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Roth triumphiert, Özdemir gewählt

Sie dachte über Rücktritt nach - aber der "Candystorm" trug sie zur erneuten Kandidatur. Nun wählten die Grünen Claudia Roth mit 88,5 Prozent zur Parteichefin. Ein Akt politischer Entschädigung.

Von Lutz Kinkel

  So sehen Doch-noch-Sieger aus: Claudia Roth, 57, alte und neue Parteichefin der Grünen

So sehen Doch-noch-Sieger aus: Claudia Roth, 57, alte und neue Parteichefin der Grünen

Vielen Dank, hauchte sie. Vielen, vielen Dank. Und Claudia Roth verbeugte sich. So tief, dass klar wurde, dass ihr Dank an die Delegierten mehr als eine Phrase ist. 88,49 Prozent hatten ihr die Grünen auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover geschenkt. Ein herausragendes Wahlergebnis. Damit kann Claudia Roth nicht nur Parteichefin bleiben. Sie darf sich auch als Person bestätigt fühlen. Sie ist die Seele, die Supernanny der Grünen. Ohne sie geht es nicht. Das wollten ihr die Parteimitglieder mitteilen. Candystorm completed. Führungskrise abgewendet.

Roth hatte zuvor eine extrem kämpferische Rede gehalten, besser gesagt: in den Saal geschrien. Alles warf sie in die Waagschale: ihre Politik, ihre Arbeit, ihre Person. "Ihr müsst beantworten, ob das Vertrauen in mich und meine Arbeit noch da ist", rief sie. "Kämpfen kann ich, und das Nerven gewöhne ich mir auch nicht mehr ab." Der Saal tobte und erhob sich klatschend, als sie ihre Rede beendet hatte. Bonbons und Süßkeiten flogen, Parteifreunde umarmten sie, noch bevor das Wahlergebnis bekannt war. Es war schon klar: Sie hatte gewonnen. Die Frage war nur, wie hoch die politische Entschädigung ausfallen würde.

Candystorm: Mother's little helper

Diese Entschädigung war fällig geworden, nachdem die grüne Basis Roth vergangene Woche bei der Urwahl der Spitzenkandidatun zur Bundestagswahl beinhart durchfallen ließ. Sie bekam nur 26,2 Prozent der Stimmen - und stand im Ranking plötzlich sogar noch hinter der angeschlagenen Fraktionschefin Renate Künast. Roth, die normalerweise wie ein Paradiesvogel gekleidet ist, zog sich schwarze Klamotten an. Und dachte, wie Vertraute berichten, sehr ernsthaft über Rücktritt nach. Es war wohl tatsächlich allein der "Candystorm", der die 57-jährige zur erneuten Kandidatur bewegte, sprich: der explizite und öffentlich geäußerte Wunsch, sie möge nochmals für den Parteivorsitz kandidieren. Auch wenn es für Roth extrem schwer war zu akzeptieren, dass sie als Frontfrau nicht erwünscht ist, als Mutti der Kompanie aber sehr wohl.

Es habe "Stunden mit Schatten" gegeben, sagte Roth dazu in ihrer Rede. Aber: "Die Trauerzeit ist vorbei". Und: "Demokratie fängt immer bei einem selbst an" - auch wenn es schmerzhaft ist, hätte sie hinzufügen können. Damit war die Nabelschau aber auch beendet und Roth drosch mit Leidenschaft auf den politischen Gegner ein. Das letzte schwarz-gelbe Jahr habe begonnen, rief sie den Delegierten zu. Jetzt müssten alle nachhause gehen: die "Anti-Frauen-Ministerin" Kristina Schröder, der "Dampfplauderer" Peter Altmaier, Innenminister Peter Friedrich, Außenminister Guido Westerwelle, Agrarministerin Ilse Aigner. Sich selbst und die Grünen präsentierte Roth als soziale Alternative mit Herz. Für die Schwachen, für die Ausgegrenzten. Und gegen Nazis. Für dieses Engagement, das sie seit Jahrzehnten glaubwürdig vertritt, wird sie in der Partei geschätzt.

Özdemir auf Augenhöhe mit Roth

Beinahe zur Nebensache geriet in Hannover die Wahl ihres Covorsitzenden Cem Özdemir. Er wanzte sich in seiner Bewerbungsrede sehr ungeschickt an die plötzlich so populäre Roth ran. "Ich bewerb mich darum, der Mann an Claudias Seite zu sein", sagte Özdemir. Der Applaus für solche Sätze blieb jedoch matt. Schleißlich war allen klar, dass Özdemir und Roth nicht zusammenarbeiten, weil sie sich so lieb haben, sondern weil sie den Parteienproporz verkörpern. Frau und Mann, Linke und Realo. Özdemir bekam 83,3 Prozent der Delegiertenstimmen, auch ein gutes Ergebnis, das ihm erlaubt, mit Roth auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.

Roth erzählte in ihrer Rede übrigens noch einen Witz über sich selbst, den sie in der "taz" gelesen hatte: Wenn sich zwei Grüne zum Skatspielen treffen und nach einem dritten Mann suchen, wenn rufen sie an? Claudia Roth. "Ruft mich an", sagte die alte und neue Parteichefin dazu. "Ich komme. Aber nicht zum Skatspielen. Sondern zum 'Mensch ärger Dich nicht'."

Verfolgen Sie die Live-Tweets des stern-Kollegen Jens König von der Grünen-BDK in Hannover

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