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So macht man Werbung für die AfD

Bei "Hart aber fair" sollen die Konsequenzen der Silvesternacht von Köln diskutiert werden. Heraus kommt eine Kombination aus islamfeindlichem Halbwissen und Hilflosigkeit.

Von Alina Schwermer

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft

Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hatten keine konkreten Vorschläge für die Zukunft bereit

Spätestens nach den ersten zehn Minuten der Sendung war klar, auf welche Diskussion Frank Plasberg hinauswollte. Er sprach mit einer Frau, die in der Silvesternacht am Hauptbahnhof sexuell bedrängt worden war. Sie sprach eindrücklich von der beklemmenden Erfahrung, vom fehlenden Gefühl der Sicherheit und kompletter Abwesenheit von Polizei. Den Moderator aber interessierte vor allem eines: Ob sich durch die Vorfälle ihre Meinung verändert habe zu "Ausländern, Flüchtlingen, Migranten". Die Frau sagte, ihre Haltung habe sich nicht geändert. Das brachte Plasberg keine Sekunde von der Linie ab. Er wandte sich an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft mit der Frage, ob sie "persönlich enttäuscht" sei von "Menschen, die, so dachten wir, in Deutschland ein besseres Leben gewünscht" hätten. Es ging also um die großen Gefühle, um Enttäuschung, Angst und die Überraschung, dass es tatsächlich auch unter Flüchtlingen nicht nur nette Menschen gibt.

Der Hinweis der Grünen Renate Künast gleich zu Anfang, beim Thema sexuelle Gewalt die Frauen nicht zu vergessen, ging unter, ebenso wie die Mahnung des "Süddeutsche Zeitung"-Journalisten Heribert Prantl, den "stinkenden Rassismus" in Deutschland nicht zu übersehen. Keine Sekunde ging es um die Instrumentalisierung der Vergewaltigungen in der Silvesternacht oder die stetig wachsende Hetze gegen Muslime. Es ging um Flüchtlinge. Und es wurde kräftig betont, man wollte nicht pauschalisieren, um dann doch ziemlich pauschal zu werden.

Schröders Weltbild

Neben Prantl, Kraft und Künast wurde die Runde durch Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, und Ex-Familienministerin  Kristina Schröder (CDU) komplettiert. Schröder war angesichts des Ziels, die Silvesternacht mit der Flüchtlingsdebatte zu verknüpfen, ein Glücksfall. Während alle anderen Teilnehmer, von Wendt einmal abgesehen, sichtlich darauf bedacht waren, keine taktischen Fehler zu begehen und weder Flüchtlingshelfer noch Flüchtlingsgegner zu verprellen, palaverte Schröder munter drauflos in Sachen Islam-Vorurteile. So ließ sie den Zuschauer wissen, dass bei "arabisch-muslimischem Hintergrund" ein "Gefühl von Ehre und Gewalt miteinander verwoben" sei. Erwartungsgemäß häufig wurde auch ein Zusammenhang zwischen patriarchalischen Strukturen und Islam beschworen. Dass es patriarchalische Strukturen (inklusive massiver sexueller Gewalt an Frauen) ebenso im christlichen Südamerika oder im hinduistisch geprägten Indien gibt, schien nicht in Schröders Weltbild zu gehören.

Wenig Erkenntnisgewinn noch Lösungsansätze

So zeigte die Diskussion vor allem, wie salonfähig Ressentiments seit Köln geworden sind. Darüber hinaus gab es wenig Erkenntnisgewinn oder Lösungsansätze. Hannelore Kraft räumte eine "falsche Lageeinschätzung" ein, was ohnehin allen klar war, und versprach floskelhaft Aufklärung und Fehleranalyse. Vor allem Prantl und Künast beeilten sich, nach hartem Durchgreifen, Schließen von Gesetzeslücken und sofortiger Bestrafung der Täter zu rufen, auch, wenn Polizeigewerkschaftler Wendt immer wieder darauf hinwies, dass man ein Gros der Täter von Köln wahrscheinlich nie identifizieren werde. Auf die Sache mit den Gesetzeslücken bei Vergewaltigung wollten sie natürlich alle als Erste gekommen sein, Künast, Kraft und Schröder. Und das mit dem patriarchalischen Problem des Islam, das hätten sie schon lange gewusst. Gut, dass man das jetzt endlich sagen dürfe. Dass das mit der Integration schwer würde? Da hätten sie alle schon seit Monaten drauf hingewiesen.

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Konkrete Vorschläge für die Zukunft hatte indes niemand bereit. Statt ruhiger Logik gab's viel Gefühl, sowohl in die eine Richtung (Tenor: Wir holen uns tausende potenzieller Vergewaltiger rein) als auch in die andere (Tenor: Wir sind die letzte Bastion der Menschenrechte in Europa). Obwohl sie schon eher skeptisch klangen. Auf eine Obergrenze à la Seehofer wollte sich dennoch niemand festlegen, nicht mal Kristina Schröder. Die sorgte kurz darauf unfreiwillig für Gelächter, als sie das Scheitern der Integration prophezeite, gleichzeitig aber Merkel als Kanzlerin verteidigen wollte. Auch die anderen Teilnehmer schienen sich nicht sicher, ob sie Wutbürger-Sprech oder "Wir schaffen das" an den Tag legen sollten. Die Kombi aus beidem wirkte dann eher hilflos. So macht man Werbung für die AfD.

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