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11. Mai 2005, 07:27 Uhr

Deutsche fürchten Macht der Bosse

Eine große Mehrheit der Deutschen ist davon überzeugt, dass eher Unternehmensbosse die Geschicke des Landes gestalten als Politiker oder gar Gewerkschaftsführer. SPD-Chef Müntefering hat diese Skepsis aufgegriffen - bisher jedoch ohne messbaren Erfolg.

Ungeliebte Wirtschaftsbosse: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (r.) und Ex-Mannesmann-Boss Klaus Esser (l.) im Januar 2004© Oliver Berg/DPA

Mehr als drei Viertel der Deutschen gehen davon aus, dass im Land derzeit vor allem Vertreter der Wirtschaft das Sagen haben. Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa in der vergangenen Woche im Auftrag des stern und des Fernsehsenders RTL durchgeführt hat. Demnach glauben 76 Prozent der Bürger, dass Wirtschaftsbosse viel oder sehr viel Einfluss auf die Geschicke des Landes haben. Im Gegensatz dazu glauben nur acht Prozent der Befragten, dass die Bürger selbst Einfluss nehmen können. "Das Vertrauen in die Institution Wirtschaft und die Verbände der - und dabei insbesondere die Banken - ist deutlich gesunken", sagte Forsa-Chef Manfred Güllner stern.de. "Es ist der Eindruck entstanden, dass die Wirtschaft hier ungebändigt von anderen Kräften in der Gesellschaft wirken kann. Insgesamt halten die Bürger die wirtschaftlichen Kräfte für böse."

© stern Infografik

Münteferings Kritik verfängt dennoch nicht

Die Umfrage zeigt, dass die Deutschen davon überzeugt sind, dass Unternehmen im Zuge der Globalisierung an Macht gewonnen haben und diese zum Schaden der nationalen Bevölkerung nutzen. Demnach hat SPD-Parteichef Franz Müntefering mit seiner Kapitalismuskritik einem in der Bevölkerung latent vorhandenem Gefühl Ausdruck verliehen. Es fällt jedoch auf, dass sich die Münteferingsche Kapitalismuskritik trotz dieser Grundstimmung nicht zu Gunsten der SPD niedergeschlagen hat. Weder im Bund noch in Nordrhein-Westfalen, wo am 22. Mai ein neuer Landtag gewählt wird, konnte sich die SPD verbessern. Im Vergleich zur Vorwoche verlor die Bundes-SPD sogar einen Prozentpunkt und fiel von 29 Prozent auf 28 Prozent.

Bürger verlieren Vertrauen in die Politik

Bei Bundestagswahlen erhielte Rot-Grün derzeit insgesamt 36 Prozent (SPD 28, Grüne 8), Schwarz-Gelb käme auf 53 Prozent (Union 45, FDP 8) – und damit die absolute Mehrheit im Bundestag. Auch in NRW liegen CDU und FDP knapp zwei Wochen vor der Wahl mit insgesamt 52 Prozent 11 Punkte vor Rot-Grün (41 Prozent).

Die jüngste Forsa-Umfrage zeigt zudem, dass das Vertrauen der Bürger in die Macht der Politik gering ist. Lediglich 53 Prozent der Befragten glauben, dass es Politiker sind, die viel oder sehr viel Einfluss auf die Entwicklung des Landes haben. "Vor dem Hintergrund der Diskussion über die ökonomische Entwicklung und der Ängste, die damit verbunden sind, bezweifeln die Bürger, dass die Politik steuernd in die ökonomischen Prozesse eingreifen kann", sagte Forsa-Chef Güllner.

Gefühl der Ohnmacht

Nur acht Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass es die Bürger selbst sind, die die Geschicke des Landes bestimmen können. "Ein Gefühl der Ohnmacht ist weit verbreitet", sagte Demoskop Güllner. Er bezweifelt dennoch, dass die Politik dieser Skepsis mit mehr plebiszitären Elemente in der deutschen Verfassung - etwa einem nationalen Referendum - erfolgreich begegnen könnte. "Wenn man die Bürger fragt: Wollt Ihr direkt abstimmen oder nicht, gibt es immer eine Mehrheit die das bejahen würde", sagte Güller. "Aber selbst mit mehr plebiszitären Elementen kann man das Vertrauen in die Politik nicht wieder herstellen". Selbst in Gemeinden, in denen die Bürgermeister direkt gewählt würden, so Güllner, sei die Wahlbeteiligung oft sehr gering. "Es kommt den Bürgern nicht darauf an, wie gewählt wird, sondern darauf, was raus kommt." Diejenigen, die gewählt sind, sollen sich in den Augen der Bürger den Kopf zerbrechen - und nicht dann zu den Bürgern zurückgehen, wenn sie nicht weiterkommen."

Florian Güßgen
 
 
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