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8. September 2008, 19:44 Uhr

Mann der klaren Kante

Franz Müntefering ist zurück: Und nie stand er so strahlend da wie heute. Binnen einer Woche hat der 68-Jährige es geschafft, vom Polit-Rückkehrer zum SPD-Chef aufzusteigen. Seine Biografie ist eng mit der seiner Partei verwoben. Und deshalb darf er sich auch mehr erlauben als andere. Von Sebastian Christ

Sagt, wat Sache is: Franz Müntefering am Montag in Berlin© AP Photo/Michael Sohn

Einen Moment lang wirkt er verletzlich. Seine Haut ist blass, fast porzellanfarben, ein offenes Lächeln will ihm nicht gelingen. Franz Müntefering winkt dem Publikum im Münchner Hofbräukeller zu, links, rechts, sie jubeln, seinetwegen. Doch seine Mimik verrät an diesem Abend Unsicherheit. Ein Jahr hat er von der Politik pausiert, um seine schwerkranke Frau Ankepetra zu pflegen. Nachdem sie Anfang August starb, entschloss er sich, wieder mehr Einfluss in seiner Partei nehmen zu wollen.

Jetzt steht er hier und kann nicht anders. Franz Maget, der bayerische SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, hat ihm sogar den Vortritt als Hauptredner des Abends überlassen - obwohl er eigentlich selbst in der heißen Wahlkampfphase steckt. Müntefering, 68 Jahre alt, hüpft mit einem Satz auf die Bühne. Das Licht brennt von oben, die Luft im Saal ist dick wie in der Sauna. Und plötzlich schaltet Müntefering um. Seine Worte wirken wie Faustschläge. Zitierfähig bis in die Ewigkeit, kämpferisch: "Ein heißes Herz und klare Kante, das ist jetzt das, was wir brauchen. Es riecht nach Schweiß. Aber ein heißes Herz und eine klare Kante, das ist besser, als die Hosen voll zu haben." Müntefering ist zurück.

Nur fünf Tage später ist die Sensation perfekt. Aus dem Nichts ist er zum kommenden Parteivorsitzenden avanciert. Auftritt Franz Müntefering im Willy-Brandt-Haus. Neben ihm Frank-Walter Steinmeier, der Silbersurfer, der sich staatstragend gibt und wohl auch ist. "Ich habe viel, viel Unterstützung aus dem Parteivorstand gehört", tremoliert Steinmeier. Seine Kandidatur für das Amt des Kanzlers sei einstimmig angenommen worden. Außerdem habe der Vorstand auch seinem Vorschlag zugestimmt, Müntefering zum Parteivorsitzenden zu wählen. Präziser wird Steinmeier nicht.

"Schnickschnack!" muss sich Müntefering gedacht haben. Er sagt einfach, wat los is: Es gab fünf Enthaltungen und eine Gegenstimme. Das sei angesichts der Situation doch ein "ordentliches Ergebnis". Dann rockt Müntefering los - witzig, punktgenau, klar. Keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei im Bund. Punkt. Kein Wechsel in den Ämtern der stellvertretenden Vorsitzenden und des Generalsekretärs. Punkt. Schluss mit den Flügelkämpfen, es gibt nur eine SPD. Punkt.

Beck war "tief getroffen"

Welche Rolle Müntefering beim Sturz von Kurt Beck gespielt hat, ist immer noch unklar. Fest steht wohl, dass Beck durch die Comeback-Rede des Westfalen im Hofbräukeller "tief getroffen" war, wie ein SPD-Funktionär berichtet. Mit keinem einzigen Wort war Müntefering auf den damals noch amtierenden Parteivorsitzenden eingegangen. Er hatte ihn einfach totgeschwiegen. Schlimmer noch: Er riet den Genossen, nicht mit denen zu ziehen, die sich "im Winde drehen". Man kann dies auch als Seitenhieb auf die Becksche Teilabkehr von den Schröder-Reformen deuten.

Politisch gesehen ist Müntefering ein Anhänger der Agenda 2010. Er war als Fraktionschef der SPD im Bundestag maßgeblich daran beteiligt, das Gesetzeswerk nach außen hin zu vertreten und zu verteidigen. Wenn man so will, dann gehört Müntefering also zu jenen Kräften in der SPD, die vor einigen Jahren auf Kosten des Parteifriedens staatliche Reformen durchgesetzt haben - und die heute von der Linken als "neoliberal" bezeichnet werden.

Ein "Neoliberaler" ist Müntefering aber keineswegs - wie nicht zuletzt die Debatte um seine "Heuschrecken"-Äußerungen zeigt. Eher ein alter Sozialdemokrat mit abgewetzter Wertefibel, deren Inhalt - gemessen am Globalisierungsjahrhundert - manchmal seltsam anachronistisch wirkt. Gemäß dem Grenadiersmotto: Klagt nicht, kämpft. Und weil man zum Kämpfen wissen muss, wo der Feind steht, werden politische Gegner in seinen Reden auch mal zu "Waschlappen". Es sind Worte, die gelegentlich auf sauerländischen Schulhöfen fallen, kurz bevor die Prügelei los geht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Franz Münteferings große Stärke ist

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KOMMENTARE (10 von 26)
 
pitiplatsch (10.09.2008, 05:45 Uhr)
Rente auf 70 raufsetzen
dies ist klare Kante. Menschenverachtende Kriege führen klare Kante, den Arbeiter und Rentner bewußt in die Altersarmut treiben, klare Kante. Bravo Herr Münte klare Kante, nächstes Jahr wird abgerechnet und zwar ganz klare Kante. SPD die Arbeiterfeindlichste SPD seit bestehen " klare Kante " !! Weg mit der Arbeiterfeindlichen SPD klare Kante zeigen.
ganzbaf (09.09.2008, 09:47 Uhr)
Ein Mann....

der ehrlich seine grundfalschen Überzeugungen vertritt...!! ;-P
Bis es 80 Millionen Bundesbürgern (so richtig) "weh tut"!
.
Halt, nein!
Natürlich abzüglich aller anwesenden Aktionäre und Millionäre... ((O;
JePi (09.09.2008, 09:17 Uhr)
SPD Kader
Jetzt tritt es deutlich zutage: der SPD gehen die Kader aus, die eine große Partei führen können. Was sie anbietet sind alte Rezepte der Agenda 2010 (ohne die damals gemachten Fehler offen einzugestehen und zu korrigieren) und alte Männer, die Richtung für eine Zukunft geben sollen, die sie selbst nicht mehr erleben werden. Arme SPD.
skippy1909 (09.09.2008, 08:40 Uhr)
Welcome back!
Willkommen zurück, Herr Müntefering!
Ich bin zwar kein SPD-Wähler, aber so einen wie Sie braucht diese Partei und dieses Land! Einen, der gerade heraus spricht, was er denkt und authentisch ist! Ein Mann, der ehrlich ist und seine meinung vertritt, bis es weh tut, aber sich auch besseren Argumenten beugen kann.
logisch_konsequent (09.09.2008, 08:07 Uhr)
Links und gute Führung?
es ist doch kein zufall, dass die linke keine guten führungsleute findet, denn mit etwas grips im kopf und einem minimum an lebenserfahrung gibt sich ein guter politiker doch nicht für linkspolitik her, weil er weiss, dass die linke politik nicht funktioniert (wenn sie nicht querfinanziert wird durch CDU/FDPLänder oder wie damals die ganze DDR durch UdSSR oder West-D, und wer nicht mehr querfinanziert wird, geht pleite oder lässt seine bürger verhungern wie nordkorea)
whismerh2 (09.09.2008, 07:40 Uhr)
@AttaTroll
Volle Zustimmung, da die SPD jetzt
wieder stärker auf Agenda Kurs gehen wird, schwant mir böses.
Vermutlich dürfen wir die gleiche weitere anhaltende Ausbeutung des Mittelstandes, die weitere Diskrimminierung der berechtigt sozial Abhängigen weitere 5 Jahe über uns ergehen lassen.
Hauptsache wir bleiben Exportweltmeister, und das Volk verarmt kontinuierlich.
Vom mir bekommen die meine Stimme ebenfalls nicht.
zignatz (09.09.2008, 07:18 Uhr)
Rente
Wieso arbeitet der den noch, sollte doch eigentlich in Rente sein, ist doch schon 68, aber eine Zwangsrente wollen und selber nicht abtreten. Der Arrogante Miesepeter soll abtreten und trauern, wie es sich gehört für einen alten Mann.
AttaTroll (09.09.2008, 07:10 Uhr)
Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen
Franz Müntefering soll mal schön den Ball flach halten und sich mit seinem Zitat nicht hinter dem sozialdemokratischen Urgestein August Bebel verstecken. Bebel schrieb in seinem Buch "Die Frau und der Sozialismus" zwar „Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Aber wenn man weiterliest steht da auch eine Bedingung für diese Aussage: Als Voraussetzung dafür sah Bebel nämlich, "dass alle Produktionsstätten und Arbeitsmittel der sozialistischen Gesellschaft gehören sollten, in der jeder nach seinen Fähigkeiten sich an den notwendigen Arbeiten beteiligen solle", wobei er sinnvolle Arbeiten meinte – keine Ein-Euro-Jobs.
Im Gegenteil: August Bebel würde wahrscheinlich in seinem Grab rotieren und Loopings drehen, wenn er sehen könnte, was Schröder, Clement, Müntefering & Co aus der guten alten SPD gemacht haben.
Was Müntefering von sich gibt ist purer Zynismus - angesichts Millionen Arbeitsloser, die gern arbeiten würden und die vor allem gern von ihrem Lohn leben möchten. Nun ja: Die beiden Chemnitzer Professoren gestehen Hartz IV-Empfängern zum Trinken ja nur noch Leitungswasser zu, und dieser SPD-Heini aus Berlin verordnet sozial Schwachen statt Heizung einen Pullover. Das dürfte doch ganz nach Müntes Geschmack sein. Wer nicht arbeitet, soll nicht essen, nichts trinken und kann gefälligst frieren. - Nein, danke, Münte - von mir aus kannst du dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln, meine Stimme kriegt euer Sauhaufen ganz sicher nicht mehr.
strangeland (09.09.2008, 05:06 Uhr)
na, wie auch immer,
Arbeiterverräter bleibt Arbeiterverräter, Münte + Co haben nix gelernt...!
Preussin (09.09.2008, 05:04 Uhr)
Das soziale Gewissen
haben sie auf dem Mist geschmissen,
das rosarote Morgenrot weicht schnell in dunklem Schamesrot.
Die Ethik sich umsonst bemüht,die SPD bleibt abgebrüht.
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