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21. Dezember 2008, 11:42 Uhr

"Wink mal, wenn Du oben bist"

Um seine todkranke Frau zu pflegen, trat Franz Müntefering 2007 als Vizekanzler zurück. Er habe in dieser Phase "neben all dem Schmerz, auch ein gutes Stück Leben" erfahren, sagte Müntefering im stern-Interview. Der SPD-Parteivorsitzende äußerte sich auch zur Linkspartei - und plädierte für rot-rote-Bündnisse auf Landesebene.

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SPD-Chef Franz Müntefering und seine Frau Ankepetra im Jahr 2005© Franke Bruns/AP

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat grünes Licht für die Bildung rot-roter Koalitionen in ost- und westdeutschen Bundesländern gegeben. "Wenn es uns gelingt, mehr sozialdemokratische Ministerpräsidenten zu stellen, würde uns das helfen, mehr als es schadet", sagte Müntefering dem stern. "Wir könnten so auch machtpolitisch ein Zeichen setzen." Selbst rot-rote Bündnisse in Thüringen und im Saarland, wo unmittelbar vor der Bundestagswahl 2009 gewählt wird, befürwortet der SPD-Chef. "Das macht mir keine Angst", so Müntefering. Die Debatte über Koalitionen der SPD mit der Linken werde die Bundestagswahl nicht wesentlich entscheiden. "Das regt die Menschen nicht mehr auf."

Müntefering stellte außerdem klar, dass er für längere Zeit Parteivorsitzender bleiben möchte. "Ich habe nicht vor, eine kurze Geschichte daraus zu machen", sagte er dem stern. Er werde im nächsten Jahr erneut für den Posten kandidieren. Müntefering war im Oktober zum zweiten Mal in seiner politischen Karriere zum SPD-Vorsitzenden gewählt worden.

"Ich habe versucht zu helfen"

Müntefering bestreitet im Interview, mit seinem Vorgänger Kurt Beck einen Machtkampf geführt zu haben. "Ich habe das nicht so verstanden." Er räumt jedoch ein, selbst in den Monaten, in denen er seine krebskranke Frau gepflegt hat, politisch nicht völlig weggetaucht zu sein. In der SPD sei einiges kreuz und quer gelaufen. "Ich habe versucht zu helfen und zu ordnen. Das war ich meiner Partei auch schuldig." Es gebe keinen Schaukelstuhl in der Demokratie, so Müntefering. Man bleibe mitverantwortlich. "Wenn der Kopf klar ist, kann man nicht sagen: Das geht mich alles nichts mehr an."

Nach Becks Rücktritt im September sei er vom SPD-Kanzlerkandidaten und Außenminister Frank-Walter Steinmeier gebeten worden, den Parteivorsitz zu übernehmen. "Ich habe das Amt nicht gesucht", sagte Müntefering im stern. Er habe Steinmeiers Angebot zunächst gar nicht annehmen wollen. "Ich habe mich kurz gewehrt." Steinmeier habe ihn jedoch überzeugt. "Du weißt genau, dass das eine vernünftige Lösung wäre", habe Steinmeier zu ihm gesagt. "Gut, habe ich geantwortet, dann mache ich das."

Über den Tod seiner Frau Ankepetra

Müntefering äußerte sich im stern auch erstmals ausführlich zu der Zeit, in der er seine krebskanke Frau Ankepetra bis zu deren Tod Ende Juli 2008 pflegte. "Als ich im November 2007 aus der Politik ausschied, hatte ich das Gefühl, wir gehen jetzt eine lange, letzte gemeinsame Strecke", sagte er. Das Wissen um das nahe Ende sei "schrecklich" gewesen, andererseits habe er es "als Privileg empfunden, dass wir eine so intensive Zeit miteinander verbringen konnten. Es war gut für sie und für mich", so Müntefering im stern. "Wir hatten noch viele schöne Stunden und Tage. Wir saßen fröhlich im Garten, haben miteinander geredet. Das war, neben allem Schmerz, auch ein gutes Stück Leben."

Die Beziehung zwischen sich und seiner Frau war, so Müntefering, "eine große Sache": "Ich konnte mit meiner Frau Pferde stehlen, wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen." Er habe im vergangenen November "nicht einen Augenblick gezögert", sein Amt als Vizekanzler aufzugeben, um sich um seine Frau zu kümmern, sagte Müntefering dem stern. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich unabkömmlich bin, dass da kein anderer ist, der das genauso gut machen könnte." Es sei ihm auch nicht schwer gefallen, seine Frau zu pflegen oder ihr Spritzen zu geben. "Wenn man es macht, ist es ganz natürlich, erst recht bei einem Menschen, den man liebt." Es glaube, so Müntefering, "ich könnte auch in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung arbeiten."

"Winke, wenn Du oben bist"

Seine Frau und er hätten bereits vor Jahren verabredet gehabt: "Wenn einer von uns ein Pflegefall werden sollte, kümmert sich der andere um ihn, wenn irgend möglich zu Hause", sagte der 68-Jährige. Er sei durch seine Eltern geprägt. Sein Vater habe seine Mutter lange gepflegt, sagte Müntefering dem stern. Es habe ihn sehr bedrückt, "dass ich nicht dabei war, als er starb". Nach dem Tod des Vaters hätten sie seine Mutter zu Hause gepflegt. "Damals habe ich gelernt, wie wichtig es für meine Mutter war, bei uns zu sein, in der Familie, nicht irgendwo, wo man hinfährt und sie besucht", so der SPD-Chef weiter. "Wir leben in einer so zeitreichen Gesellschaft und trotzdem sterben so viele Menschen einsam. Das dürfte eigentlich nicht sein."

Müntefering wünscht sich, an seinem eigenen Ende "nicht große Schmerzen erleiden (zu) müssen. Dann soll mich der Tod lieber ganz plötzlich erwischen", sagt Müntefering. "Tot sein ist nicht schwer. Sterben kann schwer sein." Seine Haltung zum Leben nach dem Tod sei "eher agnostisch: Kann sein, kann nicht sein." Zu seiner Frau habe er gesagt: "Wenn du da oben Gelegenheit hast, dann wink mal."

Das vollständige Interview ... mit dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering lesen Sie im neuen stern, der wegen der Weihnachtsfeiertage bereits am Dienstag erscheint.

 
 
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