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Reue, Treue - und ein Paukenschlag

Jetzt ist es raus: "KT" will zurück in die deutsche Politik, allerdings nicht zwingend zur CSU. Im Interview mit Zeit-Chef Di Lorenzo inszeniert sich Guttenberg, wie üblich, perfekt.

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

  Metamorphose vom Spieler zum Staatsmann: Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU

Metamorphose vom Spieler zum Staatsmann: Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU

Monatelang absolute Sendepause. Kein "KT", nirgends. Er begab sich, wie zuvor angekündigt, in eine Auszeit. Aber nun, nach acht Monaten, nimmt Karl-Theodor zu Guttenberg den Klöppel in die Hand und schlägt mit einer Wucht auf den Gong, dass es durch die ganze Republik hallt. "Ich komme zurück (wenn ihr wollt)", heißt die Botschaft. Das sagt er, expressis verbis, in seinem neuen Buch "Vorerst gescheitert", aus dem die "Zeit" zitiert. Zwei Sätze sind wichtig. "Ich bin viel zu verliebt in meine Heimat, als dass ich ihr einfach den Rücken kehren könnte." Und: "Dass ich ein politischer Mensch, ein zoon politikon bleibe, steht außer Frage." In Kulmbach, seinem alten Wahlkreis, planen jubelnde Anhänger schon das Fest anlässlich der Wiederkehr des verlorenen Sohnes. Für den Sommer 2012.

Das Hindernis, das den Exilanten bislang blockierte, die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit, hat er abgeräumt, ach was: Er hat es weggesprengt. Es ist wohl kein Zufall, dass das Buch und der Vorabdruck in der "Zeit" zeitlich mit der Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen Guttenberg zusammen fallen. Er muss 20.000 Euro an die Kinderkrebshilfe zahlen, das war's. Keine Vorstrafe, kein Eintrag ins Führungszeugnis. Und weil das Geld schon eingegangen sei, genieße Guttenberg ab sofort "Vertrauensschutz", sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hof zu stern.de. Das bedeutet: Sollten sich nicht grundsätzlich neue Erkenntnisse ergeben, kann kein deutsches Gericht den Fall wieder aufrollen.

Juristisch ist die Plagiatsaffäre somit beerdigt. Intellektuell nicht. Aber das liefert Guttenberg in seinem Interview-Buch nach. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, sein Gesprächspartner, hat ihm, das zeigt der Vorabdruck, mindestens 40 (!) Fragen zum Thema gestellt. Und Guttenberg quittiert sie mit einem mea culpa, einem mea maxima culpa. "Ich habe mit dem Abfassen dieser Doktorarbeit die […] denkbar größte Dummheit meines Lebens begangen. Ich bedaure und bereue das von Herzen." Ausführlich schildert der ehemalige Verteidigungsminister, dass er, eingezwängt zwischen Familie, Politik und Wissenschaft, völlig überfordert gewesen sei, chaotisch gearbeitet und den Überblick verloren habe. Guttenberg zeiht sich des "Hochmuts" und der "Eitelkeit", er schwört, keinen Ghostwriter gehabt zu haben. Nur eines mag er nicht einräumen: die vorsätzliche Täuschung, die ihm die Uni Bayreuth vorwirft: "Wenn ich die Absicht gehabt hätte zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist." Aber wer wird diesen Aspekt künftig noch diskutieren?

Schließlich geht es doch um mehr. Um viel mehr, wie die Interviewpassage zu "Alte Parteien, neue Parteien?" demonstriert. Guttenberg beschreibt den fortschreitenden Niedergang der Volksparteien, auch der CSU, und definiert die Lücke, in die er passt. "Den Menschen mangelt es in der Politik generell an Köpfen, die für gewisse Inhalte stehen. Die bereit sind, für Inhalte zu streiten, und nicht die Segel streichen, wenn der Wind mal sehr eisig bläst." Sind das nicht genau die Qualitäten, die Guttenberg für sich beansprucht? Mit denen er - gegen das Programm der Union und gegen seinen Parteichef Horst Seehofer - das Ende der Wehrpflicht durchgesetzt hat? Auf die CSU angesprochen, reagiert der Freiherr indes bemerkenswert verhalten. "Ich bin zurzeit Mitglied einer Partei", sagt er, ohne das "zurzeit" weiter zu erläutern. Dafür formuliert er überraschend präzise, wie sich eine neue, konservative Partei formieren ließe: "Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand abschrecken." Auf die Frage, ob er bereits von Leuten kontaktiert wurde, die eine neue politische Partei gründen wollen, sagt er: "Es finden manchmal die lustigsten und skurrilsten Kontakte statt."

Das lässt sich als Gedankenspiel werten, aber auch als Drohung an die CSU verstehen: Ruft mich, sonst heuere ich woanders an. Fakt ist, dass sich Guttenberg innerhalb des nächsten halben Jahres entscheiden muss, wollte er für den Bundestag oder den bayerischen Landtag kandidieren - für welche Partei auch immer. Die Aufstellung der Wahllisten ist im Herbst 2012 abgeschlossen. "Er gehört zu uns, wir wollen ihn", lässt sich CSU-Chef Horst Seehofer an diesem Mittwoch zitieren. Und der Landtagsabgeordnete Alfred Sauter sagt stern.de verschmitzt: "Für viele war er doch noch gar nicht weg." Doch diese Bekenntnisse sind mit Vorsicht zu genießen: Seehofer ist zwar in Bedrängnis und könnte den Charismatiker Guttenberg gut gebrauchen, um die CSU vor einem Einbruch bei der Landtagswahl 2013 zu bewahren. Aber er hat auch die Macht Guttenbergs unangenehm zu spüren bekommen. Noch im vergangen Jahr hätte der Freiherr nur mit dem Finger schnippen müssen, um Seehofer zu demolieren.

Offiziell hält sich Guttenberg alle Option offen: Wann er wiederkommt, in welcher Funktion. "Ich schließe nichts aus, aber es gibt bislang keine konkrete Intention", sagt er. In der CSU wird sein Vorstoß - der Auftritt in Halifax, das Interview, das Buch - als kühl kalkulierter Test verstanden. Guttenberg wolle ausloten, wie Medien und Partei auf ihn reagierten, heißt es. Genau das wolle auch die Führungsspitze der CSU wissen, sagt einer, der Seehofer nahesteht. Die Inszenierung und das Timing seines Vorstoßes sind Guttenberg jedenfalls - mal wieder - exzellent gelungen: Die lausbübische Harry-Potter-Brille ist weg, das Yuppie-hafte Gel im Haar ebenso. "Während der drei Tage in London [wo das Interview für das Buch stattfand, Red.] spricht Guttenberg die meiste Zeit ohne ein Lächeln, oft mit verschränkten Armen. In sein Gesicht hat sich ein harter Zug eingegraben", schreibt die "Zeit" in einem kleinen Begleittext zum Interview.

Das ist die öffentliche Metamorphose. Vom Aufsteiger, Spieler und Blender zum ernsthaften Staatsmann. Wäre nicht auch diesmal jedes Detail seines Auftritts so ausgeklügelt - man würde es ihm glatt abkaufen.

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