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9. Februar 2009, 20:38 Uhr

Seehofer bringt Merkel in die Klemme

Ein halbes Jahr vor der Wahl - und mitten in der Krise - leistet sich die Union einen bizarren Personalwechsel im Wirtschaftsministerium. Dort regiert nun ein Mann, der dem CSU-Kalkül entspricht, aber die Kanzlerin und die Wirtschaftskompetenz der Union alt aussehen lässt. Von Lutz Kinkel

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Suboptimale Woche: Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer Ansprache zu Glos' Rücktritt© Herbert Knosowski

16.15 Uhr, Bundeskanzleramt. Angela Merkel sieht müde aus. Viel Abdeckcreme, grauer Blazer, schwarze Hose. Aber sie erledigt ihren Auftritt routiniert. Kurze Ansprache, drei Fragen, dann ist Wirtschaftsminister Michael Glos Geschichte. Die Bediensteten des Kanzleramts scheuchen die Journalisten von ihren Plätzen, um die nächste Veranstaltung vorzubereiten. Läbbe geht weiter. Immer weiter. Auch nach einem Wochenende, an dem sich die Union derbe blamiert hat.

Natürlich nutzt Merkel bei ihrer Ansprache die üblichen Wortstanzen. Sie bedaure den Rücktritt des Wirtschaftsministers außerordentlich. Er habe wichtige Akzente gesetzt, sie werde auch künftig eng mit ihm zusammenarbeiten. Aber Deutschland könne sich in der Krise keine Hängepartie leisten. Da sei sie sich mit CSU-Chef Horst Seehofer am Wochenende völlig einig gewesen. Nun gehe es mit klaren Ansagen und einem neuen Namen weiter. Glos' Nachfolger Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg verfüge über ein großes internationales Erfahrungsspektrum und werde seine Sache exzellent machen. Abgang Merkel. 16.23 Uhr.

"Azubi" Guttenberg

Bitte? Das war's? Noch mal zur Erinnerung: In den vergangenen drei Jahren amtierte ein CSU-Politiker namens Michael Glos als Wirtschaftsminister. Er hat dieses Amt nie gewollt und ist allein deshalb eine Fehlbesetzung gewesen. Dann hat er es leid und bittet am Samstag um seinen Rücktritt. Und zwar in einem Brief, der der Presse zugespielt wird. CSU-Parteichef Horst Seehofer, der sich gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz in internationaler Diplomatie übt, fällt aus allen Wolken. Angela Merkel, von Glos telefonisch informiert, fällt aus allen Wolken. Seehofer prallt auf, verzieht schmerzhaft das Gesicht und lehnt den Rücktritt ab. Eineinhalb Tage Krisengespräche zwischen CDU, CSU, Bayern und Berlin. Das Ergebnis: Lasst es doch den Guttenberg machen. Ist zwar Außenpolitiker und gerade erst CSU-Generalsekretär geworden - aber hey, der Mann ist Franke. Genauso wie Glos. Und die CSU hat ja darauf zu achten, dass sich die Franken, die ihren geliebten bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein opfern mussten, nicht noch mehr benachteiligt fühlen. Das ist in der Wirtschaftskrise das Wichtigste. Türlich, türlich.

Die Kommentare der Oppositionsparteien zu dem Vorgang sind an diesem Montag an Deftigkeit kaum zu überbieten. "Offenbar genügt es in der Union, dass man lesen und schreiben kann, um Wirtschaftsminister zu werden", ätzt der FDP-Wirtschaftspolitiker Rainer Brüderle. Von einem "Tollhaus" spricht die Linkspartei. Bei den Grünen sagt Spitzenkandidat Jürgen Trittin, der Wechsel von Glos zu Guttenberg sei ein Wechsel "von der Schlaftablette zum Azubi". Das Wochenende habe gezeigt, dass Merkel ihre Richtlinienkompetenz verloren habe und nur noch von Gnaden der "Provinzpartei" CSU lebe.

Merkels Autorität?

Selbst auf der Pressekonferenz der SPD, die mit in der Regierung sitzt, fallen deutliche Worte. Parteichef Franz Müntefering lässt erkennen, dass auch er Glos für eine Fehlbesetzung gehalten habe. "Bei Glos hatte man immer den Eindruck, dass er am Rande war. Zu Recht, mit seiner unzureichenden Begeisterung für das Thema." Andererseits habe er auch keine Rückendeckung bekommen, sagt Müntefering - eine Anspielung darauf, dass Merkel wenig mit Glos anfangen konnte und Seehofer ihn unverhohlen gemobbt hat. Glos' Rücktritt sei in "unwürdiger Weise" abgelaufen.

Was den SPD-Parteichef aber noch mehr bekümmert ist das wankende Binnenverhältnis der Großen Koalition. Zuletzt hat Seehofer, gegen den Willen Merkels und der Sozialdemokraten, Steuersenkungen durchgesetzt und das bereits verabredete Umweltgesetzbuch scheitern lassen. "Es kann nicht sein, dass die CSU am Kabinettstisch mitstimmt, und im Anschluss alles zerschneidet", sagt Müntefering. Und dann spielt er den schwarzen Peter Merkel zu, die das doch hätte verhindern müssen. Merkels Autorität, das sollen alle Zuhörer Münteferings wissen, ist angekratzt.

Problemzone Wirtschaft

Das ist allerdings nicht das einzige Ergebnis des königlich-bayerischen Hoftheaters. Viel fataler für Merkel ist, dass sie jetzt, im Abwärtssog der Wirtschaftskrise, mit der Personalie Guttenberg kaum Vertrauen wird aufbauen können. Genauso gut könnte der FC Bayern München einen Tennisspieler für sein Fußballteam engagieren - mit dem Argument, der Mann sei ein ausgezeichneter Spitzensportler und besitze viel Turnier-Erfahrung. Diese argumentative Klemme könnte die Wirtschaftskompetenz der Union weiter beschädigen. Schon jetzt stagniert die Union in den Umfragen bei 34 Prozent, ihre Wähler wandern zur FDP ab, die nun bei 16 Prozent liegt. Verfestigt sich der Trend, wird es Merkel nach der Bundestagswahl 2009 mit einem höchst unbequemen Koalitionspartner zu tun bekommen - wenn es überhaupt reicht.

Mit den sinkenden Umfragewerten wird außerdem die Kritik in der eigenen Partei lauter. Selbst Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach, ein Mann, der nicht zum Merkel-Bashing neigt, räumt am Montag in einem Interview ein, die vergangene Woche sei "suboptimal" gelaufen. CDU und CSU müssten sich mächtig anstrengen, wenn sie mehr als 40 Prozent bei der Bundestagswahl einfahren wollten. Nötig sei, dass die Union ein gemeinsames, klares Profil in der Wirtschaftspolitik finde - ein Hinweis darauf, dass Merkel tunlichst Seehofer bändigen sollte.

Solist und Moderatorin

Ob dies gelingt, ist indes mehr als fraglich. Seehofer, der in München den harten Mann gibt, hat aus seiner Perspektive in Berlin einige schöne Erfolge erzielt. Andererseits hat er in seiner kurzen Amtszeit als Parteichef viel Unmut auf sich gezogen - vor allem durch seine Personalpolitik. Erst versuchte er, Erwin Huber als Fraktionschef durchzusetzen, dann die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier zur Spitzenkandidatin für die Europawahl zu machen. Beides scheiterte am Widerstand aus den eigenen Reihen. Nun ärgert sich die CSU-Basis über Seehofers Umgang mit Glos, und der Berliner Landesgruppenvorsitzende Peter Ramsauer soll auch vergrätzt sein, weil Seehofer seinen Wahlkreis dem CSU-Schatzmeister Thomas Bauer überlassen will. Bauer, der als möglicher Kandidat für das Wirtschaftsministerium gehandelt wurde, könnte Ramsauer in Berlin ernstlich Konkurrenz machen. "Das ist ein ziemlicher Scherbenhaufen", sagt ein CSU-Spitzenmann zu stern.de, "und das hat viel damit zu tun, wie er mit seinen Leuten umgeht. Seehofer führt autokratisch. Da wächst kein Vertrauen. Sein Stil ist zersetzend." Er sei eben ein "Solist" geblieben.

Der Solist und die Moderatorin - vielleicht muss Merkel noch einige merkwürdige Pressekonferenzen geben.

Mitarbeit: S. Christ, G. Rettner-Halder, M. Schünemann
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
kalaehne (11.02.2009, 22:53 Uhr)
CSU erobert Deutschland. Ob das gut geht...
...ein CSU-Mann an der Spitze es Wirtschaftsministeriums, eine CSU-Frau an der Spitze des Agrar-Ministeriums, ein CSU- Mann als Hauptgeschäftsführer des BDI, ein CSU- Mann im Vorstand der Bahn.... nur bei der Landesbank in München und bei der Hypo-Real-Estate in München, da läuft es nicht so recht rund ... Jürgen Kalähne
sedanon (10.02.2009, 22:34 Uhr)
@Prato61 Kommunismus ? Ja, aber nur für manche.
Was wir gerade erleben ist doch wohl nicht Kommunismus, sondern die freie (wohlgemerkt nicht die soziale) Marktwirtschaft in Reinkultur.
Zumindest für DIE Bevölkerung.
Für Unternehmen und Großaktionäre gilt allerdings der Kommunismus. Zumindest wenn es um die Sozialisierung der Unternehmensverluste geht. Da muß ich ihnen allerdings zustimmen.
utospatz (10.02.2009, 18:44 Uhr)
So schickt ein Ex-Gammelfleischminister
seine Weihrauchgeschwängerten Nachfolger in die Republik!
hotte_m (10.02.2009, 13:12 Uhr)
In der Klemme?
ich werde nie verstehen, wie eine so konservative Partei wie die CDU eine führende FDJ-Funktionärin an ihre Spitze holte. Mann, was müssen die alle schon senil sein!
Prato61 (10.02.2009, 10:59 Uhr)
Logisch
Deutschland wird von Kommunisten, Despoten und anderen machtgeilen Profilneurotikern regiert. Der Ablauf dieses Personalwechsels ist typisch dafür. Auf diese Art wurden auch in den ehemaligen Ostblockstaaten mit politischen Posten geschachert.
Übrigens!! Der Posten des deutschen Wirtschaftsministers ist seit Beginn der EU absolut überflüssig. Die reale Wirtschaftspolitik wird in Brüssel gemacht, von daher ist der Spielraum des deutschen Fachministers äußerst beschränkt. Außer dem Eröffnen von Messen bleibt einem in diesem Amt nur noch der Posten des Grüß-Gott-Onkels. Also kann ein Wirtschaftsminister nie für die schlechten oder guten Arbeislosenzahlen zuständig und verantwortlich sein.
Fazit: Was die Person des neuen Ministers betrifft: Viel Lärm um Nichts.
Allerdings ist das Procedere des Wechsel/Berufung und Amtseinführung einer Bananenrepublik würdig.
mn82 (10.02.2009, 10:43 Uhr)
Besserwisser und Neid....
Es ist schon erstaunlich, dass jeder bestens über die Kompetenz des neuen, noch nicht einmal im Amt befindlichen Wirtschaftsministers, informiert zu sein scheint.
Es wäre ratsam, vor allem für die zur Zeit massenhaft zu Tage tretenden, selbsternannten Wirtschaftsexperten, die ja ohnehin alles vorausgesehen und die richtigen Lösungsrezepte seit Jahren in der Schublade haben, dem neuen Mann eine Chance zu geben.
Keiner weiß, ob Herr zu Guttenberg den Job gut erledigen wird. Also sollte man sich mit orakelnden Unkenrufen tunlichst zurückhalten.
Zudem ist es gerade in Deutschland sicherlich extrem schwer an verantwortungsvoller Stelle zu stehen. Es wird alles und jeder zuerst einmal schlecht geredet und gejammert was das Zeug hält, auch wenn es den meistens Deutschen trotz der Krise, im Vergleich mit anderen Ländern der Welt extrem gutgeht. Aber das Schwarzsehen, Meckern und Besserwissen ist wohl mittlerweile zum massenhaft ausgeübten Volkssport geworden.
Erstaunlich nur, dass immer gerade die meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, die nicht an erster Stelle stehen und in einer Krise die richtigen Entscheidungen treffen müssen.
Aus den hinteren Reihen lässt sich immer gut die Situation im Nachhinein bewerten und erklären man selbst hätte das alles ganz anders und selbstverständlich viel besser gemacht. Komisch nur, dass fast alle der gefühlten 80 Millionen Bundestrainer und Experten auf allen Gebieten, neuerdings auch der Wirtschaft, nie den Schneid haben, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.
Klar, dann würde man ja eventuell selbst feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, wie es aus der letzten Reihe eben noch ausgesehen hat.
Also, bevor wir alles und jeden Entscheidungsträger sofort, und bevor er überhaupt im Amt ist, prophylaktisch kritisieren, sollten wir denjenigen doch einmal eine Chance geben zu beweisen was sie können.
Das gilt für das Volk der Berufspessimisten insgesamt, für Politiker aller Parteien und insbesondere die der Union, die aus Neid und Missgunst, dass sie, ungeachtet ihrer geballten Kompetenz nicht zum Zug gekommen sind, meinen ihren eigenen Parteifreund schlechtreden zu müssen.
BBoldiesBB (10.02.2009, 09:22 Uhr)
Der neue Wirtschaftsminister.......
Da kann man nun auch in der CDU/CSU einen dieser "FDP-Schnösel" besichtigen, denen in einer ab Herbst möglichen CDU/FDP-Koalition der Normalbürger schnurzpiepegal sein wird.
nightmare_online (10.02.2009, 09:04 Uhr)
Wirtschaftskompetenz?
Ein Trauerspiel das die Konservativen da wieder mal abliefern. Da befinden wir uns in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 50 Jahren, und das mit einer Kanzlerin, die Brutto und Netto nicht unterscheiden kann und nun einem Wirtschaftsminister der nach eigenen Angaben Probleme mit seiner Steuererklärung hat.
Wer kann in Angesicht dieser Fakten noch über Wirtschaftskompetenz der CDU/CSU sprechen?
Muli01 (10.02.2009, 08:31 Uhr)
Ich gebe zu...
...ich habe wenn es um politische Ämter geht, einige Wissenslücken, aber seit wann ernennt der bayrische MiPrä/ Chef der CSU Bundesminister?
Ich dachte irgendwie immer dafür wäre die gewählte Bundeskanzlerin zuständig...hat also zumindest das Recht "Nein" zu sagen, wenn der Kandidat inkompetent oder sonst was ist?!?
Hochbahnopfer.de (10.02.2009, 07:56 Uhr)
Gewählte Vertreter des Volkes
sehen anders aus. Wir erinnern uns, Herr Seehofer hat nicht eine Stimme bei der Bayern Wahl erhalten, aber MP! Seine Durchlaucht ist neuer Wahlkampmanager, hat allerdings noch keinen Wahlkamp gemanagt. Wie man als nicht gewählter zum Wirtschaftsminister ausgerufen wird in 2009 erinnert stark an die 30 Jahre! Zufällig und wie beiläufig durfte die Presse dann die Insolvenz von 3 Traditionsunternehmen in Merkels blühenden Landschaften vermelden. Alles wird gut, solange Angie nix tut.
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