"Mit dem Schwachsinn muss Schluss sein"

15. Mai 2013, 12:55 Uhr

War die Kanzlerin "Reformkommunistin" und "Funktionärin" des SED-Staates? Gregor Gysi, Chef der Linksfraktion, nimmt Merkel in Schutz. Sie habe ein "ganz normales Leben mit Grautönen" geführt.

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© Adam Berry/Getty Images Gregor Gysi, 65 ... ist Chef der Fraktion der Linken im Bundestag - und Gallionsfigur der Partei. Gysi, dessen Vater Botschafter und Kulturminister der DDR war, arbeitete als einer der wenigen freien Rechtsanwälte in Ostdeutschland. Bis heute werden immer Vorwürfe laut, Gysi habe der Stasi zugearbeitet, was Gysi jedoch energisch bestreitet. Der dreifache Vater lebt von seiner zweiten Ehefrau getrennt.

Herr Gysi, wird Deutschland von einer "Reformkommunistin" regiert?

Mir ist die CDU nicht als Hort des Reformkommunismus bekannt.

Die Autoren eines neuen Buches behaupten, Angela Merkel sei nicht Mitläuferin sondern "Funktionärin" des SED-Staates gewesen. Sehen Sie es genauso?

Es ist gewiss nicht meine Aufgabe, die Kanzlerin zu verteidigen, aber irgendwann muss mit solchem Schwachsinn auch mal Schluss sein.

Offenbar war die Kanzlerin FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Dass sie ein ziemlich normales Leben in der DDR mit all seinen Grautönen führte, wie inzwischen sogar die Bild-Zeitung erkannt hat, die doch sonst in Bezug auf die DDR nur schwarz und weiß kennt. Sie überschätzen auch die Rolle solcher FDJ-Funktionen in der DDR.

Wer in der DDR nicht auffallen wollte, musste auf der Hut sein und sich verstellen können. Helfen diese Eigenschaften beim Machterhalt in der Demokratie?

Das ist schon wieder so ein Vorurteil, das völlig negiert, dass das Alltagsleben in der DDR nicht aus permanentem Drangsal, aus Unterwerfung und Indoktrination bestand. Offenkundig fand Angela Merkel ihr Leben in der DDR ganz in Ordnung. Sie konnte ja auch nicht weg. Übrigens, als falscher Fuffziger kommt man in der Demokratie auch nicht eben weit.

Wie viel DDR steckt noch in Merkel?

Vielleicht sogar zu wenig, zumindest im übertragenen Sinn, denn ihr Engagement für ostdeutsche Belange ist doch sehr beschränkt. Es wäre gerade jetzt gut, wenn die Kanzlerin öffentlich deutlich machte, dass der Maßstab, den sie an ihr früheres Handeln anlegt, für alle Deutschen gilt und gelten muss. Dann müsste Bayern seine anachronistische Gesinnungsschnüffelei bei Bewerberinnen und Bewerber im öffentlichen Dienst endlich beenden. Ich bitte Sie: Dort werden Sie gefragt, ob Sie Mitglied im Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter waren. Angela Merkel hätte es dort schwer gehabt, Ministerin zu werden mit ihrer Biographie.

Ist die Kanzlerin für Sie eine Art Chamäleon, das sich jedem System anpassen kann?

Nein – und eine solche Bezeichnung würde auch ihrer innerparteilichen Durchsetzungsfähigkeit nicht gerecht.

Wolfgang Schäuble wollte nach der Wiedervereinigung alle Stasi-Akten vernichten lassen, um einen Neustart zu ermöglichen. War das eine gute Idee?

Das hat die Volkskammermehrheit anders entschieden und als Grundlage für die Forschung ist der Zugang zu den Akten wichtig. Nur muss man sie auch verstehen. Und ich finde, dass man im 23. Jahr der deutschen Einheit über ein Instrument wie die Regelanfrage dringend nachdenken muss.

Sie werden selbst immer wieder mit Stasi-Vorwürfen überzogen. Gehen die Westdeutschen zu vorurteilsbeladen und hart mit Ost-Biografien um?

Das ist nicht unbedingt eine Ost-West-Frage, sondern mehr eine, ob man bereit ist, den historischen Kontext und Gerichtsurteile zu respektieren. Aber vielleicht lernen ja im Moment gerade an Angela Merkels Beispiel einige dazu. Schauen Sie, die Bild-Zeitung attestiert der Kanzlerin, dass man ihr aus ihrem "nicht so schnurgeraden Weg" keinen Strick drehen kann. Eine späte, aber bemerkenswerte Einsicht.

Ist diese westdeutsche Mentalität ein hinreichender Grund für Ostdeutsche, über ihre Vergangenheit zu schweigen?

Man sieht lieber eine Aufarbeitung, wenn sie einen nicht betrifft. Aber es gibt inzwischen so viele Bücher, Filme und Alltagsgespräche, dass von einem Schweigen keine Rede sein kann.

Die Grünen haben angeblich ein Pädophilen-Problem, Merkel hat angeblich ein DDR-Problem, die Liste ließe sich fortsetzen: Liefert die Vergangenheit Stoff für den Wahlkampf, weil die Aktualität zu wenig hergibt?

Natürlich wird mit Vergangenem versucht, Politik zu machen. Allerdings kommt man damit nicht sehr weit. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn etwas instrumentalisiert wird und es gar nicht um Aufklärung geht. Eigentlich haben wir aber genug aktuellen Stoff für den Wahlkampf.

Haben Sie selbst mal mit Merkel über die DDR gesprochen - und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

Über die DDR? Das verlangte ja viel Zeit, dafür waren unsere Gespräche zu kurz.

Das Buch ... das die erneute Debatte über die DDR-Vergangenheit Merkels ausgelöst hat, haben die Autoren Günther Lachmann ("Welt") und Ralf Georg Reuth ("Bild") vorgelegt: "Das erste Leben der Angela M.", erschienen im Piper-Verlag.

Interview: Lutz Kinkel, Hans Peter Schütz
 
 
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