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Kommentar

Hamsterkäufe? Viel Aufregung um nichts

Die Erregungsgesellschaft in voller Fahrt: Seit bekannt ist, dass die Bundesregierung in einer Neufassung des Zivilschutzgesetzes das Anlegen privater Vorräte empfiehlt, wird gespottet oder Kriegsvorbereitung vermutet. Dabei hat sich gar nichts geändert.

Hamsterkauf - Vorräte in einem Kellerregal für Zivilschutz-Zwecke

Neufassung des Notfall-Konzept: Die Vorratshaltung aus Gründen des Zivilschutzes wird als Hamsterkauf missverstanden

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Zwei Militärblöcke stehen sich in tiefem Misstrauen gegenüber. Ihre Führer kennen nur noch eine einzige Strategie: Gegenseitige Abschreckung durch permanentes Hochrüsten. Ob es wirklich funktionieren wird, weiß keiner. Drückt jemand auf den roten Knopf, dann war's das mit dieser Welt. Aus Angst davor gehen die Menschen für Abrüstung und einen dauerhaften Frieden auf die Straße. Man lebt mit der Ungewissheit und Atomraketen im Vorgarten. Jedes Kind weiß, wie sich Flieger- und Atomalarm anhören und was dann zu tun ist. Und jeder weiß, dass man für den Fall der Fälle einiges vorrätig halten sollte: Verpflegung für einige Tage, ein Transistorradio mit Ersatz-Batterien für Informationen und ein paar Kerzen und Streichhölzer, um Licht zu haben, wenn der Strom ausfällt.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Richtig, das ist die Realität in Deutschland in den frühen 80er-Jahren - jenem Jahrzehnt, das heute so manchem vor allem als Dekade der Schulterpolster, Oversize-Mode und Kult-Hits gilt. Es ist aber auch die Zeit der zementierten deutschen Teilung, der atomaren Abschreckung zwischen Nato und Warschauer Pakt, des Nato-Doppelbeschlusses und der Friedensbewegung, die seinerzeit Hunderttausende zum Protest mobilisieren konnte. Kurz: Es ist die Zeit des Kalten Krieges, und damit die Zeit der latenten, aber realen Bedrohung.

Checkliste für den Hamsterkauf

Dass sich damals jemand über die Vorgabe, für den "Ernstfall" gewappnet zu sein, je echauffiert hätte, ist nicht bekannt (was auch daran liegen mag, dass es keine sozialen Medien gab). Genauso wenig war es üblich, tatsächlich über das normale Maß hinaus Dinge vorrätig zu halten. Das taten eher Sonderlinge. Durch das Ende des Kalten Krieges ist die dringende Empfehlung im Zivilschutzgesetz, zum eigenen Nutzen für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, lediglich in Vergessenheit geraten, sie gilt aber nach wie vor. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hält seit jeher eine Broschüre mitsamt Checkliste vorrätig - übrigens auch online.

Man kann ja gerne über Hamsterkäufe spotten. Ob man private Vorräte anlegen will oder nicht, bleibt letztlich sowieso jedem selbst überlassen. Das ist auch nicht der Punkt. Entscheidend ist, dass die Bundesregierung an einer Novelle des Zivil- und Katastrophenschutzes arbeitet. Denn das ist mehr als überfällig - hat sich doch seit den 1980ern nun wirklich Etliches verändert: Cyber-Kriminalität, Cyber-Krieg, eine deutlich größere Terror-Bedrohung, extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel etc. Wenn man unbedingt will, kann man in der Planung von Zivilschutz-Maßnahmen Panikmache, totalen Quatsch oder gar Kriegsvorbereitung erkennen. Es nicht zu tun, wäre trotzdem nur eines: unverantwortlich.

Kein Internet, kein Handy, keine Verpflegung

In einem echten Ausnahmefall stehen wir alle ohne Strom (und damit ohne Internet), ohne Handy-Netz, früher oder später ohne Verpflegung und weitere Versorgung da. Es kann dauern, bis in einem solchen Fall Hilfe kommt. Darauf kann sich jeder einzelne ein klein wenig vorbereiten. Diesem Zweck dient das Notfall-Konzept, und das tat es auch bisher schon. Nicht mehr, vor allem aber nicht weniger.


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