HOME

Taxifahrt grün-braun

Die Grünen erproben ein modernes Deutschland: Mit der Wahl Cem Özdemirs zum Parteivorsitzenden setzen sie ein Zeichen für Integration. Doch nachts, nach dem Parteitag, steigt man ins Taxi. Und hört von Pilzgiften gegen verhasste Ausländer.

Von Lutz Kinkel, Erfurt

Ein rotes Herz klebt auf der Rückscheibe des Mercedes B-Klasse, das Zeichen des Erfurter Unternehmens "Taxi mit Herz". Der Wagen steht vor der Kongresshalle, in der sich jetzt, um ein Uhr morgens, der partywütige Rest des Grünen-Parteitags vergnügt. Die Taxifahrerin, die mit einer Kollegin quatscht, ist ein Klischee ihres Berufstandes: vielleicht Mitte Fünfzig, klein, stämmig, praktische Klamotten, blonde Strähnchen, Kippe in der Hand. "Die Renate Künast habe ich schon gefahren", sagt sie stolz. "Ist ja eine Prominente." Und den Cem Özdemir? Kenne sie auch, aus dem Fernsehen. "Der wird mal Präsident", flachsen wir, ihre Fahrgäste. "Nöö! Ich hab ja nix gegen Ausländer …" Aber? Aber.

Cem Özdemir, der "anatolische Schwabe", wurde ein paar Stunden zuvor unter großem Jubel gewählt. Ein Parteichef mit Migrationshintergrund, der erste in Deutschland - das gilt spätestens seit Barack Obama als Ausweis politischer Coolness. Die Grünen setzen auf ihn, auf sein noch vergleichsweise junges, unverbrauchtes Gesicht. Auf die Aura von Toleranz und Integration, die seine Wahl verströmt. Auch alle anderen Parteien hätten gerne eine solche Figur, die es ihnen erlaubt, nicht-deutschstämmige Wähler zu mobilisieren. Denn ihr Anteil wächst und wächst - inzwischen ist die dritte Generation der Einwanderer jenseits der Volljährigkeit.

Erfurts erster ausländischer Taxifahrer

Im Taxi, es geht Richtung City. "Wir haben jetzt einen ausländischen Taxifahrer hier", sagt die Fahrerin. Einen nur? "Ja. Und der soll weg, der hat hier nichts verloren. Ich fahre ja viele ausländische Gäste, aber ein Taxifahrer, nee. Fett ist der, soo einen Bauch. Den wollen wir hier nicht. "Entschuldigung, Sie lassen sich von ausländischen Gästen bezahlen, aber mobben einen ausländischen Kollegen raus? "Wer weiß, ob der überhaupt 'ne Erlaubnis hat, hier zu fahren. Bei denen weiß man doch nie. Der ist bei einem anderen Unternehmer, der macht lauter schmutzige Sachen." Haben Sie das mal überprüft, mal mit dem Kollegen gesprochen? "Komm' ich gar nicht ran."

Die Luft im Taxi wird dick und immer dicker. Die Taxifahrerin redet sich in Rage, sie wird laut, tritt aufs Gas, jagt durch das nächtliche Erfurt. Wie viele Kinder haben Sie? "Vier." Okay, wir wünschen Ihnen einen türkischen Schwiegersohn. Oder vielleicht einen Schwarzen. Was würden Sie sagen, wenn Sie einen schwarzen Schwiegersohn hätten, vielleicht behindert, sagen wir: einbeinig. "KOMMT MIR NICHT INS HAUS", kreischt die Strähnchen-Frau. "Nicht als Taxifahrer, es gibt auch keinen ausländischen Lokführer hier, UND NICHT IN MEINER FAMILIE." Doch, hilft. "Ich bin Pilzsammlerin", zischelt sie plötzlich, es klingt gepresst, zwischen Angst und Aggressivität schwankend, so als säße sie in einem Luftschutzbunker, und wollte erzählen, wo das Zyankali liegt, bevor die Russen kommen. "Ich weiß genau, welche Pilze ich ihm geben würde."

Okay, das war's. Fahren Sie rechts ran. "Wenn SIE mich provozieren!" 9,40 Euro.

Es ist dunkel. Eine Kreuzung irgendwo in Erfurt. Kein Mensch irgendwo. Nur die Rücklichter eines B-Klasse-Mercedes.

Tarek Al-Wazir, der hessische Grünen-Chef, feiert zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch in der Kongresshalle. Er hat innerhalb der männlichen Kandidaten das beste Ergebnis bei den Wahlen zum Parteirat eingefahren. Am Sonntag sollen Jürgen Trittin und Renate Künast zu den Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl 2009 gewählt werden. Vor der Tür, in Erfurt, werden Aufmärsche von Neonazis befürchtet. Es ist Volkstrauertag, und die Rechtsextremen wollen ein "Heldengedenken" an Soldaten, SS, SA inszenieren. Die Initiative "Mobit", an der sich Kirchen und Gewerkschaften beteiligen, zählte in diesem Jahr 56 Übergriffe und 108 Aktionen von Rechtsextremen in Thüringen.

Die Taxifahrerin ist vermutlich nicht beteiligt. Sie hat zu tun. Hunderte Gäste wollen vom Grünen-Parteitag abreisen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools