Franz Müntefering ist zurück: Und nie stand er so strahlend da wie heute. Binnen einer Woche hat der 68-Jährige es geschafft, vom Polit-Rückkehrer zum SPD-Chef aufzusteigen. Seine Biografie ist eng mit der seiner Partei verwoben. Und deshalb darf er sich auch mehr erlauben als andere. Von Sebastian Christ

Sagt, wat Sache is: Franz Müntefering am Montag in Berlin© AP Photo/Michael Sohn
Einen Moment lang wirkt er verletzlich. Seine Haut ist blass, fast porzellanfarben, ein offenes Lächeln will ihm nicht gelingen. Franz Müntefering winkt dem Publikum im Münchner Hofbräukeller zu, links, rechts, sie jubeln, seinetwegen. Doch seine Mimik verrät an diesem Abend Unsicherheit. Ein Jahr hat er von der Politik pausiert, um seine schwerkranke Frau Ankepetra zu pflegen. Nachdem sie Anfang August starb, entschloss er sich, wieder mehr Einfluss in seiner Partei nehmen zu wollen.
Jetzt steht er hier und kann nicht anders. Franz Maget, der bayerische SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, hat ihm sogar den Vortritt als Hauptredner des Abends überlassen - obwohl er eigentlich selbst in der heißen Wahlkampfphase steckt. Müntefering, 68 Jahre alt, hüpft mit einem Satz auf die Bühne. Das Licht brennt von oben, die Luft im Saal ist dick wie in der Sauna. Und plötzlich schaltet Müntefering um. Seine Worte wirken wie Faustschläge. Zitierfähig bis in die Ewigkeit, kämpferisch: "Ein heißes Herz und klare Kante, das ist jetzt das, was wir brauchen. Es riecht nach Schweiß. Aber ein heißes Herz und eine klare Kante, das ist besser, als die Hosen voll zu haben." Müntefering ist zurück.
Nur fünf Tage später ist die Sensation perfekt. Aus dem Nichts ist er zum kommenden Parteivorsitzenden avanciert. Auftritt Franz Müntefering im Willy-Brandt-Haus. Neben ihm Frank-Walter Steinmeier, der Silbersurfer, der sich staatstragend gibt und wohl auch ist. "Ich habe viel, viel Unterstützung aus dem Parteivorstand gehört", tremoliert Steinmeier. Seine Kandidatur für das Amt des Kanzlers sei einstimmig angenommen worden. Außerdem habe der Vorstand auch seinem Vorschlag zugestimmt, Müntefering zum Parteivorsitzenden zu wählen. Präziser wird Steinmeier nicht.
"Schnickschnack!" muss sich Müntefering gedacht haben. Er sagt einfach, wat los is: Es gab fünf Enthaltungen und eine Gegenstimme. Das sei angesichts der Situation doch ein "ordentliches Ergebnis". Dann rockt Müntefering los - witzig, punktgenau, klar. Keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei im Bund. Punkt. Kein Wechsel in den Ämtern der stellvertretenden Vorsitzenden und des Generalsekretärs. Punkt. Schluss mit den Flügelkämpfen, es gibt nur eine SPD. Punkt.
Welche Rolle Müntefering beim Sturz von Kurt Beck gespielt hat, ist immer noch unklar. Fest steht wohl, dass Beck durch die Comeback-Rede des Westfalen im Hofbräukeller "tief getroffen" war, wie ein SPD-Funktionär berichtet. Mit keinem einzigen Wort war Müntefering auf den damals noch amtierenden Parteivorsitzenden eingegangen. Er hatte ihn einfach totgeschwiegen. Schlimmer noch: Er riet den Genossen, nicht mit denen zu ziehen, die sich "im Winde drehen". Man kann dies auch als Seitenhieb auf die Becksche Teilabkehr von den Schröder-Reformen deuten.
Politisch gesehen ist Müntefering ein Anhänger der Agenda 2010. Er war als Fraktionschef der SPD im Bundestag maßgeblich daran beteiligt, das Gesetzeswerk nach außen hin zu vertreten und zu verteidigen. Wenn man so will, dann gehört Müntefering also zu jenen Kräften in der SPD, die vor einigen Jahren auf Kosten des Parteifriedens staatliche Reformen durchgesetzt haben - und die heute von der Linken als "neoliberal" bezeichnet werden.
Ein "Neoliberaler" ist Müntefering aber keineswegs - wie nicht zuletzt die Debatte um seine "Heuschrecken"-Äußerungen zeigt. Eher ein alter Sozialdemokrat mit abgewetzter Wertefibel, deren Inhalt - gemessen am Globalisierungsjahrhundert - manchmal seltsam anachronistisch wirkt. Gemäß dem Grenadiersmotto: Klagt nicht, kämpft. Und weil man zum Kämpfen wissen muss, wo der Feind steht, werden politische Gegner in seinen Reden auch mal zu "Waschlappen". Es sind Worte, die gelegentlich auf sauerländischen Schulhöfen fallen, kurz bevor die Prügelei los geht.
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