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Neun Meldungen zum G20-Gipfel, die nicht stimmten

Die schlimmsten Meldungen müssen einfach wahr sein. Schließlich verbreiten sie sich schnell im Internet, und man sieht sie dort immer wieder. Neun Dinge, die Sie sicher gelesen haben, wenn Sie die Ausschreitungen um G20 verfolgt haben - und die nicht wahr waren.

Postillon

Und wie kam diese riesige Rakete unter der Brücke dahinter durch? Hm?

Über Ausnahmesituationen wie den G20-Gipfel informieren sich viele Menschen gern online, weil es so schön schnell geht. Doch leider auch häufig in den sozialen Medien, obwohl die doch den Schwerpunkt auf Soziales legen und nicht auf Nachrichten - samt all der Faktoren, die eine Nachricht eben ausmachen. Eine Information muss zum Beispiel einen Nutzen, einen Gesprächswert haben und sie muss neu sein. Ach ja: Und wahr muss sie sein.

Als es rund um den Gipfel in Hamburg rundging, musste der Faktor Wahrheit häufiger mal gegen den Gesprächswert zurückstecken. In sozialen Netzwerken tauchten viele Meldungen immer mal wieder auf und vermittelten Lesern dadurch den Eindruck, die seien fundiert, geprüft und eben wahr. Viele Augenzeugen oder deren Freunde, Nachbarn und Schwager glaubten etwas zu wissen und verbreiteten die vermeintlichen Informationen weiter, ohne je nach einer Quelle oder dem Wahrheitsgehalt zu fragen, und so gab es immer wieder Falschmeldungen, die rasend schnell verbreitet wurden. 

Auf diese neun Meldungen dürften Sie in den vergangenen Tagen gestoßen sein, wenn Sie sich online über die Ausschreitungen rund um den G20 Gipfel informieren wollten. Doch sie sind alle Gerüchte, Falschmeldungen oder Satire.

1. Bundeswehreinsatz im Landesinneren 

Dass die Bundeswehr auch innerhalb von Deutschland eingesetzt wird, erlaubt das Grundgesetz ausschließlich für Katastrophenhilfe oder im Falle eines inneren Notstands, also etwa ein groß angelegter Terroranschlag oder eine bewaffnete Rebellion. Der Schutz von Großveranstaltungen fällt nicht in diese Kategorien. Irgendjemand hatte am Freitag nun aber ein Foto ins Internet gestellt, das einen Fuchs-Panzer auf einer Straße im  Stadtteil Osdorf zeigte. Von da an verbreitete sich das Gerücht, die Bundeswehr sei ausgerückt, um der Hamburger Polizei beim G20-Einsatz zu helfen.

Tatsächlich war das Bild echt - der Kontext aber Unsinn. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, wurden zum Beginn des Gipfels drei Fuchs-Transportpanzer von einer Kaserne in eine andere gebracht, weil dort mehr Platz gewesen sei. Im Einsatz waren die Fahrzeuge der Bundeswehr nicht, es handelte sich bloß um eine "Verlegungsfahrt", ein Umparken also. Ein blöder Zeitpunkt, sicherlich, aber letzten Endes doch nichts als ein Zufall. Auch die betonte wegen der anhaltenden Gerüchte auf Twitter: "KEINE Unterstützung der Bundeswehr". Das "Beweisfoto" machte zunächst dennoch die Runde - wurde aber schließlich gelöscht.

2. Ein Unschuldiger wird von Internetnutzern zur Fahndung ausgeschrieben

Ein Foto hat besonders schnell die Runde gemacht: eine undatierte Aufnahme, die von jederzeit und überall stammen könnte. Darauf zu sehen ist ein Mann, stehend vor einem Menschen in Uniform auf Knien. Ein Schnappschuss von schlechter Qualität, das Gesicht des Mannes war jedoch gut zu erkennen. Er habe einen Böller auf einen Polizisten geworfen, schrieb irgendjemand zu dem Bild und stellte es online. Schon war die eigene Empörung für die Netzgemeinde Grund genug, den Mann in Eigenregie zur Fahndung auszuschreiben - plötzlich war sein Gesicht mit der Anschuldigung gegen ihn überall zu lesen. Die Polizei schritt ein, bevor sich ein wütender Mob auf den Mann stürzte: Der Mann ist unschuldig.

 

3. Lebensgefährlich verletzte und erblindete Polizisten

Immer wieder musste die Polizei auch Gerüchte dementieren, die die eigenen Kollegen betrafen. Insgesamt wurden rund 500 Polizisten verletzt, ja. Aber nein, keiner von ihnen lebensgefährlich, keiner tödlich, keiner hatte einen Schädelbruch erlitten und keiner ist erblindet. Außerdem wurden der Polizei auch keine Dienstwaffen entwendet. Alles falsch, sagen Sprecher.

4. HoGeSa kommen nach Hamburg

Nach der Schreckensnacht am Freitag hieß es am Samstag, Mitglieder der rechten Gruppierung Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) seien im Zug von Hannover aus auf dem Weg nach Hamburg. Einige glaubten sogar zu wissen, dass die Hooligans das linke "Haus Dreiundsiebzig" am Schulterblatt attackieren wollten. Diese Scheininformation verbreitete sich so schnell, dass die Polizei in Hannover den angeblichen Treffpunkt der Hooligans inspizierte. Mit dem Ergebnis: "Der Verdacht konnte sich nicht bestätigen."

5. Angriff auf das Krankenhaus Sankt Georg

Es gab verschiedene Gerüchte zu diesem Thema. Zuerst hieß es, das Krankenhaus im Hamburger Stadtteil Sankt Georg sei angegriffen worden. Es habe einen Sturm auf die Klinik gegeben. Später wurde gemunkelt, die Polizei habe das Gerücht bloß deshalb dementiert, weil in diesem Krankenhaus mehrere Polizisten behandelt wurden und die Polizei einen Angriff auf die Klinik vertuschen wollte.


Alles Unsinn, versicherte Rune Hoffmann, Sprecher der Asklepios Kliniken, dem stern: "Im Gegenteil, es war durchgehend vergleichsweise ruhig und ein völlig normaler Tag in einer Notaufnahme."

6. Notstand/Katastrophenfall ausgerufen

Wie es zu diesem Gerücht kam, ist kaum noch nachvollziehbar. Es gab keinen offiziellen Notstand in Hamburg, das stellt die Polizei klar.

7. Linke haben Schutzgeld erpresst

Weil im linken Schanzenviertel an mehreren Stellen das Plakat der Demonstration "Welcome to Hell", zu der sich auch gewaltbereite Linksextremisten aus ganz Deutschland angemeldet hatten, gesichtet wurde, gab es das Gerücht, Ladenbesitzer seien erpresst worden. Auf dem Schulterblatt hätten Ladenbesitzer ein Schutzgeld zahlen müssen, hieß es: Wer sich das Plakat nicht ins Schaufenster hänge (gegen einen Unkostenbeitrag von 20 Euro), müsse mit Schäden am Laden rechnen. Die Polizei wusste davon allerdings nichts und diejenigen Ladenbesitzer, die sich dazu äußerten, gaben an, das Plakat freiwillig aufgehängt zu haben:

8. Immer dieselben Clips ohne Quelle, Zeit- oder Ortsstempel

"Kumpel in Altona", schreibt ein Twitter-Nutzer als Quellenangabe zu einem Video, das er im Netz postet. Dieser "Kumpel in Altona" hat offenbar sehr viele Kumpel, denn derselbe Clip tauchte unzählige Male in den sozialen Medien auf, immer mit ähnlicher Quellenangabe. Bei diesem Video konnte zumindest die Echtheit inzwischen verifiziert werden - wenn auch nicht die genannte Quelle. Bei anderen Videos stellte sich jedoch immer wieder die Frage: Wo wurde es aufgenommen, von wem und wann eigentlich? Und: Hat das, was da zu sehen ist, überhaupt etwas mit dem G20-Gipfel in Hamburg zu tun?

9. Und dann war da noch die Atomrakete 

Tja, und dann war da noch diese Atomrakete, die die Polizei angeblich aufgefahren hat, "zur Deeskalation". Dass diese Meldung die Runde machte, war ganz besonders schade, war die Grundlage doch ein Artikel des Satire-Portals "Der Postillon". Dennoch wurde die vermeintliche Nachricht massenhaft in sozialen Medien verbreitet - leider ohne Quellenangabe, die alles als Scherz entlarvt hätte. Es ging soweit, dass die Polizei selbst dieses hanebüchene Gerücht dementieren musste.





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