Mecklenburg-Vorpommern steht ein heißer Sommer bevor. An vorderster Front: Rostocks Polizeiführer Knut Abramowski. Er soll dafür sorgen, dass Globalisierungsgegner dem Gipfel nicht zu nahe kommen. Doch auch sie sorgen vor. Von Manuela Pfohl

Ein Sicherheitszaun hält nicht nur Demonstranten, sondern auch Einheimische vom Tagungsort fern© Bernd Wüstneck/DPA
Rostock. Es ist ein bisschen wie bei "Zwölf Uhr mittags", dem legendären Western. Da stellt sich Sheriff Will Kane in brütender Mittagshitze einsam aber zu allem entschlossen seinem Todfeind Frank Miller und dessen Gangsterbande entgegen. Kane will die Stadt keinem Verbrecher überlassen. Er kämpft und geht mit rauchendem Colt als Sieger vom Platz. Was sonst?
Polizeiführer Knut Abramowski, 54, ist auch ein Mann der Tat und zu allem entschlossen. Raspelkurzer Haarschnitt, kantige Bewegungen und meist ein Lächeln im Gesicht, das nicht als Zeichen eines sonnigen Gemütes fehl interpretiert werden sollte. 1998 führte er als leitender Rostocker Polizeidirektor mit eiserner Hand 6000 Beamte gegen eine NPD-Demonstration. Im vergangenen Jahr erwarb er sich den Ruf als gewiefter Stratege, als er mit 12.000 Polizisten die Unversehrtheit des amerikanischen Präsidenten garantierte, der in Mecklenburg-Vorpommern zum Wildschweingrillen war.
Jetzt kämpft Abramowski im G8-Planungsstab "Kavala" für die Sicherheit des Weltwirtschaftsgipfels, der vom 6. bis 8. Juni in Heiligendamm an der Ostsee tagen soll. In seinem Büro hängt eine Karte von Mecklenburg-Vorpommern. Ostseeküste, Heiligendamm, Bad Doberan, Rostock, Kühlungsborn, Börgerende, Reddelich, Wittenbeck könnte er mit verbundenen Augen finden. Seine Kampfplätze. Hundertmal gedanklich abgesteckt. Hier wird er auf Frank Miller und dessen Leute treffen.
Sein Problem: Noch weiß kein Mensch, wann sie kommen und wie viele es sind. Nach jüngsten Schätzungen rechnet man im Land damit, dass 100.000 bis 250.000 Gipfelkritiker aus den unterschiedlichsten linken, umweltpolitischen, anarchistischen, nichtregierungs- und kirchlichen Organisationen anreisen werden. Wie groß dabei der Block der autonomen Fundamentalisten sein wird, mag noch niemand spekulieren.
Fakt ist: Abramowski bekommt nach jetzigem Stand nur 16.000 Polizisten, um die Protestierer in Schach zu halten. Mehr kann sich das Land nicht leisten. Schon jetzt überziehen die geschätzten Sicherheitskosten von rund 100 Millionen Euro das Budget der Landesregierung bei Weitem.
"Bei Ausschreitungen werden wir konsequent gegen die Gewalttäter vorgehen", hat der Sheriff sicherheitshalber schon mal erklärt, die Uniform stramm gezogen, und zack, hatten die Hamburger Aktivisten die Ende März "nur mal so die Umgebung von Heiligendamm besuchen" wollten, eine 30-köpfige Polizeitruppe am Hals. Die verpasste ihnen kurzerhand einen Platzverweis für die drei-Kilometer-Zone jenseits des Sicherheitszaunes, der den VIP-Bereich des Gipfels einschließt.
"Eine hässliche Fratze der Polizeirepression", kommentierte die "Gruppe Zauninspektion" und kündigte an, man werde die warme Mittagssonne in nächster Zeit erst recht zu ausgiebigen Spaziergängen rund um Heiligendamm und den Zaun nutzen. High Noon in der nordostdeutschen Prärie? "Ach Quatsch", heißt es aus dem Lager der "etablierten" Gipfelkritiker. Frank Miller ist tot. Es lebe der friedliche Argumentationswettbewerb.
Verwirrtaktik? Monty Schädel, Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft und Koordinator des Rostocker Bündnisses zur Vorbereitung des G8-Gipfels, trägt eine blaue Trainingsjacke mit der Aufschrift "Shalom". Sein Markenzeichen und Wegweiser für alle, die zu ihm ins kleine Rostocker Büro der Gipfelkritiker kommen. Zwei Holztische, ein paar Stühle, ein alter Computer und rundherum Kellerregale mit Handreichungen zum Weltfrieden. "Another World is possible", steht auf einem Plakat.
Draußen vor dem Fenster liegen Flyer aller möglicher Anti-G8-Gruppen aus. Wenn Passanten vorbei kommen, nehmen sie das eine oder andere Material mit. Vorausgesetzt, sie fühlen sich nicht beobachtet. "Ich bin hier das, was Abramowski bei der Polizei ist; der Vorturner, der im Ernstfall die Verantwortung trägt, ob er nun verantwortlich ist oder nicht", erklärt der 37-jährige ehemalige Kindergärtner und Ex-PDS-Landtagsabgeordnete seine Funktion. Auch er zeigt sich betont gesprächsbereit. Ein Lächeln im pädagogisch geschulten Pokerface. "Wir sind gegen Gewalt", sagt er und: "Wenn sich die Polizei auch daran hält, kann nichts schief gehen." Eskalationsvermeidungsstrategie, die verblüffende Allianzen genauso hervorbringt, wie ungewohnte Dissonanzen.
Sicherheit für den Gipfel Seit Monaten wird heftigst am Sicherheitskonzept zum G8-Gipfel gefeilt. 44 nationale und 26 internationale Polizeiexperten hatten im Februar 2007 in Berlin Gelegenheit, sich zu "einsatztaktischen Fragen und Gefahrenpotentialen bei der Bewältigung des Gipfeltreffens" auszutauschen. Ein schwieriges Unterfangen, wie der Leiter der Abteilung Polizei des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern, Frank Niehörster, vor den Kollegen feststellte. "Auch die besten Strategien und Taktiken können nur auf einem gut funktionierenden und sich stetig weiterentwickelnden Sicherheitsnetzwerk basieren." Eine Mahnung, die im inzwischen schier undurchdringlichen Netz teils miteinander konkurrierender in- und ausländischer Dienste, Ämter und Behörden nicht unbegründet scheint. Immer wieder gibt es Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Beteiligten. Intern heißt es aus Sicherheitskreisen, man habe oft mehr damit zu tun, die in- und ausländischen Kollegen zu identifizieren und aus der Schusslinie zu bekommen, als dass man sich um militante Gipfelgegner oder potentielle Terroristen kümmern könne.