Wo bleiben die Babys?

2. Juli 2012, 15:33 Uhr

Noch nie kamen in Deutschland so wenig Kinder zur Welt wie 2011. Wer erwartet hatte, mit Einführung des Elterngeldes steigen die Geburtenzahlen, der wurde enttäuscht. Bis jetzt zumindest. Denn die Entscheidung für ein Kind hängt von vielen Faktoren ab.

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Volle Neugeborenen-Station: Solche Bilder könnten in Zukunft immer seltener werden©

Der erhoffte Babyboom lässt weiter auf sich warten: Noch nie wurden in der Geschichte der Bundesrepublik so wenig Kinder geboren wie 2011 - trotz Kita-Ausbaus, weiterer Ganztagsschulen, Elterngeldes und anderer Familienhilfen.

Bleiben denn alle familienpolitischen Maßnahmen des Staates wirkungslos? Nein - beteuern Bevölkerungswissenschaftler und Familienpolitiker übereinstimmend und warnen vor voreiligen Schlüssen. Aktive Familienpolitik brauche mehr Zeit und vor allem Kontinuität - bis die Erfolge sichtbar werden, sagt etwa der Berliner Familienforscher Hans Bertram und verweist dabei auf Erfahrungen im europäischen "Familienmusterland" Frankreich oder auch in den skandinavischen Ländern.

Der weitere Rückgang der Geburtenzahlen kommt für Demografie-Forscher nicht unerwartet. Schließlich ist auch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter in Deutschland weiter rückläufig. Die Statistiker sprechen hier von der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen. Gab es 1991 noch 19,3 Millionen potenzielle Mütter in diesem Alter, waren es 2010 nur noch 18,5 Millionen.

Frankreich als Vorbild für Familienpolitik?

Politisch interessanter ist ein Blick auf die Geburtenrate, also wie viele Kinder im Schnitt eine Frau aus dieser Altersgruppe zur Welt bringt. Und da gibt es auch schon vorsichtige Hoffnungen auf Besserung: Zwischen 2005 und 2010 stieg die Geburtenrate von 1,34 auf 1,39. Zahlen für 2011 gibt es erst im Herbst. Doch bevor die Forscher von einem stabilen Trend nach oben sprechen, müssten die Geburtenraten schon über einen längeren Zeitraum nach oben gehen. Denn immer wieder ist mit kleinen statistischen Ausschlägen zu rechnen - die in der Politik dann häufig vorschnell als "Babyboom" gefeiert oder als "Versagen der Familienpolitik" kritisiert werden.

Damit eine Bevölkerung insgesamt nicht schrumpft, also mindestens genauso viele Kinder geboren werden wie Menschen sterben, müssten die Frauen in dieser Altersgruppe mindestens 2,1 Kinder im Schnitt bekommen - ein Wert, von dem nicht nur Deutschland sondern auch die meisten anderen Staaten in Europa weit entfernt sind. Frankreich ist das einzige EU-Land, dass heute auf eine Geburtenrate von knapp über 2,0 kommt.

1981 hatte Präsident François Mitterrand dort einen radikalen Kurswechsel in der Familienpolitik eingeleitet. Die skandinavischen Länder mit einer aktuellen Geburtenrate zwischen 1,8 und 1,9 hatten schon Anfang der 70-er Jahre auf den Rückgang mit mehr Familienförderung gegengesteuert. Aber auch hier wurde sichtbar: Schnelle Patentrezepte gibt es nicht - und Erfolg braucht seine Zeit.

Wie wichtig ist soziale Sicherheit?

Die Entscheidung für ein Kind hängt von vielen Faktoren ab und ist vor allem eine zutiefst private Entscheidung", sagt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). Positiv stellt Schröder heraus, dass laut Umfragen die Kinderwünsche in Deutschland weiter leicht gestiegen sind. Gut ein Drittel der Eltern wollten Ende 2011 "bestimmt" oder zumindest "vielleicht" noch weitere Kinder, 2010 waren dies erst ein Viertel. Schröder: "Familienpolitik muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich junge Menschen ihre Kinderwünsche auch erfüllen können."

Untersuchungen in Schweden zeigen, dass Familien bei ihren Kinderwünschen auf Leistungskürzungen des Staates viel sensibler reagieren als auf die allgemeine Wirtschaftslage. Gleichwohl spielen Kriterien wie Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und die eigene soziale Sicherheit bei der Entscheidung für Kinder eine zentrale Rolle. Als 1929 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Börse die größte Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts ausgelöst wurde, stürzten die Geburtenzahlen in allen Industrienationen ins Bodenlose - auch ohne Anti-Babypille. Und in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR reagierten junge Familien mit Zurückhaltung auf die unsicheren Zeiten: Es wurden nur noch halb so viele Kinder geboren wie zuvor.

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