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Ponaders Ego-Trip auf Kosten anderer

Von seiner Sorte gibt es viele: Lebenskünstler, die wie der Pirat Ponader Sozialtransfers als feste Größe in ihrem Leben eingeplant haben. Das gilt als cool – macht aber den Sozialstaat kaputt.

Ein Kommentar von Tilman Gerwien

  Johannes Ponader

Johannes Ponader

Selbstvertrauen hat der Mann. "Ich gehe: Mein Rücktritt vom Amt" überschreibt Johannes Ponader einen Aufsatz in der "FAZ". Erhobenen Hauptes beendet er seine Existenz öffentlicher Alimentierung – nicht ohne eine Portion verletzten Stolzes, weil die Bundesagentur für Arbeit ihn mit allerlei Zumutungen traktierte, sich also seiner letztlich als nicht würdig erwies.

Wir werden diesen Verlust verschmerzen können. Aber mich hat der Fall Ponader wütend gemacht. Ich finde, wir brauchen eine Debatte über unseren Sozialstaat. Denn es gibt viele Ponaders in diesem Land, in Berlin, Hamburg, Bremen oder Freiburg - überall, wo Lebenskünstler den Sozialtransfer als feste Größe in ihr Leben eingeplant haben. Das gilt als cool und irgendwie "links".

Lebenskünstler und das Jobcenter

Aus meiner Sicht sind Lebenskünstler sympathische Menschen. Trotzdem scheint es zwischen ihnen und mir einige Missverständnisse zu geben. Das fängt schon bei der Bundesagentur für Arbeit an. Das Job-Center ist für mich ein JOB-Center, kein "Center für öffentliche Transferzahlungen". Wäre das so, stünde es außen auf dem Schild auch dran. Ponader war wohl sehr überrascht, als der Arbeitsvermittler mit ihm doch tatsächlich darüber reden wollte, wie er Arbeit finden kann - bei den Piraten war er ja schon ausgelastet. Er wollte das Geld, nicht die Arbeit. Ich glaube, er war schlicht an die falsche Adresse geraten.

Es steht ihm frei, vermittelte Arbeiten anzunehmen - oder es sein zu lassen. Dann muss er seinen Lebensunterhalt eben anders bestreiten. Ist das zu viel verlangt von einem, der in Bayern mit 1,0 Abitur gemacht hat? Muss unser Sozialstaat auch noch einen Hochbegabten wie ein Baby versorgen, das von uns jeden Tag sein Löffelchen Brei bekommt?

Aber wenn sich einer wie Ponader schon mit dem Wunsch nach Geld an die Solidargemeinschaft wendet, dann hat diese durchaus das Recht zu erfahren, wie er gedenkt, den Zustand der von ihm behaupteten Hilfsbedürftigkeit schellstmöglich zu beenden. Das ist keine "Einmischung" und auch keine "Gängelung" - sondern legitimer Anspruch all jener, die das Geld, das Herr Ponader gerne haben möchte, jeden Tag erwirtschaften müssen.

Ponader der Pirat

Ponader kämpft als Pirat für ein Grundeinkommen vom Staat: monatlich rund 500 Euro, plus Wohnzuschuss, ohne Gegenleistung. Er selbst hat mit Hartz IV gelebt, als gäbe es das schon. Das finde ich obszön. Denn es steht ihm nicht zu, über die Verwendung öffentlicher Gelder zu entscheiden, als sei dies seine Privatsache. Dies ist Gegenstand einer demokratischen Entscheidung – und bisher gibt es keine Mehrheit für ein Grundeinkommen. Er akzeptiert außerdem nur Jobs, die ihn erfüllen, sonst bedient er sich aus den Sozialkassen. Das ist nun wirklich asozial. Denn er weiß sehr genau, dass er sich diese Haltung nur leisten kann, weil genügend andere sie sich nicht leisten. Die Freiheit, die er sich nimmt, kann er schon denklogisch anderen nicht zubilligen. Täte er es und die anderen machten davon in ausreichender Zahl Gebrauch, würde der Sozialstaat zusammenbrechen – und damit auch sein eigener Lebensentwurf. Es würde auch keiner mehr Stahl kochen oder Toiletten putzen. Woher nimmt der Mann die Hybris, fest davon auszugehen, dass andere die Drecksarbeit schon machen werden – auch für ihn?

Sind Stahlkocher und Klofrauen für den ach so sensiblen Akademiker vielleicht nur Personal? Und er hat zu ihnen dasselbe Verhältnis,wie es hochgestellte Herrschaften zu den "dienstbaren Geistern" haben, die sie sich in ihren Villen halten? Unauffällig und brav sollen diese Menschen funktionieren und Herrn Ponader das Leben angenehm machen – ohne, dass sie selber einen Glücksanspruch haben? Diese Fragen scheinen ihn jedoch nicht sonderlich umzutreiben. Überaus sensibel, was die eigene Person betrifft, scheint mir seine Empfindsamkeit für die Lebensumstände der anderen auffällig begrenzt. „Nun sei doch nicht so! Gönn’ ihm doch das Geld!“, heißt es gern. Ich gönne es ihm ja auch. Aber für viele Menschen sind die Steuern und Sozialbeiträge, die sie jeden Monat abführen müssen, richtig viel Geld.

Nicht nur nehmen auch geben

Ponader ist sehr großzügig - wenn es um das Geld anderer Leute geht. Auch wenn er inzwischen keine Stütze mehr bezieht, jahrelang hat er genommen: Abi, Studium, Hartz IV. Doch jede Nachfrage nach seinem Geben empfindet er als Einmischung in innerste Angelegenheiten. Und dieses Geld fehlt dann eben: bei Kitas und Drogenberatungsstellen, für Sozialwohnungen und Behindertenwerkstätten. So viel rausholen wie möglich, aber beim Einzahlen bockig - das kannte ich bisher eher von den Steuersenkungsegoisten der FDP.

Aber halt! Darum geht es doch gar nicht! Es geht doch darum, den Reichtum anders zu verteilen! Einverstanden. Notfalls müsste der Pirat ein solches Vorhaben im Wege der Revolution durchsetzen. Ich hätte dafür Sympathie. Aber schon Che Guevara sagte: „Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.“ Was jedenfalls gar nicht geht: die Revolution nicht machen, Hartz IV als Selbstverwirklichungsprämie zweckentfremden und die Kohle bei denen holen, die diesen Sozialstaat maßgeblich finanzieren und sich nicht wehren können. Denn so kommt zu einer Ausbeutung (die der Armen durch die Reichen) nur eine weitere: die der Fleißigen durch die Arbeitsscheuen.

Hatz IV für Querdenker und Künstler

Apropos Revolution: Die Arbeiterbewegung hatte zu Leuten wie Ponader immer ein - um es vornehm auszudrücken - eher gespanntes Verhältnis. Wer mit anderen am Fließband steht und zwischendurch einfach mal rausgeht, mit der Begründung "das erfüllt mich gerade nicht so", dem werden die Kollegen sehr schnell beibringen, dass sie auf seine weitere Mitwirkung beim Malochen allergrößten Wert legen. Für so etwas gibt es übrigens ein schönes altes Wort: Solidarität.

Das sehen all die Dichter und Plattenaufleger, die in Berlin und anderswo für ihren Lebensunterhalt nicht selbst aufkommen, natürlich anders. Für sie ist das Sozialbudget eine Gehaltskasse, mit der sich das Land halt einen Pool von Kreativen und Querköpfen leistet. Schwer durchdrungen vom Gefühl eigener Bedeutsamkeit blicken sie mit einer gewissen Herablassung auf all jene, die in der Monotonie des Angestellten-Taktes ihr Dasein fristen, haben aber überhaupt kein Problem damit, die verachteten Massen regelmäßig um Alimente anzugehen. Doch gibt es Traurigeres als subventionierte Widerborstigkeit, die letztlich auf ein Staatskünstlertum hinausläuft? Die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen - aber schön abgepolstert wie ein Beamter: Wie beknackt ist das denn?

Aber gut, vielleicht setzen die Piraten ihr Grundeinkommen durch. Ich könnte das ertragen - Leute, die weniger verdienen, eher nicht. Denen würde der Chef sagen: "Ihr Gehalt kürzen wir sofort um 500 Euro. Die kriegen Sie ja jetzt vom Staat!" Aus der Utopie würde so ein Instrument zur Lohndrückerei und Anhebung der Konzernprofite. Genaugenommen zahlen die Arbeitnehmer dann sogar über ihre Steuern, die für das Grundeinkommen erhoben werden müssen, einen Teil ihres Gehalts selbst. Und ich finde, das ist nun wirklich nicht links. Und erst recht nicht cool.

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