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Ein Clausnitzer verrät, warum Fremdenhass zu Sachsens Alltag gehört

Ein früherer Clausnitzer hat die fremdenfeindlichen Ereignisse in seiner alten Heimat kommentiert. Sachlich versucht der Autor einzuordnen, warum die Region braunem Gedankengut besonders zugeneigt scheint. Doch er warnt auch davor, zu pauschalisieren.

Fremdenhass in Sachsen: Ortsschild von Clausnitz

Dass Fremdenhass in Sachsen auf fruchtbaren Boden stößt, liegt in den Augen eines Bloggers vor allem daran, dass viele die Augen vor der Realität verschließen

Die fremdenfeindlichen Vorfälle im sächsischen Clausnitz und Bautzen haben nicht nur in Deutschland schockiert und für Aufsehen gesorgt. Auch im Ausland lösten die Ereignisse ein breites Medienecho aus. Hierzulande wird seitdem vor allem diskutiert, warum die Bevölkerung des Freistaats Sachsen rechtem Gedankengut offenbar besonders zugeneigt scheint. Und: Warum sich die Andersdenkenden nicht deutlicher gegen Fremdenhass positionieren. Nur selten wird dabei sachlich, deutlich häufiger hochemotional debattiert.

Ein nach eigener Aussage aus der Region stammender und lange Zeit in Clausnitz aufgewachsener Blogger nahm die jüngste Diskussion nun zum Anlass, die Geschehnisse in einem ausführlichen Netzbeitrag zu beleuchten und einzuordnen. Unter der Überschrift "Eine Wahrheit, die viele nicht hören wollen" kommt der Verfasser seinem Bedürfnis nach, "etwas zu sagen, das schon lange gesagt werden sollte".


Rechtsextremismus will in Sachsen keiner sehen

Gleich zu Beginn stellt er dabei klar, dass es ihm nicht darum gehe, jemanden zu diffamieren oder Vorwürfe zu machen. Vielmehr wolle er dazu beitragen, aufzuklären. "Ohne plumpe Parolen, Anschuldigungen, Provozierungen und Polemisierung", wie er betont.

Dass es in Sachsen ein Problem mit rechtsextremer Gesinnung gibt, liegt dem Autor zufolge vor allem daran, "dass es viele ganz einfach nicht sehen wollen" und es "dadurch geduldet wird". Schon zu seiner Zeit habe es Momente gegeben, wo - oft unter Alkoholeinfluss - rechte Parolen gegrölt wurden und die Menge im Sprechchor einstimmte. Auch sei es vorgekommen, dass eine Gruppe mitten in der Nacht loszog, "um einen Jungen aus dem Dorf zu verprügeln, weil er in ihren Augen 'ein Assi war‘". All das habe es gegeben, "das war nicht Alltag, aber - ja manchmal - passierten diese Dinge", führt der Blogger aus.

Noch immer habe er das Gefühl, dass viele damals gar nicht wussten, was sie da eigentlich sagten oder taten. Auch deshalb sehe er, wenn er an seine Jungendfreunde zurückdenke, "keine Nazis, sondern einfach nur naive Jungen, die eben mal mit dabei saßen, ohne sich darüber Gedanken zu machen".

"Das Problem wird kleingeredet und verharmlost"

Dennoch sei all das - auch die Vorfälle der vergangenen Woche - nur ein Teil des Ganzen, schränkt der Verfasser ein. Diese daher auf "alle Menschen in der Umgebung zu pauschalisieren, wäre genauso simpel und dumm, wie alle Flüchtlinge als Kriminelle abzustempeln". Es gebe in Clausnitz schließlich auch viele, die die Geschehnisse ablehnen, die bei der Integration von Flüchtlingen helfen und die sich gegen Rechtsextremismus engagieren würden. Nichtsdestotrotz könne man einem Großteil eine Art Ignoranz gegenüber rechtem Gedankengut vorwerfen: "Das Problem (…) wird vom Rest kleingeredet, verharmlost. Man schaut weg. Man will es nicht wahrhaben."

Hier können Sie den Kommentar in voller Länge lesen

Dass es in Clausnitz eine rechte Szene gibt, glaube er nicht, "aber es gibt bei einigen eine gewisse Sympathie. Und zwar eine, die besonders dann geweckt wird, wenn die Leute zwangsweise mit etwas Fremden konfrontiert werden, dass ihnen auf den ersten Blick Unbehagen bereitet". Auch die Bundesregierung treffe daher eine Mitschuld, weil sie Entscheidungen treffe, ohne die Menschen zu fragen.

"Sie werden vom Neid zerfressen"

Die vielerorts gezeigte Aufregung über den Zuzug von Flüchtlingen wirke auf ihn dennoch "etwas kindisch". "Sie fangen an, aufzuschreien, wenn 25 Leute in ihren Ort kommen, während man in Bayern mit der Versorgung hunderttausender ankommender Menschen zurechtkam".

Dass es teilweise dennoch so starke Vorbehalte gibt, sieht er in der deutschen Neidkultur begründet. "Es scheint, als wären einige Menschen von Grund auf regelrecht immer unzufrieden, egal was man ihnen anbietet", schreibt der Blogger. "Sie sehen, dass es jemand anderem gut geht und sie wollen es auch. Sie werden vom Neid zerfressen". Für ihn klinge das nach einer Realitätsverdrängung. Wenn man realistisch sei, "müssen wir uns alle eines eingestehen - auch jeder, der am Donnerstagabend in Clausnitz war: Uns geht es gut. Uns geht es besser als dem Großteil der Menschheit auf diesem Planeten".

Kritik als Bestätigung

Die Clausnitzer nun pauschal zu diffamieren, führe am Ziel vorbei - auch weil es jenen, die gemeinsam gegrölt haben, vermutlich "scheißegal" sei. "Ich glaube, sie stehen dazu und sind mehr stolz darauf, als dass sie sich schämen würden. Und ich glaube, jegliche Kritik sehen sie nicht als Grund zum Zweifel, sondern als Bestätigung".

Um den zunehmenden Rechtsruck entgegenzuwirken, sieht der Blogger vor allem Sachsens Regierung in der Pflicht. Solange diese die Zustände bewusst kleinrede und im Rechtsextremismus kein Problem sehe, "solange wird es sehr schwierig", glaubt er.

Er hoffe dennoch, dass viele Menschen in Sachsen künftig nicht mehr wegschauen und sich stattdessen "offen gegen rechtsextreme sowie rassistische Äußerungen und Motive aussprechen".

Von Rechtspopulisten verbreitete Dinge müssten stärker in Zweifel gezogen werden, um dazu beizutragen, "dass Clausnitz und das Erzgebirge ein schöner Ort bleiben. Und keiner, der irgendwann in der braunen Falle versinkt".

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