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10. Juli 2007, 17:31 Uhr
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"Terror-Angst vergiftet unser Denken"

Online-Durchsuchung? Finaler Todesschuss im Anti-Terror-Kampf? Im stern.de-Interview bezichtigt Ex-Innenminister Gerhart Baum seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble, an den Grundfesten der Verfassung zu rütteln. Gleichzeitig rügt der FDP-Mann die Strategie von Parteichef Guido Westerwelle.

Leidenschaftlicher Kritiker von Wolfgang Schäuble und Guido Westerwelle: Gerhart Baum, FDP, Ex-Innenminister© Picturealliance

Herr Baum, was treibt Bundesinnenminister Schäuble im Anti-Terror-Kampf zu immer radikaleren Forderungen hinsichtlich eines Umbaus des Rechtsstaats?

Einmal das Motiv, für den Fall, dass etwas passiert, auf der sicheren Seite zu sein. Das ist natürlich eine sehr bequeme Strategie. Er mogelt sich damit aus dem Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit hinaus. Wenn er ehrlich wäre, würde er sagen: Wir müssen mit einem Risiko leben, das ich vermindern, aber nicht beseitigen kann. Er beschuldigt seine Kritiker der Hysterie und erzeugt zugleich eine hysterische Anti-Terror-Angst im Lande, um den Weg für seine Vorschläge frei zu räumen. Das erinnert mich an die Situation in den USA nach den Anschlägen in New York und Washington.

Versucht Schäuble im Kampf gegen den Terrorismus hierzulande Kriegsrecht einzuführen?

Ja! Er will den Kampf gegen den Terrorismus aus den Fesseln des freiheitlichen Rechtsstaats und der Verfassung befreien. Er glaubt, dass er das mit dem Kriegsrecht schafft. Er will ein Feind-Strafrecht. Das heißt: Wir bekämpfen künftig auch innerstaatliche Kriminalität durch Kriegsrecht. Das ist eine vollkommen neue Dimension der Verbrechensbekämpfung. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Schäuble hat sich auf den Weg zu einem neuen Völkerrecht begeben.

Wie die USA? Herrscht nun auch bei uns der Geist von Guantanamo?

Wir haben immer kritisiert, dass US-Präsident Bush gesagt hat, der Kampf gegen den Terrorismus müsse als Krieg geführt werden, bei dem es den USA erlaubt ist, jeden Terroristen überall auf der Welt zu töten, Gefangene ohne rechtsstaatliche Verfahren einzusperren. Das geht sogar über das Kriegsrecht weit hinaus. Ein Kriegsgefangener hat ganz andere Rechte. Auch das reicht Schäuble nicht. Er hat sich zudem auf den Weg zu einem neuen Völkerrecht begeben. Schäuble übersieht, dass diese Dimension in den USA selbst inzwischen intensiv in Frage gestellt wird.

Was ist Schäubles Ziel?

Er möchte die Belastbarkeit der Grundrechte testen. Und wo ihm die nicht reichen, möchte er sie ändern. Er will an die Grundfesten der Verfassung ran. Er blendet aus, dass die Verfassung ein absolute Grenze hat: Den Schutz der Menschenwürde. Die ist unveränderbar.

Wie verändert es die Gesellschaft, wenn jemand wie Schäuble behauptet, wir befänden uns in einem Ausnahmezustand?

Das verändert die freiheitliche Struktur unserer Gesellschaft. Es gibt eine entlarvende Formulierung Schäubles. Er sagt, wir brauchen die "nötigen Freiheiten im Kampf gegen den Terrorismus." Er will also freie Hand für die Sicherheitsbehörden. Für mich ist Sicherheit eine Möglichkeit, die Freiheit zu schützen. Aber der zentrale Begriff unserer Gesellschaft ist die Freiheit. Ich stelle die Sicherheit in den Dienst der Freiheit. Schäuble will die Freiheit zum staatlich sanktionierten Mord im Kampf gegen den Terrorismus haben. Wenn Sie die Verbindung der Terrorismusbekämpfung zu unserem Rechtsstaat kappen und zu unserem Strafrecht, dann sind Sie im Bereich des Kriegsrechts. Im Kriege dürfen möglicherweise Unschuldige geopfert werden, das darf im Nicht-Kriegsfall auf keinen Fall geschehen.

Schäuble will unter Umständen ein von Terroristen gekapertes Flugzeuge mit unschuldigen Passagieren abschießen lassen, um den Absturz auf ein voll besetztes Stadion zu verhindern. Halten Sie es für möglich, den Fall, Menschenleben gegen Menschenleben aufzurechnen, verfassungsrechtlich sauber zu lösen?

Nein. Es bleibt absolut rechts- und verfassungswidrig. Wie der Einzelne sich in einem solchen Fall verhält, muss man entscheiden, wenn man vor einer solchen Situation steht. Das Verfassungsgericht hat ganz klar entschieden: Menschenleben dürfen weder in der Qualität noch in der Quantität gegeneinander aufgerechnet werden. Auch das möglicherweise dem Tod geweihte Menschenleben ist schutzwürdig. Wir müssen uns hüten, dass wir aus Angst vor dem Terror unser Denken vergiften.

Wir hören keinen Aufschrei der Menschen angesichts Schäubles immer schärferer Forderungen. Ist den Bürgern der Schutz vor Terror vielleicht wichtiger als die Freiheit?

Das kann schon sein bei den Menschen, die sich nicht mit der Sachlage befassen. Wir müssen diesen Menschen erklären, was das für Folgen hat. Wir dürfen den Rechtsstaat nicht dadurch verteidigen, dass wir wesentliche Elemente der Freiheit aufgeben. Man muss den Menschen sagen, dass wir uns jetzt schon mitten in einem Präventionsstaat befinden, in dem unzählige Menschen von den Sicherheitsbehörden beobachtet werden. Jeder ist doch jetzt schon ein potenzieller Täter, über den viele Daten gesammelt werden. Die Dynamik, die dahinter steckt, führt zu einer Maßlosigkeit des Sicherheitsstaates. Wer Prävention wie Schäuble betreiben will, findet nie ein Ende.

Können Sie die Bürger nicht verstehen, die sagen, die Grundrechte sind mir egal. Ich will, wenn ich ein Flugzeug besteige, wissen, dass ich sicher bin vor Terroristen.

Ja, aber dann darf man ihnen nichts vormachen. Man muss ihnen sagen: Wir können das Risiko, wenn jemand ein Flugzeug besteigt, nicht ausschalten. Mit dem Risiko muss man leben. Wir stellen ja auch nicht den Autoverkehr ein, weil jedes Jahr mehrere tausend Tote im Verkehr zu beklagen sind.

Ein empörter Aufschrei der Liberalen ist nicht zu hören. Im Gegenteil, die FDP macht mit. Sie hat dem erweiterten Lauschangriff zugestimmt, sie trägt in Nordrhein-Westfalen die Online-Schnüffelei mit.

Die FDP-Bundestagsfraktion hat in der Vergangenheit das Luftsicherheitsgesetz nicht akzeptiert. Sie leistet Widerstand gegen die Schäuble-Forderungen. Die FDP-Führung müsste sich allerdings noch stärker in dieser Richtung positionieren. Das müsste zum Markenzeichen der FDP werden. Das geht nur, wenn die FDP-Führung das Thema zu ihrem Thema macht. Was in NRW passiert ist, schwächt natürlich unsere Argumentation. Man kann uns vorhalten: Wo ihr an der Macht seid, werft ihr eure Beschlüsse über Bord. Deshalb klage ich ja gegen dieses Gesetz eines FDP-Ministers vor dem Verfassungsgericht.

"Verteidiger des Rechtsstaats" war einmal Markenzeichen der FDP. Spätestens seit dem letzten Parteitag heißt der Slogan "Freiheit oder Sozialismus"!

Das ist eine fatale Positionierung. Wir übernehmen damit einen Slogan von Franz Josef Strauß, und der Spruch ist bezüglich der pauschalen Diffamierung der Linkspartei obendrein falsch. Ich rate der FDP dringend, sich politisch besser dem aufgeklärten Bürgertum in den Großstädten zuzuwenden, das heute zum großen Teil bei den Grünen ist und vor solch simplen Parolen zu Recht zurückschreckt.

Sind die Grünen die bessere FDP?

Nein, da fehlt eine Menge. Aber sie haben liberale Elemente, die Wähler ansprechen, die eigentlich FDP wählen müssten.

FDP-Chef Westerwelle hat sich jetzt selbst als "Freiheitsstatue" stilisiert, die an die Seite der CDU gehöre. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hat das drastisch kritisiert mit der Bemerkung, die Freiheitsstatue vor New York stehe allein und habe einen hohlen Kopf.

Westerwelle bereitet wieder einen Lager-Wahlkampf vor und positioniert die FDP an der Seite der CDU. Ich halte das für falsch. Die FDP muss sich Koalitions-Optionen offen halten in einer völlig veränderten Parteienlandschaft. Rechts der Mitte kann diese Position nicht sein.

Zur Person Der Anwalt und FDP-Politiker Gerhart Baum, 74, war von 1978 bis 1982 Innenminister der sozialliberalen Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt. Von 1972 bis 1978 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium. 1994 schied er er nach über 20-jähriger Mitgliedschaft aus dem Bundestag aus. Baum ist einer der prominenten Vertreter des "Freiburger Kreises", des ehemals starken, an Bürgerrechten orientierten linksliberalen Flügels der FDP.

Interview: Hans Peter Schütz, Florian Güßgen
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Krawaddde (11.07.2007, 13:02 Uhr)
Großer Demokrat
Herr Baum hat sich schon in seiner Replik auf Reemtsmas RAF-Theorie als differenzierter, kritischer Denker und großer Demokrat gezeigt. Dieser Beitrag belegt in seinem konsequenten Beharren auf ehemals sakrosankten demokratischen Grundwerten noch einmal eindrücklich, in welch erbarmungswürdigem Zustand sich weite Teile der gegenwärtigen politischen Eliten befinden. Wenn selbst ein Beckstein auf Distanz zu Schäubles Vorschlägen geht, dürfte doch klar sein, wie weit rechts der Innenminister sein Überholmanöver ansetzt.
Ohne die kritischen Interventionen einiger weniger verbliebener politischer Größen wie Baum jedenfalls wäre der Politzirkus komplett zum Verzweifeln.
Malt (11.07.2007, 12:06 Uhr)
@Frei_talk
nochmal: Was hätte Sie denn anderes gemacht? Hier wurden vor 10 Jahren ebensowenig international gesuchte Verbrecher reingelassen wie heutzutage! Und wenn sich jemand nichts hat zu schulden kommen lassen, warum sollte man Ihn dann nicht reinlassen? Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Man kann z.B. durchaus sagen, dass GB mittlerweile, gerade in der EU, die schärftsen Zuzugsbestimmungen hat... was hat's gebracht? NICHTS! Und die, die die jetzigen Anschläge in GB verüben wollten, wurden z.B. nicht in Deutschland zwischengeparkt. Ich glaube, Sie begreifen nicht, dass es hier um ein ganz anderes Problem geht als um Zuwanderer aus dem Ausland! Selbst im 3.Reich haben sich noch Juden innerhalb der Reichsgrenzen vor der GESTAPO verstecken können... und wenn es jemand drauf anlegt, dann sind die "Sicherheitsvorkehrungen" für die Katze... dann wird der Anschlag in D halt nicht auf den Berliner Hauptbahnhof, sondern in den Vorstädten druchgeführt.
SÄMTLICHE Vorschläge Schäubles dienen nur dazu, Ihm selbst für den Fall des Falles ein Alibi zu verschaffen... und falls tatsächlich irgendwo ne Bombe hochgeht, dann kann er sagen: Ich hab's euch ja gesagt! NUR: Es gibt keinen Schutz, wie es Baum schon sagt.
Und @che1975: Auf Schäuble wurde geschossen, und zwar von Dieter Kaufmann, der leider kein besonders guter Schütze war! Das mit dem Messer war der Lafontaines Oskar!
DonLobo (11.07.2007, 10:16 Uhr)
Hochachtung Herr Baum!!
Wenigstens ein Politiker und Bürger der
Charakter beweißt!
herr Schäuble dagegen stellt sich in eine Reihe
mit den Parlamentarier`n von1933 die dem Bevollmächtigungsgesetz zustimmten;
tolle Tradition!
che1975 (11.07.2007, 09:17 Uhr)
@Freigeist5
Sorry da muss ich dir die Illusion nehmen. Der Schäuble ist doch ein Opfer seiner selbst.
1. Der kann gar kein Hochdeutsch
2. Dann kommt noch sein Trauma von der Messeratacke
Der Versucht uns nur seinen eigenen psycho Defizit aufs Auge zu drücken.
Frei_Talk (11.07.2007, 09:09 Uhr)
sportartmakler
Guten Morgen. Ich verstehe sie ehrlich gesagt nicht. Habe ich sowas gesagt, dass ich das will oder wir alle das sollten? Wenn es so rüber gekommen sein sollte ist dies ein Missverständniss.
Was ich gesagt habe bzw gemeint habe ist folgendes. Vor 10 Jahren (So ungefähr, bitte nicht jetzt wieder auf den Monat und die Stunde verbessern) herrschte in deutschen politischen Kreisen (allen voran die FDP) ein anderes Denken. Ein Denken der Sorglosigkeit, ein Denken das in Deutschland jede noch so kleine und radikale Gruppe ein Existenzrecht hat, ein Denken das jeder aus seinem Land geflohene Mörder Recht auf Asyl hat. Bevor hier wiedr alle heulen..Ja es gabe auch berechtigte Anträge. Zufrieden? Und es gab ein Denken das der Staat nicht zuviel Kontrolle aus üben sollte. Von wegen Freiheit der Religion usw...Wollen sie das bestreiten? Und ich habe nur gemeint, gemeint wohlgemerkt, dass wenn wir vorher ein wenig aufmerksamer gewesen wären wir uns wir uns heute nicht eine solche harte Debatte liefern müssten. Und für dieses alte Denken steht u.a. Herr Baum. Und jetzt fängt er schon wieder an. Abgesehen davon spreche ich einem Liberalen die Fachkompetenz ab über Sicherheit zu reden. Liberal ist Wirtschaftpolitik aber nicht Sicherheit. Das habe ich gemeint.
sportartmakler (11.07.2007, 08:42 Uhr)
@freitalk@
kann ihren kritikern nur zustimmen. sicherlich können und werden auch in dtl irgenwann anschläge ausgeführt werden. und was heißt das jetzt für unser leben?? gehen sie nur noch im schutzanzug auf die straße und wohnen im bunker? wenn sie sich ihre freiheit nehmen lassen wollen und bei bigbrother mitspielen wollen , welches leben soll das dann sein???
slap882 (11.07.2007, 08:33 Uhr)
Bravo Herr Baum!
Es gibt sie aso doch noch - Politiker mit Rückgrat, Augenmaß und Verstand.
Vielen Dank Herr Baum!
Frei_Talk (11.07.2007, 08:12 Uhr)
Malt und Lynx2
Guten Morgen. Danke für die Kommentare. Hatte nichts anderes erwartet. Habe trotzdem ein sehr gutes Gefühl und stehe zu dem geschriebenen. Da ich im Gegensatz zu Ihnen wach geworden bin. Schlafen sie ruhig weiter, den Schlaf der deutschen Glücksseligkeit. Gute Nacht. Ich hole mir jetzt einen Kaffee. Schlafen sie gut.
AxelR. (11.07.2007, 08:03 Uhr)
Aufschrei ! ! !
Zitat der Interviewer: "Wir hören keinen Aufschrei der Menschen angesichts Schäubles immer schärferer Forderungen."
Ich höre ihn schon. Vielleicht muss man einfach nur mal die Ohren aufmachen bzw. die Menschen informieren über Schäubles geplanten Terrorismus gegen die Bürger.
Freiheit geht immer VOR Sicherheit, und nicht jeder hat Angst vorm schwarzen Mann.
Herr Schäuble, treten Sie endlich zurück, sie sind für eine freiheitliche Demokratie nicht mehr tragbar.
Countryjoe (11.07.2007, 06:40 Uhr)
Danke!
Danke, Herr Baum, für diese mutige und klare Analyse. Besser kann man es nicht ausdrücken. Es ist zu hoffen, daß sich der demokratische Rechtsstaat des Angriffes durch Herrn Schäuble erwehren kann. Wir brauchen keine Diktatur in Deutschland.
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