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Der Unvollendete

2009 führte er seine Partei zu historischen Erfolgen, doch der Rollenwechsel zum Außenminister fiel ihm schwer. Politisch hat Guido Westerwelle vielleicht nicht alles erreicht, was er sich erhoffte - in der Liebe schon.

Guido Westerwelle im Jahr 2012

Der damalige Außenminister Guido Westerwelle im Jahr 2012. "Ich habe zu viel gearbeitet", sagte er später über sein Leben.

Vor vier Monaten stellte Guido Westerwelle in Berlin sein Buch über den Kampf gegen den Blutkrebs vor. Er sprach leise, aber doch voller Zuversicht. Am Ende fragte ihn ein Journalist, welche Pläne er nun habe. Westerwelle sagte nur einen Satz: "Ich habe den Plan zu überleben."

Heute ist klar, der Plan hat sich nicht erfüllt.

Planbar war in diesem Ausnahmeleben noch nie besonders viel. Westerwelles Biografie ist voller Höhen und Abstürze. Doch bei seinen letzten Auftritten, in Berlin oder in der Talkrunde von Günther Jauch, erlebte das Publikum einen Guido Westerwelle, der in sich ruhte. Vorbei die Zeiten, in denen er immer etwas angestrengt wirkte, seine Sprache ein ewiger Superlativ.

Nun wirkte er versöhnt. Versöhnt mit seiner Abwahl als Außenminister, dem Verlust des FDP-Vorsitzes, mit all den "Parteifreunden", die über ihn herzogen, als die FDP an Zustimmung verlor. Auf die Frage, was er in seinem Leben bereue, sagte er vor ein paar Monaten nur eines: "Ich habe zu viel gearbeitet."

Politisches Ausnahmetalent und Vollblutrhetoriker

Über 30 Jahre lang lebte er für die Politik, für die FDP, seine Vorstellung der liberalen Idee. Seine ganze Karriere hindurch war er immer einer der Jüngsten, der Lautesten, der Forschesten. Dafür haben ihn die Leute verspottet, gehasst und gleichzeitig bejubelt. Fest steht: Er war ein politisches Ausnahmetalent, ein Vollblutrhetoriker. Vor wichtigen Reden trainierte er seine Stimme. Er konnte die Säle zum Kochen bringen - und genau das wollte er auch. Der historische Erfolg der FDP 2009 war sein Verdienst. Mit 14,6 Prozent brachte er die Partei auf ungeahnte Gipfel. Doch dann verkündete er die "geistig-politische Wende". Er wollte Geschichte schreiben und übernahm sich dabei. Politisch bliebt Guido Westerwelle ein Unvollendeter.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht war er selbst sein größter Gegner. Zu schwer fiel ihm der Rollenwechsel. Er flog zwar im Flieger der Bundesregierung, aber zu oft erinnerte er noch an den Mann aus dem Guidomobil. Es gelang ihm nicht, vom Oppositionsführer zum Außenminister zu reifen. Die Wähler und seine Partei haben ihm das nicht verziehen.

Als Diplomat predigte er die "Kultur der militärischen Zurückhaltung". Seine umstrittenste Entscheidung war die deutsche Enthaltung zum Libyen-Einsatz im UN-Sicherheitsrat. Westerwelle sah sich später durch den Lauf der Geschichte bestätigt. Die deutsche Außenpolitik langfristig zu prägen gelang ihm dennoch nicht. Mit der Westerwelle-Foundation wollte er seine Arbeit fortsetzen. Doch gerade, als er in sein neues Leben starten wollte, erhielt er die Diagnose: Leukämie.

Ex-FDP-Chef: Vom Rebell zum Minister - Westerwelles Leben in Bildern
Guido Westerwelle, damals Chef der Jungen Liberalen, auf einem Kongress 1986

Osnabrück 5. April 1986: Guido Westerwelle (Mitte) auf dem Kongress der Jungen Liberalen, deren Chef er seit drei Jahren ist. Auch sein großes Vorbild ist gekommen: Hans-Dietrich Genscher, der "ewige" Außenminister. Westerwelle hat damals wohl noch nicht zu träumen gewagt, dass er Genscher eines Tages im Amt nachfolgen würde. Rechts neben Westerwelle: der dänische Außenminister Uffe Ellemann-Jensen.

Unvollendet in der Politik, vollendet in der Liebe

So unvollendet sein Leben in der Politik war, so vollendet war es in der Liebe. Vor fünfeinhalb Jahren heiratete er den Sportmanager Michael Mronz. "In meinem Leben ist Michael nicht alles", schrieb Westerwelle in seinem Buch. "Aber ohne ihn ist alles nichts." Bis zuletzt regte er sich darüber auf, dass es noch immer Menschen gibt, die homosexueller Liebe absprechen, genau so tief und ernsthaft zu sein wie Liebe zwischen Mann und Frau.

Auf der Homepage seiner Stiftung ist heute ein Foto des Ehepaars zu sehen, ein Selfie der beiden, lachend am Strand. Dazu vier Zeilen: "Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt." Während seiner Therapie dachte Guido Westerwelle schon einmal, er müsse sterben. Als er damit rechnete, dass es zu Ende geht, erzählte er später, habe er gemerkt, "dass ich ein erfülltes Leben gehabt hatte."

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