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15. Mai 2007, 07:00 Uhr

SPD-Basis sehnt sich nach Opposition

Die SPD-Basis ist unendlich frustriert. Die Mehrheit der Genossen hat genug vom Regieren. Sie glaubt, in der Koalition verrate die Partei ihre Werte, sie zweifelt an Kurt Beck - und gibt die Wahl 2009 schon jetzt verloren. Das ist das Ergebnis einer umfassenden stern-Umfrage an der SPD-Basis.

Seine Partei glaubt nicht, dass er sie aus dem Stimmungstief führen kann: SPD-Chef Kurt Beck© AP

Sieben Jahre Rot-Grün. Eineinhalb Jahre Große Koalition. Und die SPD-Basis ist frustriert. Unendlich frustriert. Mehr als die Hälfte der Mitglieder ist davon überzeugt, dass die Parteispitze in der Großen Koalition sozialdemokratische Prinzipien verraten hat. Mehr als zwei Drittel finden, dass der SPD eine gewisse Zeit in der Opposition gut tun würde, um wieder zu sich selbst zu finden. Und mehr als die Hälfte der Basis glaubt nicht, dass Parteichef Kurt Beck die SPD aus ihrem Stimmungstief führen kann. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des stern hervor. Demnach sagten 58 Prozent der befragten SPD-Mitglieder, dass die SPD in der Zusammenarbeit mit der Union sozialdemokratische Prinzipien über Bord geworfen habe, 52 Prozent sagten, die Arbeit in der Großen Koalition schade der Partei. 63 Prozent der befragten SPD-Mitglieder sagten, dass ihrer Partei eine gewisse Zeit in der Opposition gut tun würde. Die nächste Bundestagswahl hat das Parteivolk dabei ohnehin abgeschrieben: Nur 22 Prozent glauben an einen Sieg. In der vergangenen Woche hat Forsa insgesamt 1003 SPD-Mitglieder befragt.

Im Zangengriff von Linkspartei und Union

Die Ergebnisse der SPD-Umfrage des stern zeichnen das Bild einer bis ins Mark frustrierten Partei. Sie belegen, dass die Sozialdemokraten in einer existenziellen Krise steckt. Im Zangengriff von Linkspartei und Union geht der SPD die Puste aus. Die Linkspartei schwingt sich auf zum Anwalt all jener, die sich abgehängt fühlen, von der Politik - und vor allem von der SPD. Sie spielt den Anwalt des Prekariats. Gleichzeitig probt die sozialdemokratisierte Union die feindliche Übernahme vormals klassischer SPD-Domänen, etwa der Familienpolitik. Die Identität der SPD, so scheint es, wird in dieser Zange zermalmt. Alarmierend für die Strategen im Willy-Brandt-Haus muss sein, dass das auch die eigene Basis so sieht.

Mehr als zwei Drittel gegen Rente mit 67

Wie sehr die SPD-Basis genug hat von staatstragenden koalitionären Kompromissen, wird in der stern-Umfrage auch dadurch deutlich, dass die Mehrheit der Befragten die Politik der Großen Koalition in zentralen Fragen ablehnt: 62 Prozent der von Forsa befragten Genossen lehnen die Rente mit 67 ab, immerhin ein Steckenpferd des SPD-Arbeitsministers Franz Müntefering. Ebenfalls 62 Prozent lehnen die Unternehmenssteuerreform ab. 51 Prozent sprechen sich für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan aus. Das sind schallende Ohrfeigen für die Sozialdemokraten im Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel.

Kann Beck die Partei aus dem Stimmungstief führen?

Jedoch sind es nicht nur Inhalte, die die Genossen frustrieren. Auch ihren Führungsfiguren trauen sie wenig zu. Nur 23 Prozent der Befragten glauben, dass SPD-Chef Kurt Beck der Kanzlerkandidat wäre, mit dem man die größten Chancen hätte, die nächste Bundestagswahl zu gewinnen. Beck liegt zwar vorn, aber dicht gefolgt von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (20 Prozent). Mit etwas größerem Abstand folgen Finanzminister Peer Steinbrück (14 Prozent), Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Franz Müntefering (alle acht Prozent). Becks Arbeit bewertet nicht einmal die Hälfte der Befragten als "gut" (43 Prozent) oder als "sehr gut" (5 Prozent). 56 Prozent der SPD-Mitglieder glauben nicht, dass Beck die Partei aus dem Stimmungstief führen kann.

Mitglieder schätzen Arbeit von Steinmeier und Steinbrück

Steinmeier und Steinbrück sind es auch, die bei der Bewertung der Arbeit der SPD-Minister am besten abschneiden. Auf die Frage, wessen Regierungsarbeit positiv oder negativ sei für die Partei, sagten 77 Prozent, die Arbeit des Außenministers sei "positiv", nur 10 Prozent halten sie für "negativ." Die Affäre Kurnaz hat Steinmeier offenbar unbeschadet überstanden. An zweiter Stelle folgt Finanzminister Peer Steinbrück (72 Prozent "positiv", 15 Prozent "negativ"). Franz Müntefering erhält ein ernüchterndes Zeugnis (53 Prozent "positiv", 27 Prozent "negativ"). Ganz hinten rangiert Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. 50 Prozent der SPD-Mitglieder glauben, ihre Arbeit in der Großen Koalition sei negativ für die Partei, nur 32 Prozent bewerten sie positiv.

Die Mehrheit würde sich im Wahlkampf engagieren

Zwar hat die SPD in den vergangenen Jahren bereits einen erheblichen Mitgliederschwund verzeichnet, ein Ende der Abwanderung scheint aber noch nicht abzusehen. So haben laut stern-Umfrage 29 Prozent der Mitglieder in jüngster Zeit darüber nachgedacht, ihr Parteibuch zurückzugeben, vier Prozent geben an, kurz vor dem Austritt zu stehen. Allerdings sagten auch 58 Prozent der Mitglieder, dass sie sich derzeit aktiv für die SPD in einem Wahlkampf engagieren würden. Und 62 Prozent glauben, dass die SPD im Februar 2008 die Bürgerschaftswahlen in Hamburg gewinnen kann - anders als die Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen. Dort rechnet eine Mehrheit mit einer Niederlage.

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Eine Mehrheit der SPD-Mitglieder glaubt, in der Großen Koalition habe die SPD ihre Grundwerte verraten. Was muss die SPD tun, um der Krise zu entrinnen?

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KOMMENTARE (8 von 8)
 
hschlaemmer (16.05.2007, 09:24 Uhr)
Fragwürdige Methoden
Ich frage mich, wieviele Anrufe ein Institut wie Forsa tätigen muss, um unter 80 Millionen Deutschen, die zufällig ausgewählt wurden, auf knapp 1000 von den 560000 SPD-Mitgliedern zu kommen...
Ich frage mich, wie das in einer Woche möglich sein soll...
Ich frage mich, was der Stern sich so eine Umfrage kosten lässt...
... das ist alles schon sehr fragwürdig.
Die Art und Weise, wie hier beoipielsweise in der Schütz-Kolumne mit Informationen ohne Quelle gearbeitet und jede Woche eine neue Umfrage-Sau durchs Dorf gejagt wird... das ist schon sehr fragwürdig.
Nächste Woche würde ich mich darüber freuen zu erfahren, wieviel Prozent der Deutschen Willy Brandt für den besten Kanzlerkandidaten der SPD hielten, so er denn noch lebte...
Roy05441 (15.05.2007, 15:59 Uhr)
Totengräber der SPD?
Da braucht es keinen Totengräber!
Sie begräbt sich selbst, und dies schon seit längerer Zeit!
Da lese ich im Netz, 18% der Deutschen wünschen sich eine Gazprom-Republik!---(Sie wollen Schröder wieder haben)
Ist doch Toll oder wie?
Seh ich Deutsche Parteien in der Nacht, werd ich um den ersehnten Schlaf gebracht!
Eigentlich wäre es dringenst erforderlich HartzIV in BordellinoVI umzuwndeln.!
MrPommeroy (15.05.2007, 13:24 Uhr)
Sackt die SPD ab, ist das nur gerecht....
alle schreiben hier über Verfehlungen gegenüber der sozialen Gerechtigkeit der SPD.
Vielleicht sollte man mal erwähnen, dass die SPD nie zum Regieren getaugt hat, es sei denn unter Machtmensch Schröder oder Schmidt. Und die mussten immer auf ihre Partei draufhauen um sie überhaupt zur Einigkeit zu bringen.
Und wenn man solche Leute wie Nahles in den Reihen hat, die jeden fähigen Vorsitzenden niederbringen, dann darf man sich halt nicht mehr wundern, wenn zum Schluß nur noch Beck übrig bleibt. Und, was bleibt, wenn die SPD den Herrn Beck die goldene Uhr gibt? Wer kommt dann????????? Sehen Sie, das ist das Problem mit der SPD.
RomanTicker (15.05.2007, 11:56 Uhr)
Kompromisse
Eine Mehrheit ist unzufrieden mit bestimmten politischen Entschlüssen. So ist es nun mal mit Kompromissen. Wirklich zufrieden ist niemand mit ihnen, aber man kann damit leben.
Es sind Ewig-gestrige, die glauben, man könnte in einer Demokratie immer nur seine eigenen Ziele durchsetzen. Auch sind viele soziale Ziele einfach zu kurzfristig gedacht, denn wenn man den Unternehmern nicht wenigstens etwas die Hand reicht, dann kommt es durch zunehmender Arbeitslosigkeit erst recht zu unsozialen Folgen.
ganzbaf (15.05.2007, 11:04 Uhr)
Drahtseilakt mit Schirm(chen)
Die SPD hat ihre Mitte ja jetzt getroffen. Leider ist die so schmal, wie ein Strick.
Bleibt nur Erhängen oder den Drahtseilakt mit Schirm bis zum absehbaren Absturz zu vollführen. (Zur allg. Erheiterung des Publikums.)
Ich denke übrigens auch, dass Schröder der schlechteste Kanzler der Republik aller Zeiten war. Ziemlich gleichauf mit dem beinahe ebenso unsäglichen Professor Doktor Helmut Kohl-Verkohlemann...
oscarherz (15.05.2007, 10:56 Uhr)
Reißleine
Nach der Bremenwahl ist genug Zeit bis zu den nächsten Landtagswahlen die Reißleine zu ziehen und die ungeliebte große Koalition in Berlin zu beenden.Wie die Umfrage zeigt hat der Erosionsprozeß der SPD nicht nur ihre Wählerschichten erheblich dezimiert, sondern schon die eigenen Mitglieder mehrheitlich erreicht. Immer weniger SPD-Lemminge folgen Schröder, Beck und Co..Willy Brandt würde sich im Grabe umdrehen.Es ist an der Zeit endlich wieder sozialdemokratische Flagge zu zeigen.Wielange soll noch das Tafelsilber der Sozialdemokratie verkauft werden? Es gibt in Deutschland seit Jahren keine schwarzgelbe Mehrheit. Warum also Angst haben vor Neuwahlen? Struktuelle andere Konstellationen sind ehrlicher.
hotte_m (15.05.2007, 09:58 Uhr)
Totengräber der SPD
ist und bleibt Schröder, dieser arrogante Mensch ist der wahre Schuldige am Debakel der SPD. Keiner innerhalb der Partei hatte den Mut dem Genossen der Bosse entgegen zu treten.
insLot (15.05.2007, 08:51 Uhr)
Verräter
Leider ist die Situation der SPD nicht anders zu beschreiben. Auf Ihrem Weg zur Mitte hat die SPD bereitwillig einen Großteil Ihrer linken Wählerschicht, wenn man so will, links liegen lassen. Und die Ziele und Ideale die Sie einst vertrat, nach und nach aufgegeben.
Die SPD hat einen Großteil der Schichten, welche Sie vertreten wollte (sollte?) einfach aufgegeben. Eine Volkspartei, oder eine die sich dafür hält, kann sich so etwas nicht leisten. Parteien sind keine Unternehmen die man einfach mal neu ausrichtet. Parteien sind auch Orte für Visionen. Offensichtlich richtete sich die SPD zu sehr an dem ehem. Kanzler Schmidt aus der einmal sagte "Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen!". Dies ist ein zutiefst dummer Spruch!
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