4. Februar 2008, 11:15 Uhr

Wir brauchen echte Ganztagsschulen

Das Kürzel "G8" steht nicht nur für Proteste am Zaun, sondern auch für eine völlig verfehlte Schulpolitik, die Schüler in verkürzter Zeit unter Hochdruck zum Abitur prügelt. Das G8-Abitur ist vielleicht das Beste für die Wirtschaft, für Schüler und Eltern aber sicher nicht. Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Ein Schüler versucht, an der Tafel eine Aufgabe zu lösen: Die Zeit bis zum Abitur wurde gekürzt, der Lehrstoff kaum©

G8 - bei dem Kürzel denken Schüler, Eltern und Lehrer nicht an Proteste am Zaun. Sie denken bei G8 an Schulstress und Leistungsterror. Und sie sind mindestens so wütend auf die Politiker wie die Demonstranten. Denn Schüler, Eltern und Lehrer leiden unter der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur. Deshalb sprach TV-Talkmaster Reinhold Beckmann mit seinem Aufschrei: "Unsere Kinder sind völlig überfordert und total k.o.", so vielen aus der Seele.

35 Schulstunden, dazu täglich ein bis zwei Stunden Hausaufgaben plus Nachhilfe: Schüler am Gymnasium kommen locker auf eine 50-Stunden-Woche. Ein Erwachsener darf nicht länger als 40 Stunden arbeiten, sonst schreitet der Betriebsrat ein. Für Kinder gelten solche Schutzbestimmungen nicht.

Der Stoff wird zusammengepresst

Weil die Wirtschaft dringend Nachwuchs braucht, muss die junge Elite nach acht Jahren Abitur machen. Ihr wird ein Jahr geklaut. Der Stoff wird zusammengepresst. Denn die Zahl der Schulstunden bis zum Abitur bleibt gleich: 265 Jahreswochenstunden muss ein Schüler bis zum Abitur haben, so wollen es die Kultusminister. Deshalb haben die Klassen fünf bis zehn mehr Stunden als in der Oberstufe. Dann, wenn die Kinder bereits mit der neuen Schule, der neuen Klasse und der Pubertät kämpfen.

Gitarre spielen, Fußball-Verein, Theater AG - alles gestrichen. Keine Zeit mehr. Die Kinder leben nur noch für die Schule. Viele Gymnasiasten sehen ihre Freunde nur noch am Wochenende, weil sie ganzen Tag in der Schule hocken. Denn der Unterricht dauert nun bis in den Nachmittag.

Kantinen lösen das Problem nicht

Die Bildungsanstalten sind jedoch überhaupt nicht darauf eingestellt. An vielen Schulen gibt es auch vier Jahre nach Einführung der G8-Reform immer noch keine Schulkantine. Statt erst die Schulgebäude auszubauen und dann die Zeit bis zum Abi zu verkürzen, bauen sie jetzt erst um. Aber wenn die Kantine mal fertig ist, ist das Problem nicht gelöst.

Sicher müssen auch die Lehrpläne entrümpelt werden. Aber das allein reicht nicht. Wir brauchen endlich echte Ganztagsschulen. Schulen, an denen der Unterricht sinnvoll über den Tag verteilt wird. Mit Doppelstunden, damit Schüler und Lehrer Zeit gewinnen und nicht alle 45 Minuten unterbrochen werden. Dazwischen brauchen sie Pausen für Bewegung und gesundes Essen. Und selbstverständlich gibt es Zeit für Fußball und Flöten. So würde Schule endlich wieder Spaß machen.

15 Milliarden Euro für Bildunsgpersonal

Jede sechste Schule in Deutschland nennt sich Ganztagsschule. Doch nur 2000 davon sind echte, "gebundene" Ganztagsschulen - das heißt der Unterricht dauert für alle bis in den Nachmittag. Doch mehr Lehrer, mehr Personal und mehr Kantinen kosten Geld: mindestens 15 Milliarden Euro, schätzen Bildungsexperten.

Das Geld wäre gut angelegt. Wenn die Schule den ganzen Tag dauert, hängen die Zukunftschancen eines Kindes nicht mehr davon ab, ob mittags Mama zu Hause wartet, um Vokabeln für die Lateinarbeit abzufragen. Stattdessen würden die Arbeiten in der Schule gemacht – dort, wo sie hingehören. Laut einer neue Studie des Instituts für Berufliche Fachrichtungen von der TU Dresden haben Hausaufgaben keinen Einfluss auf die Noten. Sie sind ein pädagogisches Ritual. Aber das ist ein anderes Thema.

Frauen fallen als Hilfslehrer der Nation aus

Zurück zu den Vorteilen der Ganztagsschule. Immer mehr Frauen wollen arbeiten und sie müssen es auch. Denn nach dem neuen Scheidungsrecht bekommen Mütter mit schulpflichtigen Kindern in Zukunft keinen Cent mehr vom Ex. Das wird die Gesellschaft gründlicher verändern als die Pampersprämie für Väter. In Zukunft fallen die Frauen als Hilfslehrer der Nation aus, weil sie sich um ihre Jobs kümmern müssen. Auch deshalb müssen die Schulen bis in den Nachmittag dauern.

Wenn meine Tochter, die in die erste Klasse geht, in drei Jahren eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt, dann werde ich sie nicht aufs Gymnasium schicken. Den Stress will ich ihr und unserer Familie nicht antun. Ich werde mit ihr eine Gesamtschule suchen. Dort bekommt sie ein Jahr länger Zeit fürs Abi. Und die meisten Gesamtschulen sind schon jetzt Ganztagsschulen. Hoffentlich kriegen wir einen Platz.

 
 
KOMMENTARE (10 von 30)
 
aeternitas (05.02.2008, 10:48 Uhr)
@popobawa
Ich hätte besser schreiben sollen "gefühlte" 80%. Ich hatte mehrere Nachhilfeschüler, die durch die Bank weg normal intelligent waren, aber keiner hatte in Mathematik auch nur ansatzweise einen Durchblick. Die einen scheitern daran, dass der Lehrer vielleicht viel weiß, aber es nicht so erklären kann, dass auch ein 13-jähriger Schüler es versteht. In einer Klasse von 25 Schülern brauchen 15 Nachhilfeunterricht!!! Und vom Rest sind einige die Freunde von denen, die Nachhilfeunterricht bekommen und die erklären es dann dem Rest. Das ist doch nicht normal! Hätte ich Lehrer werden wollen, wäre ich das geworden. Da frag man sich doch wirklich, ob man noch Kinder bekommen soll. In der Schule werden sie überfordert, für die Uni müssen sie viel Geld für nichts bezahlen...Im deutschen Schulsystem fehlt es an allen Ecken und Enden mittlerweile... vielleicht wird das System auch mit Absicht zerstört, damit es bald mehr Privatschulen gibt, weil private Einrichtungen ja so toll sind....
Blauregen (04.02.2008, 18:34 Uhr)
eine Generation der Heimatlosen
Diese Generation ist eine Generation der Heimatlosen. Die Mütter werden aus den Familien gezerrt, sei es durch Hartz4 Arbeitspflicht schon nach drei Jahren, frühestens , wenn das Kind 6 Jahre alt ist, wäre es einigermaßen vorstellbar. Dazu nun auch, daß alleinerziehende Mütter finanziellen Druck bekommen, weil der Ehegattenunterhalt wegfällt, Häuser und Wohnungen müssen verkauft werden, wenn sie größer als die engen Vorgaben sind. Staatliiche Ermunterung, das Kind schon mit EINEM Jahr fast täglich in staatliche Betreuung zu geben. Kindergartenzwang für ausländische Kinder und Hart4ler und nun auch noch die vermurksten Ganztagsschulkonzepte. Sein Kind darf man nur noch sehen, wenns abends müde nach Hause kommt, läuft was schief, sind die Eltern bittschön verantwortlich zu machen, die haben doch kaum noch Bezug und Einfluß auf ihren Kinder, kennen die doch kaum noch. Ich kann nur beten, daß G8 FREIWILLIG ist. Mir wäre am liebsten, wir hätten weiterhin 13 Schuljahre oder wenigstes WAHLWEISE. Da bleibt auch mehr Zeit, das Wissen zu verarbeiten, zu Entdecken, ein verantwortungsbewußter selbstständiger Mensch zu werden.
Unerwähnt blieben übrigens die langen Schulwege vieler, die bedingt sind durch die vielen Schulschließungen.
IsyAltklug (04.02.2008, 16:54 Uhr)
Die Autorin des Artikels spricht mir aus dem Herzen...
mein Sohn wird kommendes Jahr umgeschult und in Schl.-H. wird dieses Jahr die G 8 eingeführt. Auch ich werde meinen Sohn, wenn möglich, auf einer Gesamtschule anmelden, auch wenn er Gymnasialempfehlung erhält. Doch leider verhindert die CDU aus parteiideologischer Ignoranz die Entstehung weiterer Gesamtschulen mit integrierter Oberstufe in SH, so dass die bestehenden Gesamtschulen sich vor Anmeldungen kaum retten können. Die Eltern stimmen mit den Füssen ab, die CDU blockiert und ignoriert. Die Kinder sind die Opfer.
stern00 (04.02.2008, 16:02 Uhr)
Traurige Aussichten
Wenn ich die Befürworter der Ganztagsschulen höre, wird mir ganz schlecht: Da ist immer nur vom Wohl der Eltern die Rede.
Das gerade Freizeit die eigentlich kreative (bitte ggf. Begriff nachschlagen) Zeit im Leben eines Menschen und insebsondere eines Kindes ist, wird hier mit Blick auf die Kinderverwahrungsanstalten locker ausgeblendet.
Ich bin in den 80ern zur Schule gegangen und es war großartig. Ab 13:15 Uhr vielleicht nochmal 1-2h Aufgaben (schlimmstenfalls) und der Tag gehörte ansonsten mir, meinen Hobbies und meinen Freunden.
Schlimm genug, wenn man später 40-50h als Erwachsener arbeitet, aber als Kind bereits 40h in Unterricht und pädagogisch geleiteten (*hust*) Fussball-AGs abzusitzen... grauenhaft.
Und wenn hier andere Länder beschworen werden: Natürlich kann man das machen und die Kinder fallen auch nicht tot um davon, aber SCHÖNER und erstrebenswerter ist doch wohl eine freiere statt eine nützlichere Welt, ODER??
master_of_chaos (04.02.2008, 14:54 Uhr)
"Ersatzleher"...
Wie bitte? Hausfrauen - männer als Ersatzleherer in G8 ?
Derjenige, welcher Schülern der Oberstufe noch etwas beibringen kann und zu Hause bleibt anstelle sein Wissen zu versilbern, dem ins nicht mehr zu helfen.
embe (04.02.2008, 14:25 Uhr)
Stress
Vielleicht wird es endlich mal Zeit, das man diesen Irrsinn näher untersucht.
Ich habe 2 Schulpflichtige Kinder, das kleine (2 Klasse) wurde im Zuge der Schulreform mit erstklässlern, zussammen gelegt mit dem Erfolg, das nicht nur die Klassenstruktur gesprengt wurde, nein, sie langweilen sich auch noch zu tode, Lehrer sind überfordert und fallen aus. Die grosse (5 Kl.)bekommt soviel Stoff reingewürgt, das wenn die Mutter nicht so hinterher, am Abend noch Stundenlang üben, ein Verstehen der Aufgaben unmöglich wäre. Schwäche Schüler ohne entspr. Background bleiben auf der Strecke oder werden mitgeschleppt. Die Pädagogen wälzen einfach auf die Eltern ab, Schulranzen sind so schwer, das ein Erwachsener mit einem 40 Kg Tornister herumlaufen müsste. Halbwissen, Rückenschäden demotivierte Eltern und Schüler und überforderte Lehrkörper.
Schönen Gruß an die Zukunft hauptsache wir haben Pisa erfüllt, egal was es kostet.
MartinZ (04.02.2008, 14:18 Uhr)
Am Problem vorbei
Sowohl der Artikel als auch die Kommentare greifen das eigentliche Problem nicht auf. G8 ist ja nicht die Verkürzung von 13 auf 12 Jahre bis zum Abi, sondern das Komprimieren des Lehrstoffs der alten Klassen 5 -10 auf 4 Jahre. Ohne dass aus dem Lehrplan etwas rausgenommen wurde. Das Hauptproblem ist dabei m.E., dass ausgerechnet in der Zeit, in der die Kinder sowieso mit der Pubertät zu kämpfen haben, der Druck am grössten ist.
Schaue ich mir mal die Schulkarriere meiner Kinder und Neffen an, so ergibt sich für mich zur Zeit folgendes Bild: Kindergarten: die 6 - jährigen langweilen sich in den gemischten Gruppen mit den Kleineren zu Tode. 1. - 2. Klasse: erweiterter Kindergarten, die Hälfte der Kinder fängt jetzt an, Deutsch zu lernen. 3. - 4. Klasse: Bemühungen, die Kinder wenigstens auf Hauptschulniveau zu hieven. 5. - 9. Klasse G8: Stress pur. Oberstufe: viel zu tun, im Abitursjahr passiert allerdings so gut wie nichts.
Und in Hessen dann noch die Unterrichtsgarantie plus......., Und eine Kultusministerin, die die Schöpfungslehre im Biologieunterricht verankern will.
Bildungspolitiker sind offensichtlich das Ergebnis ihrer eigenen Bildungspolitik, anders lässt sich so viel Dummheit und Inkompetenz nicht erklären.
Popobawa (04.02.2008, 14:17 Uhr)
@aeternitas
Ich frage mich woher sie diese Zahlen her haben, ich weiss ja nicht wo es wo anders aussieht aber hier haben die Lehrer schon eine Ahnung was sie Unterrichten, viele können sogar Fragen beantworten die nicht zum Lehrplan gehören.
Aber aus irgendwelchen Grund werden die Abitur Aufgaben immer dümmer, dieser Versuch Praxisnähe in Mathematik einzubringen ist lächerlich. Hier haben sie 3 Kurven die eine Ente darstellen, jo da sucht man ehrlich gesagt länger nach der Ente als nach den Flächeninhalt....
Ich frage mich auch warum sich immer so viele Beschweren, das Abitur ist nun mal für die Geistigstarken gedacht und nicht für jeden, dumme haben da nichts zu suchen und man sollte die Anforderung nicht permanent runterschrauben, am ende versagen sie doch eh im Studium (Durchfallquote oft über 50%) und eine Ausbildung können sie auch so haben.
aeternitas (04.02.2008, 14:00 Uhr)
Ein Armutszeugnis,
dass die Wirtschaft bestimmen darf, wo es lang geht. Sieht man ja an den Unis, es geht alles den Bach runter...
Zu den G8: es ist mir ein Rästel warum sich die verantwortlichen Politiker in Westdeutschland so hartnäckig vor dem französischen Modell verweigern. Wenn es stimmt, was im TV gezeigt wird, dann hat es Frankreich geschafft ein gutes Modell für Schule + Verpflegung auf die Beine zu stellen. Nur hier klappt NICHTS. Die Lehrpläne sind teilweise wirklich schlimm. In manchen Fächern wie Chemie (das jetzt nicht mehr Chemie heißt sondern Naturphänomene und im Wechsel mit Physik und Bio unterrichtet wird) wird irgendwie jedes Jahr alles gemacht, aber nichts verstanden. In Mathematik ist es teilweise noch schlimmer... es haben vermutlich 80% keine Ahnung von dem was sie tun, die Lehrer inclusive. Anders kann ich mir nicht vorstellen, warum so viele Kinder Nachhilfe brauchen. Was machen Familien die sich keine Nachhilfe leisten können? Manchmal sind die Nachhilfekinder die einzigen, die die Hausaufgaben einigermaßen richtig haben, weil die Kinder ohne Nachhilfe nicht mal verstehen was sie machen müssen... und das liegt NICHT daran, dass die Kinder zu dumm sind!!!
emes (04.02.2008, 14:00 Uhr)
G8 - Wie süß!
In Deutschland brauchen wir für alles eine Abkürzung. Sogar für den normal kurzen Weg zum Abitur. Ich habe mein Abitur in M-V nach 12 Jahren abgelegt, noch bevor es auf 13 Jahre verlängert wurde, um es nun wieder zu kürzen. Ja, ich hatte lange Schultage, auch mal am Nachmittag Unterricht und trotzdem noch Hobbies. Es gab keine Kantine und Schulmilch auch nicht. Probleme hatte ich keine. Im Gegenteil - die letzten Monate vor den Prüfungen konnte ich noch einmal genießen, da ich wusste: So schön wird's nie wieder. Mag sein, dass es daran liegt, dass ich die ersten acht Schuljahre noch auf einer Polytechnischen Oberschule verbracht habe. Alle zusammen, ein Klassenverband, mit Kantine und Schulmilch, Frontalunterricht und Pioniernachmittagen .. Ja, so war das in der DDR. Heute lernen wir von den Finnen, die in Studien am besten abschneiden und sich ehemals am Schulsystem der DDR orientierten. Ich möchte nicht missverstanden werden. Mir geht es ganz sicher nicht um eine Aufwertung dieses kaputten sozialistischen Systems. Aber in Sachen Allgemeinbildung und Naturwissenschaften hatten wir nach der Wende den westdeutschen "Vergleichsschülern" einiges voraus. Die zwölf Jahre sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass Schulbildung Ländersache ist und dass sich mit jeder Legislaturperiode eine Partei oder Koalition etwas Neues ausdenken darf. Länger lernen, dass hieß doch für die meisten von uns, dass wir ein Jahr länger aus der Arbeitslosenstatistik raus waren. Wir müssen unseren Kindern im europäischen Vergleich eine Chance geben.
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