11. Mai 2004, 10:37 Uhr

Kluger Kopf mit Turmfrisur

Alle reden über ihre Haare. Dabei hat Bundespräsidenten-Kandidatin Gesine Schwan weit mehr zu bieten. Eine wie sie täte dem Land gut. Schade eigentlich, dass sie es nicht wird.

Sie kann die "Meisterin der Herzen" werden: Kandidatin Gesine Schwan mit ihrem Lebensgefährten Peter Eigen©

"Macht", sagt Gesine Schwan und lächelt, "Macht bedeutet für mich, Menschen und Interessen zusammenzuführen, um etwas Gemeinsames zu erreichen." Das hat sie so schön gesagt. Immer, wenn sie so redet, möchte man ihren Worten am liebsten noch ein wenig nachschmecken: Zusammenführen. Menschen und Interessen. Gemeinsam. Etwas erreichen…

Aber es ist keine Zeit. Gleich will sie in Slubice gegenüber von Frankfurt/Oder einen Kongress eröffnen. Sie wird dann mit polnischen Wissenschaftlern reden - auf Polnisch. Sie wird so schnell sprechen, dass die Polen kaum zu Wort kommen. Mit hohen Schuhen und Trippelschritten läuft die Professorin über die Oderbrücke. Sie redet von Demokratie. Der Wind weht, sie hält die Hand schützend über ihre Turmfrisur, und hinter sich her zieht sie einen klugen Assistenten, der mit Vornamen "Thymian" heißt. Es ist alles so unglaublich. Diese Frau ist so unglaublich.

Sätze, die man lange nicht mehr gehört hat

Abends sitzt die Turmfrisur in Deutschlands Fernsehstudios und sagt Sätze wie: "Vertrauen ist die wichtigste Ressource für eine Demokratie." Oder: "Gelingen können Reformen nur, indem sich alle gegenseitig zeigen und sagen, wovor sie beim anderen Angst haben." Solche Sätze hat man lange nicht mehr gehört in Deutschland. Am Ende sagen die Moderatoren immer, sie hätten auch Herrn Köhler eingeladen, aber der wolle nicht kommen. Das gefällt Schwan - dass er sich nicht zeigt, der Herr Köhler.

Wenn am 23. Mai in Berlin der Bundespräsident gewählt wird, dann hat Gesine Schwan eigentlich keine Chance gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds. Selbst wenn alle Delegierten von Rot-Grün und PDS die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina wählen, müsste sie immer noch 23 Stimmen von CDU, CSU und FDP herüberziehen, um Staatsoberhaupt zu werden.

Aber die schwarz-gelben Wahlmänner in der Bundesversammlung wissen: Wenn Köhler nicht gewinnt, ist auch Angela Merkel erledigt, denn sie hat den Ökonomen brutalstmöglich als Kandidaten im eigenen Lager durchgesetzt. Merkel aber wird noch gebraucht. Sie soll 2006 endlich die Macht für die Union zurückgewinnen. Vielleicht denken sie in der Union, Köhler soll sich gar nicht zeigen, er soll einfach so tun, als wäre er schon Bundespräsident.

Einblick in eine gediegene Welt

Sie aber zeigt sich. Gesine Schwan öffnet der "Bunten" die Tür ihres Hauses im feinen Berlin-Nikolassee und gibt Einblick in eine gediegene, bildungsbürgerliche Welt, von der wir vergessen hatten, dass es sie noch gibt. Unter den Füßen knarzt das Parkett. Wir sehen einen Flügel und einen abgeschabten blauen Lieblingssessel. Im Arbeitszimmer biegen sich die Regale unter mehr als 2000 Büchern.

Draußen erzählen sie uns seit Jahren, dass ein Ruck durchs Land gehen soll. Dass wir uns ändern müssen, dass wir schneller und billiger werden müssen, um wieder "fit für die Weltmärkte" zu sein. Von Gesine Schwan erfahren wir, dass sie mit ihrem Lebensgefährten in abendlichen Mußestunden manchmal gemeinsam musiziert. Als ihre Lieblingsbeschäftigung gibt sie an: "Spannende Gespräche führen". Irgendwie geht es bei dieser Wahl nicht nur um die Frage, wer Präsident wird, Frau Schwan oder Herr Köhler. Irgendwie geht es um mehr.

"Gedämpft, sorgenvoll, resigniert" erlebt Schwan die Deutschen, wenn sie unterwegs ist und ihre Reden hält. Man weiß nicht, ob alle immer alles verstehen, wenn die Professorin spricht, manchmal verirren sich auch Politologismen wie das "Modell der antagonistischen Kooperation" in ihre Reden. Aber das macht nichts. In Hannover sagt sie vor SPD-Wahlmännern und -frauen, dass es ein Unding sei, wenn man von den Menschen verlange, bis zum 45. Lebensjahr alles erreicht zu haben - Blitzkarriere und Familie und am besten noch dreimal umziehen. Und dass die "schnelle Vernutzung von Menschen ein Gift für die Gesellschaft ist".

Neue Töne für die Genossen

Das sind neue Töne für die Genossen, die seit Monaten eine Agenda-2010-Rede nach der anderen über sich ergehen lassen. Diese Agenda-Rhetorik kennt nur bittere Sachzwänge und Reformen, die schmallippig als "unabweisbar" und "alternativlos" hingestellt werden. Aber sie kennt keine Vision, für die es sich zu leben lohnt. Als Gesine Schwan fertig ist, ruft eine Zuhörerin erleichtert in den Saal: "Endlich mal was anderes!" Wie ausgehungert die Partei ist, zeigt die Tatsache, dass in hohen SPD-Kreisen immer wieder darüber diskutiert wird, die Uni-Präsidentin ins Kabinett zu holen - als Bildungsministerin. Schwan sagt, dass sie daran kein Interesse hat: "Ich wollte nie Ministerin sein, dafür würde ich meinen Job in Frankfurt nicht aufgeben."

Noch heute wirkt ihre Kandidatur wie handgemacht. Die Professorin für Politikwissenschaften stand gerade auf dem Campus von Harvard, als Gerhard Schröder sie auf dem Handy anrief, um sie zu fragen, ob sie antreten wolle. Das Gespräch lief ungefähr so:

Schröder: "Hallo, Gesine, wo bist du gerade?"
Schwan: "In Harvard."
Schröder: "Kein schlechter Platz. Hättest du was dagegen, wenn wir dich als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen? Der Franz Müntefering sitzt auch hier. Der ist auch dafür."
Schwan: (schweigt)
Schröder: "Du bist so still."
Schwan: "Ich habe eine Loyalität zu meiner Uni. Ich kann das nur machen, wenn sie eine sichere Zukunft hat, auch finanziell."
Schröder: "Darüber kann man reden."

Zur Person Die heute 60-Jährige wuchs in Berlin auf. Ihre Eltern (Vater: Grundschullehrer, Mutter: Fürsorgerin) gehörten im Dritten Reich zum protestantischen und sozialistischen Widerstand. Studium der Politikwissenschaften, seit 1977 Professorin an der FU Berlin. 1972 Eintritt in die SPD. Seit 1999 ist sie Präsidentin der Europa-Uni-versität Viadrina, Frankfurt/Oder. Schwan ist katholisch, sie hat einen Sohn und eine Tochter. Ihr Mann Alexander starb 1989 an Krebs. Sie lebt mit dem ehemaligen Weltbank-Direktor Peter Eigen zusammen, der die Anti-Korruptions-Initiative "Transparency International" leitet.

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