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Der unbewusste Minister Karl-Theodor

Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz in der Copy&Paste-Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg. Was ist unstrittig? Was sagt der Minister? Was ist davon zu halten? Das Ergebnis fällt eindeutig aus.

Eine Analyse von Frank Thomsen

In der Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg ist fast alles gesagt und geschrieben worden, was zu dem Fall zu sagen ist. Selten geschieht das in ruhigem Ton. Empörung treibt die Verteidiger des Verteidigungsministers ebenso wie seine Kritiker. Viele Nebenkriegschauplätze werden da eröffnet, die mit der Sache nichts zu tun haben. Es ist höchste Zeit, das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen und knapp zwei Wochen nach ihrem Beginn den Kern der Copy&Paste-Affäre herauszuarbeiten. Wer diesen Kern vor sich sieht, kann nur noch zu einem Urteil kommen: Guttenberg muss zurücktreten.

Doch der Reihe nach.

Der Vorwurf gegen Guttenberg

Der Vorwurf lautet: Guttenberg hat weite Teile seiner Doktorarbeit von anderen Autoren übernommen. Dank der Onlineseite "Guttenplag Wiki" kann jedermann, der sich eine Viertelstunde Zeit nimmt, stichprobenartig nachvollziehen, wie freimütig Doktorand Guttenberg abgekupfert hat. Als Quellen missbraucht hat er Artikel aus Zeitungen, Erstsemester-Hausarbeiten, Ausarbeitungen der Bundestagsverwaltung und viele mehr. Nach bisherigem Erkenntnisstand sind mehr als 20 Prozent aller Textzeilen der Doktorarbeit nicht von Guttenberg selbst erdacht, sondern von anderen übernommen, ohne dies richtig kenntlich zu machen. Ein Fünftel! Oder, noch genauer: 27 Seiten der Arbeit sind laut "Guttenplag Wiki" "Komplettplagiate" aus anderen Quellen, 35 Seiten "verschleierte Plagiate". Das sind Textstellen, die von anderen Quellen abstammen, aber mehr oder weniger stark umformuliert wurden - womöglich eben, um ihre Herkunft zu verschleiern. Hinzu kommen weitere Fundstellen.

Das Unstrittige der Copy&Paste-Affäre

Unstrittig ist, dass die Arbeit nicht ausreichend ist, um einen Doktortitel dafür zu bekommen. Die Uni Bayreuth hat Guttenberg diesen Titel vergangene Woche aberkannt. Sie hat sich damit krass korrigiert, denn ursprünglich hatte sie für die Arbeit ein "Summa cum laude" vergeben, eine 1 +. Nun also ist es eine 5.

Unstrittig ist auch, dass die Arbeit in weiten Teilen aus Passagen besteht, die von anderen Autoren stammen. Guttenberg hat zwar bei der Fragestunde im Bundestag einmal eher pauschal erwähnt, dass nicht alles, was auf "Guttenplag Wiki" steht, stimmen muss. Und da wird er sicher recht haben. Aber es gibt niemanden, der sich mit der Sache befasst hat - auch nicht Guttenberg selbst -, der bestreitet, dass es die Übernahmen aus anderen Quellen gibt. Im Gegenteil, auch Guttenberg gesteht, dass die Arbeit gravierende Fehler, wie er es nennt, enthalte, und wissenschaftlich nicht haltbar sei.

Unstrittig ist zudem, dass Guttenberg bisher immer nur so viel Schuld eingeräumt hat, wie nötig war. Als niemand seine Arbeit anzweifelte, schmückte er sich mit dem Doktortitel. Als die Affäre wie eine Petitesse wirkte, nannte Guttenberg das Ganze "abstrus". Dann wollte er vorläufig auf den Titel verzichten. Dann endgültig. Dann räumte er ein, schwere Fehler gemacht zu haben.

Klar also ist: Guttenberg hat weite Teile seiner Arbeit bei anderen abgeschrieben und wollte nicht, dass das herauskommt.

Die Ablenkungsmanöver der Guttenbergianer

Weil der Vorwurf so klar formuliert und so gut belegt ist, reden die Guttenbergianer - Parteifreunde, persönliche Freunde und die "Bild"-Zeitung - nur selten zur Sache. Zur Verteidigung verwenden sie zwei verschiedene Strategien:

1. Ablenken: In diese Kategorie fällt das Wort der Kanzlerin, sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Assistenten eingestellt. Aber auch: Es gebe Wichtigeres in diesem Land. Guttenberg mache einen tollen Job. Er ist ja so beliebt. In Afghanistan sterben Soldaten. - Das ist alles richtig. Es hat mit der Affäre aber nichts zu tun.

2. Verniedlichen: Der Vorwurf wird, anders geht es ja auch nicht, eingeräumt, dann aber sofort kleingeredet. Bedauerliche Fehler! Guttenberg hat sich entschuldigt und den Titel zurückgegeben! Mal ehrlich, haben wir nicht alle schon mal abgeschrieben? - Diese Strategie ist geschickt, sie verfängt bei vielen Menschen. Angesichts der unstrittigen Vorwürfe ist es aber nur geschickte PR. Verbale Nebelkerzen, die den Kern der Affäre umhüllen sollen.

Die Verteidungslinie Guttenbergs

Auch Guttenberg wirft viele Nebelkerzen. Dazu zählt sein Barmen, er sei ein junger Familienvater gewesen, er habe nächte- und jahrelang an der Arbeit gesessen. Auch er verweist gern auf die Toten in Afghanistan, um von sich abzulenken. Und er geriert sich so, als wäre seine Reaktion - Wenn ich beim Täuschen erwischt werde, entschuldige ich mich - vorbildlich für dieses Land. Das ist alles Quatsch, es trägt zur Aufklärung nichts bei.

Zum Kern der Vorwürfe sagt Guttenberg:

Mir sind "gravierende handwerkliche Fehler unterlaufen".

"Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht."

Ich habe "teilweise den Überblick über die Quellen verloren".

"Ich habe (...) weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht."

Ich habe die Arbeit selbst verfasst.

Der Kern der Affäre

Die fünf zentralen Verteidigungssätze zu Guttenbergs, die die Guttenbergianer begeistert übernehmen, folgen alle einem Muster. Es lautet: Ja, es steht viel Mist drin in der Arbeit, die von mir stammt, aber ich habe das nicht bewusst gemacht, nicht absichtlich, nicht vorsätzlich.

Damit läuft Guttenberg haarscharf vor der entscheidenden Grenzlinie der Affäre entlang: Hat er Recht, war alles nur die Eselei eines Überforderten - Schwamm drüber! Fehler macht doch jeder mal. Nun endlich auch der ach so perfekte Karl Theodor zu Guttenberg. Macht ihn noch sympathischer.

Jenseits der Grenze stehen das Bewusste, die Absicht, der Vorsatz - und, noch schlimmer, die Möglichkeit, dass Guttenberg die Doktorarbeit gar nicht selbst geschrieben, sondern hat schreiben lassen. Wer ein Fünftel seiner Doktorarbeit bei anderen abschreibt und dies in vollem Bewusstsein tut, mit Absicht, vorsätzlich oder wer sich eine Doktorarbeit schreiben lässt, der ist ein Betrüger. Dem ist nicht mehr zu trauen. Ist es noch dazu jemand, der so viel Wert auf Glaubwürdigkeit und Anstand legt wie Guttenberg, hat er alles verspielt. Ihm bleibt nur eins: der Rücktritt.

Die Kernfrage: Unbewusst oder bewusst?

Laut Guttenplag Wiki und unwidersprochen ist ein Fünftel der Arbeit Guttenbergs aus anderen Quellen geklaut; Absatz für Absatz; komplette Textpassagen; teils liebevoll leicht umformuliert: Geht so was "unbewusst"? Wer immer sich schon mal mit einem längeren Text gequält hat, weiß sofort die Antwort: Nein, das geht nur bewusst. Man muss dafür die bewusste Entscheidung treffen, Fünfe gerade sein zu lassen. Man muss sehr bewusst abschreiben oder auf die Copy&Paste-Tasten drücken. Man weiß - zumal, wenn man Jura studiert! - dass man das nicht darf. Man fühlt sich beschissen dabei oder ist völlig skrupellos. Man weiß anders nicht mehr weiter. Man kommt nicht zurande mit dem Werk. Es ist die letzte Flucht. Man will das nicht. Aber man kann nicht anders. Wird schon keiner merken.

Natürlich, man kann einwenden, dass Guttenberg nicht so blöd ist, so hemmungslos abzukupfern, er hätte doch wenigstens die Spuren geschickter verwischen müssen. Tja, entweder war die Verzweiflung groß. Oder Guttenberg sagt nicht die Wahrheit, und die Arbeit stammt doch von jemand anders.

Ein unbewusstes Plagiat in der Guttenbergschen Dimension - das ist wie ein schwarzer Schimmel. So etwas gibt es nicht.

Ein unbewusster Minister - so etwas gibt es auch nicht.

Der Fall Guttenberg hat ein kurioses Stadium erreicht: Immer mehr Menschen, die sich etwas ausführlicher mit dem Fall befassen, sehen: Dieser Baron trägt keine Kleider. Die Kanzlerin, Horst Seehofer und Guttenberg selbst wollen aber immer noch allen weismachen: Ja, schön sind sie nicht, die Kleider, aber er hat doch was an.

Wann werden alle sehen, dass Guttenberg nackt dasteht?

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