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16. Oktober 2006, 07:55 Uhr

Zwang zur Vorsorge

Künftig drohen Patienten finanzielle Einbußen, wenn sie Vorsorge- Untersuchungen auslassen und später Krebs oder andere schwere Krankheiten bekommen. Für diese Pläne hagelt es harsche Kritik. Die Regierung schießt mit ebenso harten Worten zurück.

Frauen soll ab 20 zur Krebsvorsorge gehen© Peter Steffen/DPA

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt erwartet von der anstehenden Reform ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Noch immer gebe es unterschiedliche Wartezimmer für Kassen- und Privatpatienten, erklärte die SPD-Ministerin der Nachrichtenagentur AP. "Damit soll nun endlich Schluss sein." Allerdings steckte sie auch am Wochenende für die Reform teils heftige Kritik ein. Dabei ging es um den Plan, Patienten künftig stärker zur Kasse zu bitten, falls sie nicht zur Vorsorge gehen. Damit könnten auf künftige Krebspatienten oder chronisch Kranke höhere Zuzahlungen zukommen. Denn von der Sonderregelung, dass chronisch Kranke nur ein und nicht zwei Prozent ihres Einkommens für Zuzahlungen beim Arzt oder in der Apotheke aufbringen müssen, sollen nur die profitieren, die künftig alle Stempel in einem "Vorsorgeheft" vorweisen können.

Dies gilt dem Gesetz zufolge aber nicht rückwirkend und auch nicht für Menschen, die jetzt schon krank sind. Wer nach In-Kraft-Treten des Gesetzes zum 1. April 2007 alle empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen mitmacht, ist nicht betroffen, falls er später einmal krank wird. Empfohlen ist für alle über 35 Jahre alle zwei Jahre ein "Checkup". Darüber hinaus sollen Frauen ab 20 regelmäßig zur Krebsvorsorge gehen, Männer ab 45 Jahre.

"Geld kann erzieherisch wirken"

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe lobte die Anreize zur Vorsorge, obwohl er ansonsten die Gesundheitsreform ablehnt: "Die Deutschen kümmern sich nicht genug um Vorsorge und Verhütung von Krankheiten." Daher sei es gut, dass Patienten ein Vorsorgeheft bekommen sollten. "Geld kann erzieherisch wirken", sagte Hoppe der "Rheinischen Post".

Doch meldeten sich auch Kritiker zu Wort. "Krankheitsverhütung ist gut und wichtig, aber wenn man das Verschuldensprinzip in die Krankenkasse einführt, kommt man in Teufels Küche", warnte Grünen-Gesundheitsexpertin Biggi Bender. Der Chef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse, Herbert Rebscher, sprach in der "Bild am Sonntag" von einem "unglaublichen Vorgang". Die Regelung sei grotesk und zynisch. Krebs sei ein Schicksalsschlag. Die Betroffenen bräuchten Unterstützung "und keine finanziellen Sanktionen." Auch Krebsmediziner Gerhard Ehninger äußerte in der "BamS" Kritik.

Das Gesundheitsministerium reagierte ungehalten. "Die Äußerungen von Herrn Rebscher sind dumm und bösartig", sagte Sprecher Klaus Vater der AP. Die Pläne entsprechen langjährigen Forderungen von Ärzten und Krankenkassen.

Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Gerlinde Kuppe (SPD) sagte der "Mitteldeutschen Zeitung": "Das ist der richtige Weg, den Stellenwert der Vorsorge und die Eigenverantwortung jedes einzelnen zu erhöhen." Zudem sei der Gedanke sei nicht neu, sondern werde beispielsweise in der Zahnmedizin mit dem Bonusheft seit Jahren praktiziert.

Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery, argumentierte dagegen: "Es gibt für bestimmte Krebsarten gar keine Vorsorgeuntersuchungen." Es sei zwar richtig, "dass man Beitragsnachlässe denen gewährt, die regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Doch der Gesetzentwurf sei wie die ganze Reform falsch gestrickt: "Ein guter Gedanke schlecht ausgeführt."

Schmidt bedauert Boykott

Schmidt bedauerte den angekündigten Boykott der Krankenkassen und anderer Verbände gegen eine Fachanhörung zum Gesetz am Montag. Denn mit der Reform werde erreicht, was sich die Kassen lange gewünscht hätten. Frühere Kassenvorstände hätten sich stets dafür eingesetzt, "dass es in den Wartezimmern keine Patienten erster, zweiter oder dritter Klasse" gebe. "Nach der Gesundheitsreform kann es endlich Gleichbehandlung der Versicherten im Warte- und im Arztzimmer geben", betonte Schmidt. Dies werde über die Angleichung der Ärztehonorare erreicht, die künftig für vergleichbare Leistungen an Kassen- und Privatpatienten auch eine vergleichbare Vergütung bekommen sollten. "Für den Arzt, die Ärztin soll es damit egal sein, bei welcher Kasse der Patient versichert ist", betonte Schmidt. Zudem sollten künftig auch Kassen- und nicht nur Privatpatienten Zugang zu "den besten Ärzten des Landes an den Krankenhäusern" haben.

Ihre Meinung

Wie empfinden Sie den Gesetzesentwurf zu Vorsorge? Zynisch angesichts der häufig tödlich endenden Krankheit oder motivierend?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (12)
AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Sesan (17.10.2006, 14:29 Uhr)
Aha!
Schico: Ich weiss zwar nicht wo Sie leben aber für eine Zusatzuntersuchung mit Ultraschall sprich eben Krebsvorsorge bezahle ich hier in Bremen so um die 50 Euro Die normale Untersuchung ist natürlich kostenfrei für mich. Vielleicht sollte ich Ihren Arzt konsultieren, der Ultraschall- Untersuchungen umsonst durchführt nicht schlecht.
Schico (17.10.2006, 09:12 Uhr)
Wieso
"Angst vor Krebs übergehen"?
Wollen Sie damit sagen, weil ich Angst habe, ich könnte Krebs haben, gehe ich lieber nicht zur Früherkennungsuntersuchung? Das ist doch absurd. Es geht doch nicht um Gängelei und Leute quälen, es geht darum, Krankheiten so früh es geht zu entdecken und damit entsrechend höhere Heilungschancen zu haben und damit auch Folgekosten zu sparen.
Und ich versteh zwar immer noch nicht, wieso ich bisher nichts zuzahlen musste, aber selbst wenn, dann wäre mir das meine Gsundheit wert.
comwulf (16.10.2006, 19:57 Uhr)
wirklicher günstiger?
Krebsfrüherkennung soll den Effekt haben, Heilungschancen für die Betroffenen zu erhöhen. Die Diagnose einiger Krebserkrankungen bedeutet aber auch heute noch praktisch das Todesurteil in mehr oder weniger weit entfernter Zukunft. Diese Angst einfach zu übergehen, muss man als zynisch bezeichnen. Des weiteren sieht die Bundesregierung hier nicht die Heilungschancen, sondern vielmehr den "schnöden Mammon" als Handlungsgrund, wobei nicht einmal bewiesen ist, was der Gemeinschaft der Versicherten billiger kommt. Was die Zuzahlungen bei Vorsorgeuntersuchungen anbelangt, so wird die Grundversorgung kostenlos sein, aber wie bei der Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt werden die meisten von uns mit Sicherheit die eine oder andere sinnvolle Zusatzleistung privat bezahlen müssen. P.S. meine Frau zahlt ebenfalls regelmäßig ca.50€ zusätzlich für eine Ultraschalluntersuchung des Gebärmutterhalses.
Schico (16.10.2006, 16:28 Uhr)
an Sesan
Also ich bin schon sehr verwundert, dass Sie für Krebsvorsorgeuntersuchungen bezahlen müssen. Ich (Frau) habe noch niemals auch nur einen Cent (oder vorher Mark) dafür bezahlen müssen!!! Und ich nehme diese Möglichkeit regelmäßig wahr.
Wenn ich die Kommentare hier so durchlese, drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass hier mal wieder nur gemotzt wird, ohne sich wirklich über Fakten zu informieren. Hauptsache meckern!
Wenn ich höre, dass junge Frauen jahrelang nicht zum Gynäkologen gehen ("keinen Bock"), dann fehlt mir das Mitleid im Falle einer Erkrankung derjenigen.
Und nur zur Info - Krebsvorsorge ist ein wenig der falsche Begriff, dagegen vorsorgen kann man nur in sehr begrenztem Rahmen. Es sollte besser Krebsfrüherkennung heißen.
Und die ist defakto kostenlos! und wird stets empfohlen. Aber den meisten Menschen muss man "befehlen", weil sie sonst nicht raffen, was gut für sie ist! Und da sich die Deutschen nichts befehlen lassen (weil wir leben ja in einer Demokratie), muss man eben durch die Hintertür nachhelfen - richtig so!
Sesan (16.10.2006, 14:33 Uhr)
an Schiebo
Das glauben Sie doch nicht wirklich? Es wird gespart an allen Ecken und Kannten. Alle Vorsorgeuntersuchungen oder die meisten werden Sie privat bezahlen müssen. So wie sich die Gesundheitsreform in den letzten Jahren entwickelt hat geht es auch nicht anders. Ich lass mich da gerne belehren, wenn diese Voruntersuchungen kostenlos sind wäre das für mich ok. und da wär ich nicht zu faul diese mitzumachen. Alles andere ist vollkommen indiskutabel
Sesan (16.10.2006, 14:26 Uhr)
Klar
...Und natürlich kostet jede Vorsorgeuntersuchung egal in welchem Bereich ein heiden Geld. Jede Frau bezahlt um die 50 Euro für eine Krebsvorsorgeunteruchung beim Frauenarzt. Natürlich privat. Das würde dann für alle Vorsorgeuntersuchungen gelten. Die müssen wir alle selbst bezahlen. Natürlich sind Ärzte, Politiker, und Krankenkassen dafür. So sind deren Arbeitsplätze über Jahrzehnte gesichert. Aber was ist mit den Menschen, die sich noch nicht einmal 10 Euro für den Arztbesuch aus der Tasche schütteln können????. Keine Zwei Klassengesellschaft? Hallo? Dann haben wir eine aber deutlich. Na vielen Dank die ticken doch!!!!!
Gruß Sesan
Schico (16.10.2006, 14:20 Uhr)
an AxelR
Ich denke, das haben Sie falsch verstanden. Es geht einzig darum, dass die Bevölkerung die KOSTENLOS angebotenen Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt. Und wo ist da bitte das Problem. Wenn Menschen zu faul, zu träge und zu nachlässig sind, diese VORSORGEUNTERSUCHUNGEN machen zu lassen, dann ist ihnen die eigene Gesundheit wohl egal und warum sollen dann die Anderen diese Trägheit mitbezahlen?!
Das hat nichts mit Reglementierung und Gängelei zu tun. Und wenn alle vernünftiger wären, dann würde die Notwendigkeit solcher "Sanktionen" gar nicht bestehen!
Kauz01 (16.10.2006, 14:06 Uhr)
Und wie gehts weiter?
Erst mehr Zuzahlung, dann nur noch eingeschränkte Behandlung, am Ende heißt es dann: Selber schuld, dass du krank bist, also keine Leistung mehr?
Grundsätzlich ist eine Motivation gut. Aber erst dann, wenn man schon (schwer) krank ist und sowieso oft finanzielle Probleme hat? Wie wär es mit höherem Beitrag bei fehlenden Vorsorgeuntersuchungen? Das trifft sofort und nicht erst dann, wenn man nichts mehr ändern kann.
Zum zweiten frage ich mich, ob Vorsorgeuntersuchungen überhaupt gewollt sind. Weder Krankenkassen noch Ärzte informieren - nach meiner Erfahrung - von sich aus über die Möglichkeiten.
Viele Grüße vom KAuz01
AxelR. (16.10.2006, 14:02 Uhr)
absolut zynisch
Herr Rebscher hat Recht, Krebs ist ein harter Schicksalsschlag und sollte nicht noch zusätzliche finanzielle Belastungen nach sich ziehen.
Sicher ist Gesundheitsvorsorge wichtig, aber man kann Krebsvorsorge nicht mit der Zahnvorsorge vergleichen. Zähne kann man jeden Tag putzen und pflegen, weniger Süßes essen - aber: was soll man gegen Krebs tun? Autos abschaffen? Chemikalien verbieten?
Abgesehen davon ist nicht jede Krebsart per Vorsorge erkennbar.
Das Ganze ist mal wieder ein blödsinniger Vorschlag von rat- und ahnungslosen Politikern...
anna56 (16.10.2006, 13:31 Uhr)
Und die Zigaretten??
Wie passt denn das große Interesse des Staates an unserer Gesundheit zu
dem abgeschmetterten Rauchverbot in
Gaststätten ?Irgendwo ist da doch
ein Widerspruch zu sehen.
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