Von CDU-Chefin Angela Merkel musste er sich öffentlich demütigen lassen. Vertrauen in ihre Worte? Nie wieder! Trotzdem kämpft Friedrich Merz mit seinem Steuerreform-Konzept weiter als ihr wichtigster Mann. Wie geht das?

In Brilon im Hochsauerland steht Friedrich Merz, 48, vor seinem Geburtshaus. Der sture Sauerländer ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag© Matthias Jung
Stimmen Sie im Folgenden eigentlich mit Frau Merkel überein?
Merz: Ja!
Angela Merkel hat einmal gesagt: Wenn Merkel, Merz und Stoiber sich kloppen, dann können wir den Laden zumachen.
Merz: Ja!
Das können Sie mit einem klaren und deutlichen Ja bestätigen?
Merz: Zum dritten Mal: Ja!
Aber es gibt da ein Problem ...
Merz: Nein!
(Friedrich Merz im stern-Interview am 30. November 2000)
Romantische Menschen in der CDU/CSU-Fraktion träumen immer noch von einem Happy End. Wenn die uns miteinander sprechen sehen, plaudert die CDU-Vorsitzende zuweilen im kleinen Kreis, hoffen sie, es könne noch einmal alles gut werden zwischen der Angela und dem Friedrich. Und setzt dabei jenes tiefgekühlte Lächeln auf, das jedem zeigt: Ich selbst lebe nicht mit der blauen Blume der Poesie zwischen den Lippen in der politischen Welt.
Friedrich Merz ebenfalls nicht mehr. Er hat das kalte Kalkül der Angela Merkel im Kampf um die Macht lange nicht wahrhaben wollen und dann in bitterer Lektion doch lernen müssen. Freundschaft? Was soll das, hat sie ihn gefragt? "In der Politik gibt es nur Zweckbündnisse auf Zeit."
Vertrauen in Worte der Angela Merkel? Nie wieder, antwortet er seither. War er nicht der Erste, der sie im Frühjahr 2000 als neue CDU-Vorsitzende vorgeschlagen hatte? Hatte er ihr durch die Übernahme des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzes nicht zusätzliche Lehrzeit im politischen Spitzenamt verschafft? Ihr Undank: Sie servierte ihn im Herbst 2002 als Fraktionsvorsitzenden ab mit einem Schachzug, den er damals im ehrlichsten politischen Interview des Jahres als "Intrige" beschrieb, "von langer Hand vorbereitet".
Mit der ist er fertig. Verbrannt in der Hitze des Machtkampfs sind die freund-schaftlichen Gefühle, die er einmal emp-fand. Das Urteil über Merkel lagert seither wie einbetoniert in seinem Kopf: eine Politikerin, innerlich vom Ehrgeiz zerfressen. Gefühlskalt. Ist Angela Merkel charakterlich ungeeignet, die CDU zu führen? Merz verweigert die Antwort. Ganz gewiss ballt er beide Fäuste in der Tasche.
"Und dafür, lieber Friedrich, herzlichen Dank", hat Merkel ihn vor sechs Wochen auf dem Leipziger CDU-Parteitag gelobt. Dafür: dass er dort ein einstimmig gebilligtes radikales Steuerreformkonzept vorgelegt hat, mit dem Steuererklärungen auf dem Bierdeckel möglich sind. Es kommt mit drei Steuereckwerten aus: 12, 24 und 36 Prozent. Die niedrige Besteuerung soll, außer im ersten Jahr, mit der Streichung aller Steuervorteile finanziert werden.
"Zugabe, Zugabe", hat der Parteitag stehend Merz zugejubelt. Nur Merkel muffte mit freudloser Miene. Und somit war fürs Delegiertenvolk einmal mehr das größte innerparteiliche Problem offensichtlich: Steuer-Frau und Steuer-Mann der CDU können zwar nicht miteinander, müssen es aber für das gemeinsame Ziel der Rückeroberung der Macht dennoch können.
Das Steuermodell (Merkel: "Ein Meilenstein") soll 2004 das zentrale Reformprojekt der CDU sein. Damit will die Parteichefin Stimmen ködern bei 14 Wahlen in diesem Jahr. Merkel weiß, dass sie ihren weiteren Aufstieg mit der Steuerreform ? la Merz eng verknüpft hat. Merz weiß, dass sein Thema ihren Weg zur Kanzlerkandidatur 2006 absichern soll.
Merz, der Kanzlermacher. Ein Konflikt, der tragisch genannt werden kann: Der Politiker Merz, der sich aufreibt zwischen den inneren Ansprüchen an sich und einer äußeren politischen Wirklichkeit, die er ablehnt, sieht sich in ein Spannungsfeld gedrängt, dessen Zumutungen ihn zuweilen in lodernden Zorn stürzen. Allemal lauert ihm an diesem Stück Lebensweg eine verlockende Verführung auf: der Gedanke an Rückzug in ein privates Leben außerhalb des Systems Merkel.
Einmal mehr sind damit in der deutschen Politik zwei Charaktere aneinander gebunden, die einerseits - gemessen an ihrer persönlichen Struktur - voneinander besser lassen sollten. Andererseits aus ihrem Widerstreit Stärke für den politischen Kampf schöpfen. Wie einst Willy Brandt und Herbert Wehner ("Der Kanzler badet gerne lau."). Wie einmal Helmut Kohl und Franz Josef Strauß ("Total unfähig. Kohl wird niemals Kanzler werden."). Auch Merkel und Merz müssen zusammenarbeiten - eine Kooperation, an deren Ende der Wahlsieg bei der nächsten Bundestagswahl stehen kann. Aber auch das Scheitern am unüberwindbaren Gegeneinander - das nicht schlicht am Gegensatz Mann/Frau festzumachen ist. Ein Macho-Problem hat Merz mit Merkel nicht.