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Weshalb das Bobby-Car wichtig war

Das Bobby-Car - es ist inzwischen zum Symbol für die vermeintlich blindwütige Raserei der Medien im Fall Wulff geworden. Das ist Quatsch.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

  Löpt auch unter Wasser: das Bobby-Car

Löpt auch unter Wasser: das Bobby-Car

Ich kann es nicht mehr hören. Und ich mag sie auch nicht mehr sehen. Jene Journalisten, die sich nun, mit Krokodilstränen in den Augen, öffentlich selber züchtigen. Weil sie angeblich zur "Meute" gehörten, im "Jagdfieber" waren, Präsident Christian Wulff mit unziemlicher Schnüffelei und völlig überzogenen Vorwürfen quälten. Und denen dann vor allem eins einfällt: Bobby-Car. Ja, das muss man sich vorstellen! Da haben wir Bluthunde doch tatsächlich einem Bobby-Car hinterher recherchiert!

Als mein Kollege Hans-Martin Tillack seinen Kommentar zum Freispruch von Wulff auf stern.de publizierte, fiel das Wort Bobby-Car sofort auf Twitter - als eine Art Schandlabel für schlechten Journalismus.

Amigo-Verhalten, unwürdig

Tja. Der stern und stern.de hatten das Bobby-Car gar nicht ausgegraben. Das war die "Berliner Zeitung". Aber wir hatten es thematisiert, wie alle anderen auch. Der damalige stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen schrieb einen Kommentar, dass nun das Ende der Fahnenstange erreicht sei: "Wenn wir Medien die Wulff-Affäre auf Bobby-Car-Maße schrumpfen, wird das auf uns zurückfallen. Und das tut es längst, wie Umfragen zeigen: Die Bevölkerung sieht nicht nur Wulff in seinem Ansehen beschädigt, sondern auch die Medien."

Ehrlich gesagt: Ich war schon damals anderer Meinung. Das Berliner Büro hatte zum Bobby-Car recherchiert. Vor unseren Augen entstand eine Story, die en miniature die wesentlichen Züge der Wulff-Affäre trug. Bettina Wulff hatte zweitweise einen Audi SUV gemietet. Der Autohändler hatte noch ein Bobby-Car obendrauf gelegt. Im Gegenzug hatte ihn Wulff - auf dem Geschäftspapier des Bundespräsidenten - zum Sommerfest auf Schloss Bellevue eingeladen. Es war einer dieser typischen, leicht schmierigen Deals, die Erwirtschaftung eines kleinen persönlichen Vorteils, für die er sich von Amts wegen erkenntlich zeigte. Amigo-Verhalten. Und eines Bundespräsidenten definitiv unwürdig.

Skandal Nummer 184

Ja, und dann kam Bobby-Car, Teil 2: Der Umgang mit der "Affäre". Wulff ließ über seinen Anwalt erklären, das Bobby-Car stehe in der Kinderecke von Schloss Bellevue, komme also der Allgemeinheit und insbesondere den kleinen Besuchern zugute. Diese Version konnte nicht stimmen, denn zur gleichen Zeit sah ein stern-Reporter das Plastikvehikel* auf der Terrasse von Wulffs Privathaus in Großburgwedel. Wie also? Falsche Auskunft des Anwalts? Auch das war typisch für die Wulff-Affäre, dieser Reizreaktionsmechanismus: kleine Vorwürfe - halbgare Antworten - weitere Nachforschungen - Skandal Nummer 184.

Es gab also gute Gründe, über das Bobby-Car zu berichten. Was der damalige Chefredakteur Thomsen - trotz seines Kommentars - übrigens auch so sah. Hans-Martin Tillack und Jan Rosenkranz aus dem Berliner stern-Büro haben dies schließlich, in der gebotenen Kürze, getan. Zumal die Berliner Staatsanwaltschaft die Angelegenheit bereits prüfte.

Schubumkehr beim "Rudeljournalismus"

Kurzum: Das Bobby-Car, ein pars pro toto der Affäre, taugt eben gerade nicht als Schmähbegriff für die vermeintlich völlig überdrehten Medien. Es gab andere, gravierende - und unentschuldbare - Attacken. Um nur eine zu nennen: Kein Journalist hätte jemals die Gerüchte über das Vorleben von Bettina Wulff öffentlich weitertragen dürfen, weder direkt noch indirekt. Es gab dafür keine Belege, einfach nichts. Zu Recht ging Bettina Wulff später juristisch gegen diese Unverantwortlichkeit vor.

Jetzt, nach dem Freispruch für Christian Wulff, scheint mir das, was Hans-Ulrich Jörges in seinem aktuellen Video-Zwischenruf für stern.de "Rudeljournalismus" nennt, eine Art Schubumkehr zu erleben. Jene, die eben noch die Kritiker Wulffs waren, gerieren sich nun als reuige Sünder. Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück. Wenn etwas unglaubwürdig ist, dann das. Zumal es zur Berichterstattung keine Alternative gab: Sollen die Medien schweigen, wenn ein Politiker in trübes Fahrwasser gerät? Nein! Wir müssen den Mächtigen auf die Finger sehen, das ist die Uraufgabe des Journalismus.

Das mit den Presserabatten

Das soll kein Freispruch für den eigenen Berufsstand sein, es gab, wie gesagt, unentschuldbare Entgleisungen. Da muss sich jeder selbst prüfen. Was mir indes mindestens ebenso wichtig scheint: Die Wulff-Affäre stimulierte eine kritische Diskussion über die Unzahl von Presserabatten, mit denen Firmen Journalisten ködern, um sich gefällige Berichterstattung zu erkaufen. Wer also selbst sein Auto zu Journalistenkonditionen erstanden hat, hätte übers Bobby-Car schweigen müssen. So viel Hygiene muss sein. Unbedingt.

*Das Bobby-Car war nicht rot, wie ursprünglich gemeldet. Sondern silbern, ein kleiner Nachbau des Audi SUV; Red.

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