4. Mai 2008, 12:32 Uhr

Zwei Frauen gegen den Rest der Welt

Sie sind in der gesetzlichen Krankenversicherung? Machen Sie sich auf einiges Chaos gefasst! Bald startet der Gesundheitsfonds. 155 Milliarden Euro werden dann neu verteilt. Wie? Das wissen nicht mal die Erfinderinnen Angela Merkel und Ulla Schmidt. Von Andreas Hoffmann

Sisters' Act: Kanzlerin Merkel (CDU) und Gesundheitsministerin Schmidt (SPD) im Bundestag©

Was ist das? Es ist höllisch kompliziert, schwer zu verwirklichen, äußerst unbeliebt, bringt keinen Vorteil und soll trotzdem Anfang 2009 kommen. Genau, der Gesundheitsfonds. Wie, Gesundheitsfonds? Haben Sie zwar schon mal gehört, aber keine Ahnung, wofür er steht? Sie sind in guter Gesellschaft. Auf die Frage, was das sein könnte, schütteln nach einer Erhebung des Allensbach-Instituts mehr als die Hälfte der Deutschen verständnislos den Kopf.

Das dürfte sich bald ändern. In den nächsten Monaten kann kaum einer dem Gezerre um das "wichtigste Projekt der Legislaturperiode" (Angela Merkel) entkommen. Es geht um 155 Milliarden Euro. Diese gigantische Summe soll von 2009 an anders verteilt werden zwischen den gesetzlichen Krankenkassen. Vor allem über eine Neuerung: den Einheitsbeitrag.

Heute bestimmen die gut 200 Kassen selbst, wie viel sie den Menschen abknöpfen; meist hängt es davon ab, ob eine Kasse viele oder wenige Kranke betreut. Die Beitragsunterschiede können im Extremfall bei einem Jahreseinkommen von 30.000 Euro etwa 600 Euro ausmachen. Vorbei. Künftig legt die Gesundheitsministerin per Rechtsverordnung einen einheitlichen Satz für alle fest. Die Kassen unterscheiden sich dann nur noch in Zusatzbeiträgen, die sie vom Bürger extra verlangen können.

Wirrwarr bei 70 Millionen Kassenpatienten

Damit wollten Union und SPD voriges Jahr ihren politischen Richtungsstreit um die Zukunft der Krankenversicherung schlichten. Der Fonds sollte das Gesundheitssystem gerechter machen. Zu erwarten ist aber etwas ganz anderes - Wirrwarr bei 70 Millionen Kassenpatienten.

Die CSU fürchtet die Rache der Wähler für den Fonds schon bei der Landtagswahl im September. Augen zu und durch, rät Parteivize Horst Seehofer©

Angenommen, Sie sind bei einer Kasse versichert, die viel günstiger ist als die großen Barmer, DAK oder Allgemeine Ortskrankenkassen (AOK). Spätestens Ende des Jahres flattert ein Schreiben in Ihren Briefkasten, in dem es heißt: "...möchten wir Ihnen mitteilen, dass zum Januar der Beitrag angehoben wird. Zugleich weisen wir Sie darauf hin, dass wir Ihnen erstmals eine monatliche Sonderprämie gewähren."

Wie bitte, Sie zahlen erst einmal mehr Geld an die Kasse, um dann Geld von ihr zurückzubekommen? Genau. Ralf Hermes, Vorstandschef der günstigen IKK-Direkt, hat es bereits angekündigt, einige seiner Kollegen werden folgen. Seinen Mitgliedern will Hermes bis zu 50 Euro Prämie im Monat zahlen. "Das sind 600 Euro im Jahr", sagt er. Klingt nach einem netten Sümmchen. Ist es aber nicht, denn der Versicherte zahlt ja erst einmal einen höheren Beitrag. Am Ende hat kaum einer mehr im Geldbeutel als heute, eher weniger.

Versicherungen können Zusatzprämie verlangen

Wenn Sie dagegen bei einer teuren Kasse versichert sind, könnte diese Ihnen Ende des Jahres freudig mitteilen: "…Infolge des Gesundheitsfonds können wir den Beitrag senken." Das klingt nett, doch einige Monate später liegt vermutlich ein weiteres Schreiben im Briefkasten, in dem es nun heißt: "Wegen der Finanzlage und des Gesundheitsfonds sind wir leider gezwungen, einen Zusatzbeitrag von 20 Euro im Monat zu verlangen. Sollte dies eine besondere Härte für Sie bedeuten, können Sie auf Antrag einen Nachlass erhalten. Bitte fügen Sie Einkommensnachweise..."

Also erst weniger für die Kasse zahlen und später wieder mehr? Genau. Neben dem normalen Beitrag können Kassen, wenn sie klamm sind, künftig eine Zusatzprämie verlangen. Allerdings dürfen sie nicht einfach so zulangen, Union und SPD haben sich einiges einfallen lassen. Der Gerechtigkeit wegen. So darf eine Kasse nicht mehr als 36 Euro im Monat nehmen, und Arme erhalten einen Nachlass. Dafür müssen sie aber nachweisen, dass sie tatsächlich arm sind. Wenn die Prämie höchstens acht Euro beträgt, müssen allerdings auch Arme den vollen Betrag zahlen, außer sie sind Sozialhilfeempfänger. Bei zehn Euro gibt es dagegen den Nachlass - auf Antrag, versteht sich. Alles klar?

Freuen können sich Langzeitarbeitslose. Für sie zahlt der Staat die allgemeinen Kassenbeiträge, die Rückerstattungen dürfen sie einstreichen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Manche Politiker wollen die Prämien mit der Stütze verrechnen. "Die Rechtslage ist unklar", sagt SPD-Experte Karl Lauterbach.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 18/2008

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KOMMENTARE (10 von 18)
 
utospatz (05.05.2008, 13:41 Uhr)
Und so frag ich denn mich,
welch Trottel denn die gewählt, als Einzelpartei hatten die schon vorher das arbeitende Volk gequält!
Auf diese Weise hört zu Ihr Affen, werden per Ministeerlass, für parteipolitische Plakatkleber "Neue Posten geschaffen"!
Countryjoe (05.05.2008, 06:25 Uhr)
Was soll wohl passieren...
Es wir wieder das übliche eintreten: Die Beträge steigen, die Leistungen sinken und die Reichen werden (dank Lobbyismus) reicher. So wars schon immer und besonders extrem mit dieser mittelstandsvernichtenden Regierung der Mitte.
new_pathfinder (04.05.2008, 19:11 Uhr)
Weisheit
Sozialversicherung bedeutet schon seit ewigen Zeiten: Das Geld anderer Leuten wegzuverwalten. Diese Reform brächte wenn überhaupt nur etwas, wenn es nur eine Krankenkasse mit keinem Wasserkopf voraussetzt.
MRP66 (04.05.2008, 18:51 Uhr)
Da gebe ich meinem Vorredner recht!
Rumweinen bringt nichts, sondern anders wählen. Ihr habt doch dieses Affentheater mitzuverantorten. Kurz vor der Wahl lasst Ihr Euch sowieso wieder breitschlagen und umgarnen. Hoffnung gibt es nicht, es wird noch schlimmer werden, solange diese Affen gewählt werden.
babylon (04.05.2008, 16:41 Uhr)
selber schuld
was meckert ihr eigentlich? diese leute wurden von uns dem volk gewählt und ein dummes volk bekommt halt das was es verdient, dumme politiker. wählt beim nächsten mal schlauer oder protest und schon wird sich etwas ändern! solange aber die gleichen pfeiffen an der macht und die umfragewerte entsprechend hoch sind , meckert nicht sondern zahlt! diese leute wurden vom volk gewählt!!!!
undjetztnochder (04.05.2008, 16:01 Uhr)
Bürokratisches Monster
Das ist die Logik der Regierenden: immer mehr in der Verwaltung punpen, den Bürokratieapparat immer weiter aufblähen - dann wir die medizinische Versorgung in unserem Land auch immer besser. Jeder mit gesundem Menschenverstand dagegen weiss: das Geld, welches in der Verwaltung schon jetzt versickert - und auch weiter versickern wird - das steht nicht zur Verfügung zur Versorgung der Kranken. Wenn nun genug Geld im GEsundheitssystem vorhanden wäre, wäre das alles nicht so schlimm. Aber wir reden doch schon lange über Wartelistenmedizin, steigende Kassenbeiträge, Zuzahlungen, 2-Klassen-Medizin und zusammenbrechende Versorgung in immer mehr Regionen Deutschlands... Und gleichzeitig haben wir schon jetzt hunderte von Krankenkassen, alle mit gut bezahlten Vorständen und häufig in edelsten Verwaltungspalästen untergebracht - den Sinn hierfür versteht außer den Politikern kaum noch jemand. Gleichzeitig wandern immer mehr unserer Ärzte ab, streiken die Krankenschwestern, werden Krankenhäuser geschlossen - einfach weil hier eine Unterfinanzierung herrscht, weil das Geld nicht mehr bei den Leistungserbringern ankommt. Frau Merkel, stoppen Sie Ihre Gesundheitsministerin, bevor diese noch mehr Schaden anrichtet! Sorgen Sie dafür, dass unser immer noch gut funktionierendes Gesundheitswesen, für das wir fast auf der gesamten Welt beneidet werden, nicht kaputt-bürokratisiert wird! Keiner braucht ein weiteres, Geld fressendes bürokratisches Monster wie diesen Gesundheitsfond!
Schandmaul (04.05.2008, 15:58 Uhr)
Geldraub
Dieses Modell zeugt wieder einmal von perverser, purer staatlicher Willkür. Wer in den Genuß privatärztlicher medizinischer Versorgung kommen darf und wer wofür wieviel zu bezahlen hat bestimmt einzig und allein der Staat.
Wie man anhand dieses Beispiels sehr schön sehen kann, ist "soziale Gerechtigkeit" ein sehr, sehr, subjektiver und dehnbarer Begriff. Daß dieses Modell nichts, aber auch gar nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun hat, scheint selbst die Wähler in diesem Land aber nicht zu interessieren.
Ich wünsche mir bei der Bundestagswahl kommendes Jahr eine schallende Ohrfeige seitens der Wähler für dieses Konstrukt und rufe jeden Wähler an dieser Stelle dazu auf, die Urheber dieses Verbrachens am Bürger mit aller Härte abzustrafen. Steigende Beiträge bei schlechterer Leistung - und das dann auch noch als "Reform" zu deklarieren, eine Beleidigung für den Intellekt jedes halbwegs vernunftbegabten Menschen nenne ich das. Keines, aber wirklich keines der eklatanten und offensichtlichen Mängel des Systems wurde damit gelöst, stattdessen steigen wieder die Kosten ohne jeden erkennbaren Nutzen. Jeder Affe ohne einen Funken Verstand hätte so etwas zustande gebracht - eine Schande.
Durch die Änderungen bei den Pflichtversicherungsgrenzen werden immer mehr Bürger per staatlichem Zweang dazu verurteilt in diese Systeme einzuzahlen und dafür schlechte Leistungen hinzunehmen. Ich weise darauf hin, daß armen Schweinen wie mir, denen ein Wechsel in die PKV verwehrt wird, durch den Gesundheitsfonds und eine Anhebung der Betrgsbemessungsgrenze locker von einem Tag auf den anderen 100-150€ im Monat fehlen werden.
lucifer01 (04.05.2008, 15:00 Uhr)
Was soll´s
Solange die Umfragewerte für die für diesen Unsinn verantwortlichen steigen, können sie machen was sie wollen :-(
cklasseking01 (04.05.2008, 14:49 Uhr)
Schlechter Fond
Ich hatte schon damals in den ersten Kommentaren, als der Gesundheitsfonds entwickelt wurde, gewarnt, daß das ein einziges Chaos wird. Beitragszahler werden insgesammt mehr Geld bezahlen. Kassen werden weniger Geld einsparen wollen, da sie sonst weniger aus dem Fond bekommen werden. Der Verwaltungsapparat, der entsteht, treibt die Kosten noch unnötig in die Höhe! Einfach schwachsinnig.
Statt dessen sollte das Gesundheitssystem doch an der Wurzel reformiert werden, um Kosten zu sparen und Beiträge zu senken!
Z.B. ist in meiner Gegend eine große, teure und unnötige Klinik gebaut worden. Damit sich das Projekt lohnt, werden die Patienten vornehmlich dorthin geschickt. Ergebnis ist, daß die Patienten den kleineren Kliniken fehlen und diese nun so nach und nach Insolvenz anmelden. So vernichtet man unsere Kassenbeiträge!!!
Klaus_P (04.05.2008, 14:38 Uhr)
@Herr_Lich
Ist doch ganz einfach wie man es in der Politik zu etwas bringt. Gibt da ganz einfach Mittel (Kompetenz und Fachwissen gehört nicht dazu!)
Skrupellosigkeit, Machtgeilheit, Geschleime und Arschgekrieche, "Überzeugendes Auftreten" (ich will das jetzt nicht Lügen nennen...), Rückgratlosigkeit, ...
Damit sind wohl Ämter und Positionen gesichert.
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