heterogene Wählerschichten. Das wird in der Tat nicht einfach.
Davon sind die Grünen sind noch sehr weit entfernt. Sie haben zum Beispiel gar keinen Rückhalt in den unteren Schichten, die hart arbeiten und wenig Geld verdienen.
Es ist eben nicht naturgegeben, dass die Wahlbeteiligung fortlaufend sinkt. Wenn es kontroverse Themen gibt und die Parteien ein ordentliches Politikangebot machen, kommt Bewegung in die Wahlbeteiligung.
Kurt Beck hat sich nach seinem katastrophalen Gastspiel in Berlin wieder etwas gefangen. Er hat in Rheinland-Pfalz 22 von 100 Wahlberechtigten auf seiner Seite. Bei Kretschmann sieht es viel schlechter aus, er hat nur knapp 16 von 100 Stimmen der Wahlberechtigten bekommen. Das heißt: 84 Prozent wollten ihn nicht! Er wird die schwächste Legitimation haben, die ein Ministerpräsident in Deutschland je hatte. Schon vor der Wahl konnten wir feststellen: Der CDU-Kandidat Stefan Mappus war schwach, er hatte keinen Amtsbonus, aber es gab auch keine Sehnsucht nach Nils Schmid von der SPD oder Herrn Kretschmann. Insofern ist es Quatsch, von einer Zeitenwende im Süden zu sprechen. Kretschmann ist der Held einer radikalen Minderheit.
Natürlich. Das gilt insbesondere für die FDP. Die Liberalen haben seit ihrem Regierungsantritt einen Vertrauensverlust erlebt, der beispiellos ist. Japan hat diesen Trend noch verstärkt, aber nicht ausgelöst. Die Misere liegt vor allem an einer Person: Guido Westerwelle.
Alle Außenminister, von Heinrich von Brentano in den Fünfziger Jahren bis Frank-Walter-Steinmeier, genossen hohes Ansehen. Jetzt haben wir Westerwelle und die Leute sagen: Der kann es nicht. Auch in der Innenpolitik macht er eine unglückliche Figur. Warum stellt sich ausgerechnet Westerwelle hin und verkündet als Erster das Atom-Moratorium? Er hat vergessen, dass seine Anhänger die glühensten Verfechter der Atomenergie sind. Und das ist nur ein Fehler in einer sehr langen Reihe.
Das ist keine hinreichende Bedingung, aber eine notwenige. Mit dem jetzigen Personal wird es für die FDP sehr schwer, das verlorene Vertrauen zurück zu gewinnen.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Merkel nicht gefährdet ist - und wie es mit den Linken im Westen weiter geht