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"Hartz IV gehört abgeschafft"

Die Jobcenter-Angestellte Inge Hannemann kritisierte das System Hartz IV und wurde suspendiert. Am Freitag verhandelt das Hamburger Arbeitsgericht den Fall. "Ich bereue nichts", sagt sie im Interview.

  Die Ex-Mitarbeiterin des Hamburger Jobcenters, Inge Hannemann, lehnt das Hartz-IV-System als menschunwürdig ab - und verlor deshalb ihren Job.

Die Ex-Mitarbeiterin des Hamburger Jobcenters, Inge Hannemann, lehnt das Hartz-IV-System als menschunwürdig ab - und verlor deshalb ihren Job.

Jahrelang arbeitete Inge Hannemann in einem Jobcenter in Hamburg. Bis sie in ihrem Blog öffentlich das aus ihrer Sicht menschenverachtende System kritisierte, das Hartz-Bezieher mit Sanktionen belegen kann. Ihr Arbeitgeber suspendierte sie, Hannemann avancierte zur Hartz-IV-Rebellin. Am Freitag kommt es zur Hauptverhandlung vor dem Hamburger Arbeitsgericht.

Frau Hannemann, vor einem Jahr waren Sie noch eine normale Angestellte im Jobcenter. Dann wendeten Sie sich öffentlich gegen die bestehende Sanktionspraxis und wurden zur Hartz-IV-Rebellin. Am Freitag wird ihr Fall vor dem Arbeitsgericht verhandelt. Bereuen Sie mittlerweile, dass Sie nicht einfach weiter brav Ihren Job gemacht haben?
Nein, ich bereue überhaupt nichts. Ich würde das immer wieder tun. Ich habe viel Solidarität erfahren - durch die Partei der Linken, die Piraten, zum Teil auch die Grünen, einzelne SPDler, Sozialverbände und Gewerkschaften. Ich habe das Gefühl, es werden immer mehr.

Sie sind von einem kleinen Rädchen im System Hartz IV zu einer Aktivistin für dessen Abschaffung geworden. Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Ich halte bundesweit Vorträge, bin in Arbeitskreisen aktiv, treffe mich mit Politikern. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet. Feierabend gibt es wenig, auch nicht am Wochenende. Das ist für mich aber positiver Stress. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass ich ausgelastet bin und gefordert werde.

Was möchten Sie erreichen?
Hartz IV gehört abgeschafft. Mein Wunsch wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne Repressionen und Kürzungen. Denn wenn den Leuten das Geld gestrichen wird, werden sie obdachlos, können ihre Medikamente nicht kaufen, können gar nichts mehr machen. Das Mindeste wäre die Rückkehr zum alten System mit Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren alten Kollegen?
Ich habe bundesweit Kontakte zu Kollegen. Bei den Vorträgen sind in der Regel welche dabei, die sich dann hinterher outen. Kollegen aus Hamburg treffe ich nicht öffentlich, weil die sonst Probleme bekommen. Wenn wir vor dem Jobcenter für einen Beitrag drehen, kommt mal einer raus und hält den Daumen hoch oder ruft "weiter so", aber die meisten halten sich eher bedeckt, weil sie Angst vor Mobbing, schlechten Beurteilungen oder Kündigung haben. Viele sind aber meiner Meinung.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie etwas bewirken?
Auf jeden Fall habe ich eine bundesweite Diskussion ausgelöst. Ich habe das Gefühl, dass nicht mehr so viel gehetzt wird gegen Hartz-IVler. Meine Petition zur Abschaffung der Sanktionen hat die erforderlichen Stimmen erreicht, und ich werde am 17. März im Petitionsausschuss angehört. Bei der Bezirkswahl in Hamburg trete ich im Mai als parteilose Kandidatin für die Linken an. Ich hoffe, dass ich bei dem Thema noch mehr pieksen kann, wenn ich direkt in der Politik bin.

Sollten Sie vor dem Arbeitsgericht gewinnen, wollen Sie dann überhaupt wieder im Jobcenter arbeiten?
Man wird mich nicht lassen, aber ja, das würde ich tun. Dann hätte ich zumindest meine Erwerbslosen, die ich gut beraten kann. Ich müsste natürlich mit Mobbing rechnen von Kollegen oder der Führung, aber das würde ich in Kauf nehmen.

Interview: Daniel Bakir
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