. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
6. Mai 2004, 11:25 Uhr

Auf ein neues Leben

Die Kinder kommen aus Afghanistan, Angola oder Usbekistan. Sie sind schwer verletzt an Leib und Seele. Sie sind untergekommen im Friedensdorf Oberhausen, wo man Ärzte sucht, die sie kostenlos operieren.

Die Verspieltheit wurde ihnen von der Mine nicht genommen: Miriam schaut ihren Freundinnen Renata und Mitchgona beim Fingerfaden-Spiel zu© Brigitte Kraemer

"Maluco", flüstern sie, abends, wenn das Licht erlischt, "Maluco kommt." Dann liegen sie steif in ihren Stockbetten und ängstigen sich. Maluco ist ein verrückter Geist aus Afrika. Alle schaudern, wenn irgendjemand Maluco ins Friedensdorf nach Oberhausen beschwört. Denn alle Kinder auf der Welt erzählen sich gern Gespenstergeschichten, ob sie aus Angola kommen, Afghanistan oder Usbekistan. Und alle im Zimmer gruseln sich, denn sie sind noch ganz klein.

Aber sie sind auch schon sehr tapfer, mit ihren ziependen Wundnähten, juckenden Verbänden, Schrauben in den Knochen, künstlichen Darmausgängen.

Manche machen noch in die Hosen. Die anderen wissen schon, auf welche der beiden Toiletten sie gehen müssen: Hepa - oder nicht Hepa. Gemeint ist Hepatitis. Sie sollen einander nicht anstecken. Und sie wissen auch, dass sie den anderen nicht auf den Teller greifen dürfen und dass jeder seinen eigenen Zahnputzbecher hat. Dass sie sich die Hände waschen müssen, damit die Würmer nicht kommen, die im Popo jucken. Nazima weiß außerdem, wie man einen Verband abrollt, mit einem Spachtel Salbe aufträgt, das Bein wieder umwickelt und die Schiene anlegt. Die Kinder im Haus Nummer eins sind alle schon ganz groß, obwohl sie die jüngsten sind im Friedensdorf.

Ein Netz von fast 300 Kliniken

Seit 37 Jahren fliegt das "Friedensdorf International" verwundete, verstümmelte, verletzte, verbrannte oder verwachsene Kinder aus mehr als 40 Kriegs-, Krisen- und Armutsgebieten dieser Welt ins Ruhrgebiet. Inzwischen hat der Verein ein Netz von fast 300 Kliniken in ganz Deutschland, Österreich und den Niederlanden geknüpft, deren Direktoren und Ärzte die Kinder trotz Gesundheitsreformen und Fallpauschalen kostenlos behandeln.

Während sie auf die Operation warten oder aber sich von ihr erholen, wohnen die Kinder in dem "Friedensdorf" am grünen Rand von Oberhausen. Eine Ansammlung schlichter, dünnwandiger Bungalows aus den sechziger Jahren. Kleine Räume, keine Schränke, Linoleum, alles spartanisch. Ein karges Sanatorium kleiner Kriegsveteranen. 150 Bewohner zur gleichen Zeit, 1000 verteilt auf das Jahr. Für jedes Kind ein Krankenhaus. Logistische Meisterleistung. Elisa aus Angola ist noch keine drei, Musa aus Afghanistan mit 14 respektierter Dorfältester. "Tausend Kinder, das ist mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Freibettenkoordinator Helge Schreiber.

Siebenjährige Gesichter wie geschmolzenes Blei, Krater, wo Ohren waren oder Nasen, ein Stumpf aus dem Anorak zum Gruß gereicht - kleine Monster in der ersten Schrecksekunde. Im nächsten Augenblick liebenswürdig quirlige Geister, die sich sofort über jeden Erwachsenen hermachen, der sich zu ihnen auf die Bank setzt. Entschlossen erklimmen sie ein Bein, gierig nach einem Schenkel, auf dem sie rittlings triumphieren können. Sie schmiegen sich an, schubsen einander vom erbeuteten Schoß, ziehen sich wieder hinauf. Ein Zerren am Hemd, ein Griff nach der Hand, give me five mit zwei Fingern. Der offensive Charme der Monsterchen verscheucht Beklommenheit.

Ein quirliger Quasimodo mit Sturzhelm

Balbina ist sechs; "die Kuh", so stellt sie sich selbst vor, wegen der Blesse auf ihrer Stirn. Nach einer schweren Verbrennung ist ihr dort nur pigmentfreie Haut nachgewachsen. Isaac aus Angola: sieben, quirliger Quasimodo mit Sturzhelm, das erste Glasauge hat er zerbissen, das zweite aus dem Autofenster geworfen, das nächste bekommt er erst, wenn er alt genug ist.

"Geht's gut?", fragt er und schüttelt jedem höchstpersönlich die Hand. Ismael aus Afghanistan: Seine Verbrennungen waren drei Jahre alt, als er als Achtjähriger nach Oberhausen kam. Die Vernarbung hatte das Gesichtsgewebe so zum Hals herunterge-zogen, dass sich aus dem aufgezerrten Mund der Speichel ergoss. Die Helfer hielten ihn für taubstumm. Aber seine Seele hatte nur in einem dunklen Loch gelegen. Weil kein anderes Stück Haut an Ismaels Kinn halten wollte, hat ihm der Arzt dort Kopfhaut angenäht, wegen ihrer Fettschicht besonders flexibel. Wenn er dereinst ein Mann sein wird, dürfte der Bart, den er heute schon trägt, niemandem mehr auffallen. Denn Ismael gehört zu den Kindern aus Afghanistan.

SPENDEN

SPENDEN Die Fotografin Brigitte Kraemer hat über Monate die Kinder des Friedensdorfes Oberhausen begleitet. Daraus ist der Bildband "Friedensengel" entstanden, erschienen im KlartextVerlag. Die Überschüsse aus dem Verkauf des Buches kommen dem Friedensdorf zugute. Wenn Sie den Kindern Geld spenden wollen: Stiftung stern, Hilfe für Menschen e.V., Deutsche Bank Hamburg, BLZ: 20070000, Kontonummer: 4699500. Stichwort: Friedensdorf.

  zurück
1 2 3 4 5
 
 
MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston