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Nicht mit mir

Mit einer offensiven Kampagne und Rückendeckung durch das Gesetz soll demnächst auf Organspendejagd gegangen werden. Wer dagegen ist, gilt als dummer Egoist. Doch so einfach ist es nicht.

Ein Kommentar von Manuela Pfohl

  Ein Spenderorgan auf dem Weg zum Empfänger. Mit dem neuen Gesetz sollen noch viel mehr solche Organe gewonnen werden.

Ein Spenderorgan auf dem Weg zum Empfänger. Mit dem neuen Gesetz sollen noch viel mehr solche Organe gewonnen werden.

Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil ein Spenderorgan fehlt. Nur wer selbst einmal in der Situation war, ein solches Organ zu benötigen - für sich oder einen Angehörigen - kann ermessen, wie grausam so ein Warten, Hoffen, Verzweifeln ist. Dass es dringend mehr Spender geben muss, steht allein deshalb außer Zweifel. Und trotzdem: Wenn bei mir das erste Mal Post von der Krankenkasse im Briefkasten liegen wird, mit einem vorsorglich beigepackten Spenderausweis, werde ich tun, was ich mit allen anderen Angeboten von Drückerkolonnen auch mache. Ich werde das Schreiben in den Müll werfen, ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Bin ich deswegen egoistisch? Habe ich den Ernst der Lage nicht erkannt? Bin ich am Ende nur zu feige mich mit dem Tod auseinanderzusetzen? Nein! Ich habe keine grundsätzliche Sorge davor, als Besitzer eines Organspendeausweises irgendwann mal wie ein ausgeweideter Hammel in der Ewigkeit zu verschwinden. Meine Angst gilt eher der Aussicht, Opfer eines Systems zu werden, das nach dem Motto: "Time is Money" funktioniert und dem inzwischen vielfach praktizierten Effizienzwettbewerb folgt, wonach nur der ein guter Patient ist, der möglichst wenige Kosten verursacht. Wer garantiert mir denn, dass irgendein defizitär arbeitendes Spital im Ernstfall nicht abwägt, wie teuer es wird, mich langwierig zusammenzuflicken und was es stattdessen bringt, mich schnellstmöglich zum lukrativen Ersatzteillager zu machen. "Schaut euch die Patientin an, was für nette Nieren, und so eine schöne Leber. Gut, dass sie einen Spenderausweis hat."

Angst vor Organdealern

Und es komme mir jetzt keiner mit dem Vorwurf der Übertreibung oder dem Verweis auf ethische Grundsätze, die doch stets gesetzlich verbrieft eingehalten würden. Allein die Absicht, dass es künftig noch mehr sogenannte "Transplantationsbeauftragte" in den Kliniken geben soll, bestätigt meine Skepsis. Denn was ist davon zu halten, wenn auf den Stationen Organdealer herumlungern, die Schwerkranke und ihre Angehörigen in Momenten agitieren, in denen die Betroffenen weder rational noch emotional in der Lage sind, objektive Entscheidungen treffen zu können? Mir wird übel bei dem Gedanken, dass Menschen, die um ihr eigenes Leben kämpfen, unter moralischen Druck gesetzt werden. Und das wird auch dadurch nicht besser, dass jetzt behauptet wird, all die Gespräche würden sensibel und von geschultem Personal geführt. Wer schon einmal im Krankenhaus war, weiß, wie schnell der Spruch von der Würde des Menschen, die unantastbar ist, zur leeren Hülle verkommt.

12.000 Menschen warten allein in Deutschland auf ein Spenderorgan. Wenn ihnen wirklich geholfen werden soll, dann braucht es kein Gesetz, das Krankenkassen dazu verdonnert, das Geld der Versicherten in Spende-Werbekampagnen zu stecken, in Papierberge, die zum Großteil ungelesen im Müll landen werden. Es braucht vielmehr ein Umdenken in der Politik. Weg von der durch blanken Kommerz regierten Klinikindustrie. Hin zu einer engagierten Betreuung bis zum Tod, zu Seelsorge, die sich wirklich um die Seele sorgt und nicht vorrangig um die Zeitspanne, die noch bleibt, bis die Organe des Kranken nichts mehr wert sind. Sollte dieser Zustand jemals eintreten, bin ich gern bereit zu spenden.

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