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22. März 2009, 09:05 Uhr

"Ich habe keine Angst vor Krisen"

Er kann auch Klartext: Im stern redet Außenminister Frank-Walter Steinmeier über hochmütige Banker, Auftritte mit Gänsehaut, Glaube, Liebe und die Hoffnung, dass die SPD 35 plus x Prozent holt. Von Andreas Hoidn-Borchers und Jens König

Frank-Walter Steinmeier, Außenminister, SPD, Wirtschaftskrise, Kanzlerkandidat

SPD-Kanzlerkandidat vor roter Kulisse: Frank-Walter Steinmeier in einem Gang des Westberliner Café Einstein© Peter Rigaud

Herr Steinmeier, wir stecken in der tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Der Staat muss Unsummen lockermachen, um Banken und Unternehmen zu retten. Hand aufs Herz: Hegen Sie manchmal Rachegedanken gegen die Banker, die das alles angerichtet haben?

Nein. Aber ich bin manchmal wütend über die Borniertheit und den Hochmut von so manchem Akteur auf den Finanzmärkten, der sich überzeugt gibt, dass die Welt einfach weiter nach seinen Regeln spielt. Noch mehr bringen mich aber manche dieser "Experten" auf die Palme. Sie haben sich mit schlimmen Folgen geirrt, melden sich aber schon wieder selbstgewiss zu Wort und erklären, was der Staat auf keinen Fall tun darf, um Arbeitsplätze zu sichern

Defizitäre Unternehmen wie Opel retten?

Niemand darf leichtfertig mit dem Geld der Steuerzahler herumlaufen. Aber wir müssen eines ganz klar sehen: Industrielle Kapazitäten, die wir jetzt preisgeben, sind unwiederbringlich weg. In der nächsten Wachstumsphase würden sie nicht wieder bei uns entstehen, sondern weit entfernt in den dynamischen Wachstumsregionen Indien oder China. Deutschland ist das Silicon Valley der globalen Automobilindustrie. Ich kämpfe dafür, dass wir dieses Stück Zukunft mit aller Kraft erhalten. Sich zurückzulehnen und geschehen zu lassen, was geschieht, kann nicht die Antwort der Politik sein.

Mit Opel schaffen Sie einen Präzedenzfall. Was machen Sie, wenn in ein paar Wochen zum Beispiel Thyssen-Krupp den Staat um Hilfe bittet oder BASF? Immer weiter zahlen?

Wissen Sie, es ist noch keine zehn Jahre her, da waren Besserwisser unterwegs, die uns jede Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft bestritten haben. Ich war damals Chef des Kanzleramts, als wir die deutsche Stahl- und Chemieindustrie massiv bei der Modernisierung unterstützt haben, statt zu sagen: Okay, die Zukunft findet eben in Asien statt. Darum haben heute Zigtausende Menschen in Duisburg, Ludwigshafen und anderswo Arbeit. Natürlich dürfen wir keine maroden Unternehmen am Tropf halten. Aber es geht oft viel mehr, wenn Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften gemeinsam anpacken, als sogenannte Experten voraussagen.

Kriegen Sie Gänsehaut, wenn Sie, wie jüngst bei Opel, vor Tausenden reden?

Das ist keine alltägliche Erfahrung, weiß Gott nicht. Ich wusste, dass ich in 16.000 erwartungsvolle Augenpaare schaue, auf Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz und die Zukunft ihrer Familie haben. So abgebrüht bin ich nicht, dass mir da ein wohliger Schauer über den Rücken läuft.

Politik törnt Sie nicht an?

Natürlich bin ich zufrieden über einen gelungenen Auftritt oder eine überzeugende Rede. Ein Politiker braucht Zustimmung, und wenn man sie bekommt, gehört das zum Kick von Politik. Das darf einen aber nicht davon abhalten, vor allem zu sagen, was ist und was zu tun ist.

Warum will man in der schärfsten Finanz-und Wirtschaftskrise Kanzler werden? Sind Sie Masochist?

Diese Frage hat mir schon Henry Kissinger gestellt.

Wie lautet Ihre Antwort?

Ich bin davon überzeugt, dass ich als Bundeskanzler noch mehr als jetzt dafür tun kann, dass diese Krise überwunden wird - und dass sie sich nicht wiederholen kann. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dieses Land bestmöglich aufzustellen für die Zeit, wenn es wieder aufwärtsgeht.

In Umfragen liegen Sie, zum Teil deutlich, hinter der Kanzlerin zurück. Verstehen Sie, warum Frau Merkel so populär ist?

Muss man jede Umfrage verstehen? Jedenfalls heißt Beliebtheit noch lange nicht, Wahlen zu gewinnen.

Was können Sie, was sie nicht kann?

Ich glaube, dass ich über viele Jahre hinweg bewiesen habe, dass man Kompass auch in der Krise bewahren kann, dass ich Richtung und Ziel auch dann beibehalte, wenn es schwierig wird. Und ich weiß, dass man den leichteren Weg manchmal meiden muss - auch wenn es dafür keinen Beifall gibt.

Sie sind längst im heimlichen Wahlkampf. Warum sagen Sie nicht einfach: Ich bin besser, Merkel muss weg!

Stimmt, aber die Wahlen sind in 28 Wochen. Wir haben uns in der Großen Koalition gemeinsam verpflichtet, das Beste für unser Land herauszuholen. Das ist bei vielen Themen leider nicht mehr möglich, weil die Union streitet und nicht weiß, was sie will.

Was würden Sie denn anders machen, wenn Sie die Richtlinienkompetenz hätten?

Wo fangen wir an? Ich würde Herrn Seehofer klarmachen, dass die bayerische CSU einer gesamtdeutschen Regierung angehört und sich deshalb auch so zu verhalten hat. Ich würde die Kräfte der Gemeinsamkeit stärken - mit der Wirtschaft, den Gewerkschaften, aber auch den Parteien und Fraktionen der Opposition. Ich würde deutlich machen, dass wir auch in der Krise kraftvoll handeln. Das gelingt unserer Partei in der Regierung ja auch. Was wir in den vergangenen Monaten an Maßnahmen gegen die Krise beschlossen haben, trägt die prägende Handschrift der SPD.

Ein ehemaliger Mitarbeiter sagt, für Sie sei es das Schönste, im Urlaub angerufen zu werden, um eine Krise zu bewältigen.

Das muss ein Mitarbeiter gewesen sein, der mich nicht besonders gut kennt.

Aber Krise können Sie, oder? In Ihrem neuen Buch* schreiben Sie: "Ich gestehe, dass mich unübersichtliche Phasen faszinieren."

Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Ich kann mit schwierigen Situationen umgehen. Die gab es in den vergangenen zehn Jahren immer wieder. Das sind Phasen, in denen sich die Spielräume für Politik erweitern.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2009

Zur Person

Zur Person Auf der Suche nach Antworten: Frank-Walter Steinmeier. Der 53-jährige Jurist will wieder da rein, wo er unter Gerhard Schröder bereits als Staatssekretär saß: ins Kanzleramt - diesmal allerdings als Chef. Im Oktober nominierte die SPD den Außenminister zu ihrem Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Steinmeier ist mit der Richterin Elke Büdenbender verheiratet und hat eine Tochter.

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