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11. Februar 2004, 16:01 Uhr

Der rote Papst

Er liebt kurze, knackige Sätze. Das klingt dann so: "Opposition ist scheiße." Der neue Parteichef Franz Müntefering wird alles tun, damit die SPD weiterregiert. Notfalls auch den Kanzler stürzen.

Ernsthafter Thronkonkurrent für Kanzler Gerhard Schröder: SPD-Chef Franz Müntefering© Roland Weihrauch/DPA

Wunder dauern bei der ruhmreichen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands immer etwas länger. Vielleicht hat Franz Müntefering ja ein klitzekleines bisschen darauf gehofft, dass allein seine Blitzbeförderung vom heimlichen zum offiziellen Parteichef über Nacht für mehr Ruhe in der roten Rappelkiste sorgen würde. Geglaubt hat er es nicht. Der Mann ist Realist. "Ich träume nicht", sagt er nüchtern.

Und so mag den vom Kanzler und sich selbst zum Wundenheiler der SPD-Seele Erkorenen allenfalls die Wucht überrascht haben, mit der die Genossenschaft schon am Tag danach wieder über sich herfiel. Rauf auf die Reformbremse! Mehr Gerechtigkeit! Andere Kaliber ins Kabinett! Muss die SPD nicht rechtzeitig vor der Wahl 2006 sagen: Danke, Gerd, es reicht!?

Müntefering stand vor Kameras und Parteivolk, das Gesicht wie aus dem Fels gehauen, und staubte trocken los: Nix gibt's. Keine "Rolle rückwärts" bei den Agenda-Gesetzen, erst recht keine Diskussion um den Nur-noch-Regierungschef. "Gerhard Schröder ist ein guter Kanzler und wird es auch lange bleiben." Basta!

Schröders Thronkonkurrent

Basta? Erstmals seit sich Oskar Lafontaine vor fünf Jahren in die Nörgelei abgesetzt hat, ist Schröder ein ernsthafter Thronkonkurrent erwachsen. Es bedürfte wohl nur eines Fingerschnippens des Mannes aus dem sauerländischen Sundern - und der Kanzler wäre ex. Mitte November, auf dem Katastrophen-Parteitag in Bochum, ließ Müntefering für einen Moment aufblitzen, was er unter der Haube hat. Wie einer, der an der Ampel das Gaspedal antippt und den 300-PS-Motor satt aufheulen lässt: "Fraktion ist gut, Partei auch. Glück auf." Wrumm, wrumm.

Gejubelt haben die Delegierten nach seiner Fünf-Minuten-Rede wie bei keinem sonst. Obwohl er ihnen in dieser kurzen Zeit einiges um die Ohren gehauen hatte. Erst ja sagen zu Schröders Agenda, sich dann aber feige in die Büsche schlagen, das hat er gern. Und diese unnütze Nabelschauerei: "Wer sich nur in der Partei umhört, wie man es denn gern hätte, kann Politik nicht wirklich gestalten."

Trotzdem, in diesem Augenblick hätte er den Oskar machen, die frustrierten Genossen gegen den ungeliebten Vorsitzenden aufputschen können. Aber er ist nicht durchgestartet. Er hat den Fuß wieder vom Gas genommen. Ein Franz Müntefering lässt sich nicht hinreißen oder treiben. Er sagt und macht nichts, was er nicht genau bedacht hätte. Ein Kontrollfreak. Es gibt Genossen, die nennen ihn deshalb anders. Apparatschik. Sogar Stalinist.

Wo Müntefering ist, taucht zuverlässig mindestens einer seiner Mitarbeiter auf, steht oder sitzt in der Ecke, schnuppert die Stimmung. Registriert, was Journalisten fragen. Guckt, wie der Kanzler reagiert. Merkt sich, was die Genossen bewegt. Danach wird ausgewertet. Müntefering entgeht nichts. Und er lässt sich nie ganz in die Karten schauen. Das ist ein großer Teil seines Erfolgsgeheimnisses.

Bis vor kurzem hat der 64-Jährige, zumindest darin Schröder sehr ähnlich, alles mit einer kleinen, verschworenen und verschwiegenen Truppe gemacht - der Westfalen-Mafia, einer Art Politorden. Matthias Machnig, nach der Wahl gegangener Bundesgeschäftsführer, gehörte dazu, und Kajo Wasserhövel, der neue SPD-Manager. Dazu gesellte sich Lars Kühn, Berater und Sprachrohr zugleich. Alle mindestens 20 Jahre jünger als er und geübt darin, Fallen zu wittern, bevor sie aufgestellt sind.

Sie halten zusammen, seit Rudolf Scharping Müntefering 1995 in die Parteizentrale holte. Sie haben die Kampa erfunden, waren nach Schröders Sieg kurz im Verkehrsministerium, dann wieder als Nothelfer im Willy-Brandt-Haus, schließlich an der Fraktionsspitze.

"Ich bin nicht dein Franzwurst"

Nach dem Sieg 1998 wäre die Gemeinschaft gern mit Schröder ins Kanzleramt eingezogen, aber da traute Schröder "dem Franz" noch nicht über den Weg. Der soll mal zu Lafontaine gesagt haben: "Mit dem geht das nicht." Das hat Schröder sich gemerkt. Allerdings auch, dass Müntefering Oskars Intrigenspiel nach der Wahl nicht mitmachte und seinen Plan durchkreuzte, ihn als Statthalter auf den Fraktionsvorsitz zu hieven. Seine Absage teilte er Lafontaine per Interview mit. Klare Kante. Ich bin nicht dein Franzwurst, lautete der Subtext. "Keiner soll oben oder unten sein, keiner Herr oder Knecht": Auf die Einhaltung seines politischen Leitmotivs legt er auch im Umgang miteinander gewaltig Wert.

Dass er sich auf ihn verlassen kann, wusste Schröder nach Lafontaines Flucht. Obwohl Müntefering von zahlreichen Genossen bedrängt wurde, selbst als SPD-Chef anzutreten, erklärte er kategorisch: "Das muss der Gerd machen" - vermutlich sein größter politischer Irrtum. Einen persönlichen Draht jenseits des Politischen haben die beiden nie gefunden. "Sie sind sich sehr fremd, zwischen ihnen gibt es keine Chemie", sagt einer aus dem inneren Kreis. "Aber beide wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind."

"Franz, du musst dich stärker um die Partei kümmern", hat Schröder ihn schon im Spätherbst gebeten. Längst hatte sich da, wie es einer aus der SPD-Spitze formuliert, "das Kraftfeld der Politik verschoben, vom Kanzleramt in die Fraktion". Zu Müntefering also. Der hatte dafür gesorgt, dass die Arbeitsmarktgesetze etwas halbhartziger ausfallen, damit die Linken zustimmen. Er hatte gegen Schröders Willen die Ausbildungsplatzabgabe angeschoben.

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