Zum 20. Mal jährt sich der Todestag von Franz Josef Strauß. stern.de sprach mit seinem ältesten Sohn Franz Georg über einen Politiker, der bis heute das Land prägt. Ein Interview über Erinnerungen, politische Erfolge und aktuelle Fehleinschätzungen der CSU. Von Sebastian Jabbusch

Franz Georg Strauß (rechts) erzählt im stern.de-Interview über seinen Vater Franz Josef Strauß© Dpa
Er würde wohl sagen 'Eine richtig verstandene Niederlage ist weniger schlimm als ein falsch verstandener Sieg'. Vor fünf Jahren ist der Sieg einfach falsch verstanden worden. Zudem hat man die Kommunalwahlen einfach als Ausrutscher betrachtet. Und wenn man die Wahl jetzt richtig interpretieren würde, müsste man sie als Chance für einen Neuaufbruch verstehen.
Nun ja - ich kann nur sagen, was ich weiß. Ihm war immer wichtig, dass die CSU das Straßenbild beherrscht. Das war erstmals nicht der Fall. In München war die CSU nicht präsent. So etwas hat ihn immer aufgeregt. Das erste, wonach er geschaut hat im Auto auf dem Weg zu einer Veranstaltung, war immer, wie plakatiert war. Zudem haben große Themen gefehlt. Mein Vater hätte gesagt, man müsse den Leuten aufs Maul schauen und nicht nach dem Mund reden.
Ich glaube, dass mein Vater in der heutigen Situation dafür wäre, dass der zukünftige CSU-Vorsitzende in Berlin sitzt. Die Aufgabe des Ministerpräsidenten sollte davon getrennt sein. Wir stehen vor Europa- und Bundestagswahlen. Die CSU muss einfach bundespolitisch mehr Gewicht bekommen, und das bekommt sie nicht, wenn Horst Seehofer aus dem Kabinett ausscheidet. Eine ernsthafte Alternative wäre das Ausscheiden der CSU aus der Großen Koalition, mit der sich die CSU-Wähler sehr schwer tun.
Die zwei hätten sich so wie Edmund Stoiber 1993 verhalten können. Der hat eine Pressekonferenz einberufen, in der er über tatsächliche oder angebliche Fehler der Vorgängerregierung hergefallen ist. Themen hätte es wahrlich gegeben. Das hätte den zwei einigen Respekt in der Bevölkerung verschafft. So tragen sie jetzt die Folgen dessen, was in den Jahren davor falsch war. Es gibt da eine ganze Kette von Dingen, wo mal jemand hätten sagen müssen, dass Fehler gemacht wurden. Stattdessen hat man einfach nach der Devise 'weiter so' gehandelt und nicht gemerkt, dass sich im Land die Stimmung immer weiter gegen die CSU aufgebaut hat. Mit dem Rauchverbot, das ja eigentlich richtig war, aber großkotzig verordnet wurde, hat die Stimmung an den Stammtischen gedreht. Dazu kommt noch, dass die Huber und Beckstein zwar sehr erfolgreiche Politiker sind. Aber ihnen fehlt das Charisma oder die Aura, die gewisse Leute eben ausmacht.
Das hat richtig Spaß gemacht. Über vieles, was ich damals für selbstverständlich hielt, wundere ich mich heute. Zum Beispiel über seinen Zugang zum Weißen Haus, zum Präsidenten oder zum Papst. Heute weiß ich, dass das nicht selbstverständlich war. Wenn deutsche Politiker heute einen Termin bei Arnold Schwarzenegger bekämen, würden die dafür doch rüberschwimmen. Es gibt da schon einige Treffen die ich noch mal gerne erleben würde.
Achje. Er wäre auf jeden Fall ein guter Kanzler gewesen, der auch lange dran geblieben wäre. Viele der heutigen Strukturprobleme angefangen bei der Rentenkasse über die Krankenkasse bis hin zum Riesenthema der Staatsverschuldung hätten wir lange nicht in diesem Ausmaß. Mein Vater hatte als bayerischer Ministerpräsident und als Bundesfinanzminister jeweils einen ausgeglichenen Finanzhaushalt hinterlassen. Bei der Ostpolitik wäre er nicht so naiv gewesen wie die SPD, die Glück gehabt hat, dass die Geschichte ihre Fehler kassierte.
Die Frage hätte ihm gefallen. Den Dreiklang mochte er auch gerne - das ist immer so griffig. Also, als erstes der Vorwurf, er sei ein 'unkontrolliertes Kraftpaket ohne Sicherungen'. Das stimmt so nicht. Er war zwar in der Rhetorik oft scharf, aber im Handeln immer ein Zauderer. Das zweite falsche Bild ist, dass er keine Menschenkenntnis gehabt hätte, weil er oft Schwierigkeiten mit Menschen aus seinem Umfeld hatte. Tatsächlich mochte er einfach spannende Menschen - Mensche mit Widersprüchen. Mit denen hat er sich auseinander gesetzt. Er glaubte, die Prozesse zu beherrschen - da hätte er vielleicht etwas vorsichtiger sein können. Drittens die gebetsmühlenhafte Wiederholung angeblicher Skandale. Selbst der Anpfiff eines Straßenpolizisen füllt noch fünf Minuten zur Hauptsendezit des ZDF.
Wenn sie die "Spiegel-Affäre" meinen: Ich beschreibe nicht die Affäre selbst, sondern nur die Wirkung der Affäre auf meine Mutter. Ich habe da nur auf die Bemerkung eines ehemaligen Weggefährten meines Vaters Bezug genommen, der das für eine Intrige gehalten hat. Franz Josef Strauß ist der einzige, dem bis heute seine Affären - richtig oder falscher Art - einfach nicht verziehen werden. Ansonsten ist es natürlich ein subjektives Buch, ja. Er hat auch Fehler gemacht, keine Frage, aber im historischen Bild ist das, glaube ich, völlig Wurscht.
Ich meine damit, dass mein Vater für viele einfach ein Teil Bayerns geworden ist, gerade für die Jugend. Auf der Wiesn schimpfen sie über die CSU - aber sie tragen am ihren Franz-Josef-Strauß-Sticker am Dirndl oder Hut. Einfach weil's zur Wiesn dazugehört. Die mythische Bedeutung ist natürlich übertrieben, aber er ist halt wie König Ludwig: Einfach ein Teil Bayerns.
Das neue Buch Das neue Buch von Hans Georg Strauß heißt "Mein Vater: Erinnerungen". Darin erzählt der Sohn des berühmten Ministerpräsidenten, wie sein Vater Politik machte. Und er berichtet von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Übervater, den er schon früh auf Auslandsreisen, u.a. nach Moskau und Israel, begleiten durfte. Das Buch ist für 20 Euro beim Herbig-Verlag erschienen. ISBN-10: 3776625732
Der Autor Dr. Franz Georg Strauß, geboren 1961, Werbekaufmann und Jurist, ist als Medienunternehmer in München tätig. Seit 1984 ist er Vorstand der Marianne-Strauß-Stiftung. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in München