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Was ist Heimat?

Ist es ein Ort? Ein Gefühl? Im Zeitalter von Globalisierung, Wirtschaftskrise und Wertewandel entdecken viele Deutsche, wie wichtig es ist, sich irgendwo zu Hause zu fühlen.

Heimat ist mehr. Mehr als Heim, mehr als Heimstatt, mehr als Heimatstadt, mehr als Heimatland. Heimat ist eigen, konturlos, verschwimmend in Farben und Formen, ausufernd und ungreifbar wie ein Traum.

Heimat ist Heimat,

deutsch und unübersetzbar. "Heimat - A German Dream" heißt ein englisches Buch. Die Autorinnen versuchen ihren Landsleuten das deutsche Wort mit den Begriffen "homeland" und "roots" nahezubringen - der Ort der Verwurzelung. Er ist für jeden ein anderer: das geduckte Dorf im Hunsrück, der Krabbenkutter-Hafen in Friesland, die Mietskaserne mit vier Hinterhöfen in Kreuzberg, die hohen Wälder Thüringens, Bayerns Alpenpräludium, Fachwerk im Harz, das flache Tellerland der Küstenköge, die grünen Hügel Hessens, die schwarze Zechensiedlung im Ruhrgebiet, die ausgefransten Kiefern der Mark Brandenburg, die dunklen Tannen des Schwarzwaldes, Nordseewatt und Ostsee-Bodden, Inselstrand und Weinberge, Ströme und Fabriken, Werften, Sägereien, Marktplätze, Villenprotz und Backsteinstrenge, Glaspaläste, Kirchturmglocken und Türme, kleine Häuser, große Häuser - Orte, wo Wurzeln haften.

Aber Heimat ist noch mehr. Die Erinnerung gehört dazu, die ins unterbewusste Gedächtnis eingebrannte Mischung aus Geschmack, Geruch, Geräuschen, der Duft von Bratwurst und Rotkohl auf dem Küchentisch, das grelle Gelächter der Möwen im Himmel, der Schrei der Bussarde, die hohen Wolken, die Luft, die nach salziger See riecht, nach Autoabgasen oder dem Morgennebel über herbstlichen Wiesen. Heimat ist Weißwurst und Weizenbier, der Dialekt der Kindheit, das Klopfen der Skatkarten auf dem Wirtshaustisch, die Lieblingsmusik der Eltern, das Gutenachtgebet, der Geruch von Lebkuchen und Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und das Aroma der Sonntagsbrötchen.

Solange Heimat da ist,

spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert. Dann schmerzt die Lunge von Kneipenqualm und die Seele von Heimatverlust. "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen", schrieb Theodor Fontane. In der Fremde hat ihn jeder schon erlebt, diesen plötzlichen Wärmestrom, wenn aus dem Radio in Singapur eine Bachkantate dringt oder jemand im amerikanischen Fernsehen Rilke zitiert. Deswegen ist Heimat auch umso schöner, desto weiter weg sie ist. Aus der Ferne sieht man keine fahle Haut, keine Falten. Ferne verklärt und macht sehnsüchtig. Manchen so sehr, dass er ohne Heimat nicht mehr leben will. Er sei "erschöpft durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns" und resigniert, "nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet", schrieb der Emigrant Stefan Zweig, bevor er sich gemeinsam mit seiner Frau 1942 in Brasilien das Leben nahm.

Ihre Sprache ist für viele der wichtigste Teil der Heimat. "Wenn ich daheim bin, versteht mich jeder sofort", sagt der weltläufige Politiker Wolfgang Schäuble und bekennt, dass ihm diese "Geborgenheit in der Mentalität" wichtig sei. So wie Hermann Hesses Peter Camenzind, der nach langer Weltwanderung zurückkehrt in die Berge und das Dorf seiner Kindheit: "Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen." Keiner lacht heute mehr über solche Sätze.

Heimat: Es ist noch nicht lange her, da war das "Heidi" und "Der Förster vom Silberwald" und "Die Sennerin von St. Kathrein", da waren das die Vertriebenen und der Kanzler, der vor ihnen Durchhaltereden über "die Bindung an Werte und die urtümlichen Lebensformen unserer Heimat" hielt. Heimat, das waren Trachtengruppe und Blaskapelle, Spießigkeit und Goldschnittgemüt, der Nachhall von nationalem Pathos und das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte. Heimat war der erklärte Feind aller Spät-Achtundsechziger und anderer progressiver Weltbürger. Ihre Heimat war da, wo die Rechnungen ankommen. "Heimat", höhnte der "Spiegel", "das ist der Lindenbaum, unter dem Vater Staat und Mutter Natur einträchtig im Kreis ihrer Lieben beieinander sitzen und sich freuen, dass alles ist und bleibt, wie es immer war."

Dann kam 1984 "Heimat",

ein Titel so provokant wie programmatisch, die erste Staffel der TV-Chronik von Edgar Reitz über Schabbach, das fiktive Dorf im Hunsrück. Ein sensationeller Erfolg. 15000 Briefe erhielt Reitz. Jetzt, 20 Jahre später, folgt Teil drei der Heimat-Chronik (ab 15. 12., ARD), der die Jahre vom Fall der Berliner Mauer bis zur Jahrtausendwende beschreibt. Und der Wert von Heimat ist in diesen Jahren noch gestiegen. 56 Prozent der Deutschen geben an, dass Heimat "eher an Bedeutung gewonnen" hat, nur für 25 Prozent ist sie bedeutungsloser geworden. Längst sind auch die ehemaligen Spötter umgeschwenkt und heimgekehrt. Heimat ist salonfähig, vom Vertriebenentreffen bis zum Veteranenstammtisch des Frankfurter Häuserkampfes.

Warum? Jedenfalls nicht, weil das wieder vereinte Vaterland von einem neuen kollektiven Heimatgefühl erfasst wäre. Im Gegenteil. Die Atmosphäre im vergrößerten Heim der Deutschen ist ungemütlich geworden, muffig und frostig zugleich; so, als seien die Fenster zum Lüften lange nicht geöffnet worden, als stünden aber gleichzeitig zwei Türen weit offen, durch die scharfe Zugluft weht: Durch die eine wirbeln Investitionen und Arbeitsplätze hinaus, durch die andere ausländische Arbeitsemigranten hinein. Gleichzeitig haben viele Ostdeutsche Teile ihrer alten Heimat verloren, oft die Arbeit, manchmal nur die altvertraute Ost-Schrippe; aber der Verlust hat das Lebensgefühl erzeugt, sie seien Emigranten ohne Auswanderung.

In solch einem Deutschland, einem frostig gewordenen Heim, sucht man nach warmen Winkeln, nach einem Mansardenstübchen mit Kachelofen. "Zwei Sprachen Land entfernt verwandt", singt Herbert Grönemeyer, "an verschiedene Ufer gespült/zum gemeinsamen Gelingen verdammt/Heimat ist kein Ort - Heimat ist ein Gefühl."

Ein Gefühl ohne Heimat. Nur elf Prozent der Deutschen verbinden mit dem Begriff Heimat ihr Land. Für 89 Prozent werden Heimatgefühle ausgelöst von ihrer näheren Umgebung, von der Familie, dem Freundeskreis - dem geheizten Mansardenstübchen. In einem Internetforum lautet der Beitrag einer Vicky: "Wo ich mich geborgen fühle und Vertrauen habe, bin ich zu Hause. Heimat sind die Geborgenheitsnischen auf dem Lebensweg, in denen man dem eisigen Gegenwind entgehen, Kraft tanken kann, um ihm dann umso standhafter die Stirn zu bieten."

Manchmal aber muss

man die wärmende Nische der Heimat verlassen, um eine andere Heimat zu finden: den Ort, wo man Arbeit hat, sich verwirklichen und seine Familie ernähren kann, wo das Leben Sinngebung erfährt. Aus diesem Grund ist heute fast jeder Zehnte in der Bundesrepublik ein Ausländer, sie alle suchten Arbeit - und brachten ihre eigene Heimat mit. Denn auch sie brauchen die Geborgenheit gegen den eisigen Wind, der ihnen entgegenwehte. Darum riecht es auch in Schabbach nicht mehr nur nach Eichenwald und Erbsensuppe, sondern längst auch nach Döner und Kebab. Selbst im kleinsten Dorf gibt es nicht mehr Heimat, sondern Heimaten. Und je stärker der Druck auf sie wird, durch Kopftuch-verbote oder verordnete Leitkultur, desto erbitterter werden sie verteidigt.

Deswegen ist eine besondere Heimat nie über das Stadium des schönen Traumes hinausgekommen: "Heimat Babylon", das muntere Multikulti-Miteinander, das dem damaligen Frankfurter Stadtrat und heutigen Europa-Abgeordneten der Grünen Daniel Cohn-Bendit vorschwebte, als er 1992 sein gleichnamiges Buch herausbrachte. Eine Heimat, in der "Türken Türken und Taubenzüchter Taubenzüchter und Lesben Lesben bleiben können und alle friedlich miteinander leben". Und nebenher ein neues, übergreifendes Wir-Gefühl entwickeln. Schon damals hielt ihm der erfahrene Ethnologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt in einem Streitgespräch entgegen, dass "von den kleinsten Buschmann-Gruppen über große Stammesgesellschaften bis zu ganzen Staaten überall das Familienethos, die Geborgenheit und das Gesetz der Kleingruppe auf die Großgruppe übertragen wird. Dahinter scheint ja ein menschliches Grundbedürfnis zu stecken".

Je schärfer der Wind der Globalisierung weht, desto deutlicher äußert sich dieses Grundbedürfnis. Das ist der eigentliche Grund für die Heimat-Hausse. "Der Prozess, den wir mit Globalisierung bezeichnen, ist tatsächlich ein doppelter", schreibt der Sozialwissenschaftler Ralf Dahrendorf. "Während bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten immer weitere Räume zu ihrer Entfaltung brauchen und dabei jede Bodenhaftung verlieren, suchen Menschen immer kleinere Räume, in denen sie sich zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können."

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit

kann von verschiedenen Signalen ausgelöst werden; noch immer von dem eines Ortes und dem besonderen Zauber, den er mit seinem Duft, seiner Silhouette, seinem Licht auf den Menschen ausübt. "Heimatlob" hat Martin Walser sein Buch über den Bodensee genannt. "Unsere Hügel sind harmlos", schreibt er über die Transitlandschaft seiner Heimat, "der See ist ein Freund. Wir sind in tausend Jahren keinmal kühn. Unsere sanften Wege führen überall hin." Wolfgang Schäubles Heimkehr hat stets Natur zum Ziel, den Schwarzwald seiner Kindheit. "Ich sehe die Berge und die Täler. Und genieße es, allein zu sein, nichts zu hören. Dann entspanne ich. Ich bin zu Hause."

Zu Hause sein - warmes Gefühl in einer kalten Welt. Runaway-World, in der nichts hält und niemand Halt findet. Es sei denn, er hat Heimat. Durch Orte, Menschen, Glauben, den Kokon des Vertrauten, das Gefühl von Beständigkeit. Heimat - Cashmere für die Seele. "Heimat, Himmel, Heimkehr", besang Wolfgang Borchert seine Heimatstadt Hamburg, "Geliebte zwischen Himmel und Hölle, zwischen Meer und Meer; Mutter zwischen Wiesen und Watt, zwischen Teich und Strom; Engel zwischen Wachen und Schlaf, zwischen Nebel und Wind: Hamburg!"

"Heimat ist nichts Einfaches, ist immer widersprüchlich", sagt Regisseur Edgar Reitz. Ein Ton von Trauer und Melancholie schwingt stets mit. Denn die heimatlichste Heimat ist das Land der Kindheit, das Reich der Erinnerung. Bei allen Anfällen von Depressivität rette er sich in seine Heimat, in die Erinnerung an die Kindheit, bekannte Thomas Gottschalk: "Das ist Kulmbach, die Landschaft, der Rehberg, die Plassenburg, bildhafte Erinnerungen. Von der Pfarrkirche "Unsere liebe Frau" kommt mir der Altar in den Sinn, und ich erinnere mich an den abgestandenen Weihrauchgeruch, an dieses etwas langgezogene Orgelspiel des Herrn Hertl. In diesen Erinnerungen kann ich Ruhe finden, obwohl manches nur noch in Teilen besteht. Die Pfarrkirche existiert noch, der Herr Hertl nicht mehr. Die Strumpffabrik, die Färberei stehen nicht mehr, doch wenn ich an diesen Stätten vorbeigehe, zieht mir, einem Phantomschmerz gleich, immer noch der säuerliche Geruch der Färberei in die Nase. Diese Erinnerungen geben mir ein Gefühl der Vertrautheit, sie beruhigen mich. Niemand kann es mir nehmen - das ist meine Heimat." Thomas Gottschalk und seine Familie, die seit elf Jahren in Kalifornien lebt, bereiten die Rückkehr ins Land der Heimat vor; Gottschalk hat gerade das Schloss Marienfels am Rhein gekauft.

Heimat: Ort der Erinnerung,

des Innehaltens, des Beharrens und des Widerstands gegen den rasenden Wandel. "Es gibt etwas in unserer menschlichen Natur", sagt Regisseur Edgar Reitz, "das sich den permanenten Beschleunigungen widersetzt. Man kann das Wachstum eines Kindes nicht beschleunigen. Man kann die Entstehung eines Kunstwerkes nicht beschleunigen. Man kann das Gesundwerden oder das Krankwerden nicht beschleunigen. Man kann den Reifeprozess eines guten Weines nicht beschleunigen. Der Beschleunigungsrausch hat auch immer wieder in Sackgassen geführt. Man siegte sich zu Tode. Man begriff die Welt immer besser und verlor sie zugleich."

Im Gegensatz zur erinnerten Heimat ist die wirkliche - die doch Hort des Vertrauten und der Geborgenheit sein soll - anfällig für Veränderungen. Menschen sterben, Häuser werden abgerissen, Flüsse begradigt, Fabriken geschlossen, Windkraftanlagen gebaut. Heimat will Stillstand, den es nicht gibt. Das Leben will den Wechsel. Deswegen ist jede Heimat, kaum dass sie errungen wurde, immer auch schon verlorene Heimat.

Vielleicht ist Heimat eigentlich ein imaginärer Ort, der, an dem sich Nostalgie und Utopie umarmen. Ein Wunschtraum. Der Traum von einem Ort ohne Zeit, ohne Geschichte, ohne Gemeinheit, Bosheit und Niedertracht. Vielleicht findet man wahre Heimat immer nur, wie die in Afrika geborene und in Deutschland lebende Sängerin Senait Mehari, bei sich selbst.

Für Ernst Bloch,

den unverzagten Verfechter des Traums nach vorn und des Prinzips Hoffnung war Heimat allerdings viel mehr. Nicht weniger nämlich als das eigentliche große Ziel des Menschen. Hat der zu sich selbst und seinen Möglichkeiten gefunden - so endet Blochs großes Werk "Prinzip Hoffnung" -, dann wird in der Welt etwas entstehen, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".

Peter Sandmeyer/print
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