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6. Juni 2007, 17:30 Uhr

Die Protestler, der Zaun und der Bulle

Die Gipfelgegner triumphieren: Mit Tricks und Finten haben sie es geschafft, einen der wichtigsten Zugänge nach Heiligendamm zu blockieren. Die Mehrheit feiert friedlich den Erfolg - und bleibt sitzen. Andere dringen darauf, den Zaun zu stürmen. Eine Reportage von Florian Güßgen, Bad Doberan

Die G8-Gegner blockieren eine Straße in der Nähe des Tagungsgeländes© Fabrizio Bensch/Reuters

Johannes Lampen ist sauer. Und wie. Seine Felder haben sie zertrampelt, die Elektrozäune niedergerissen. Und jetzt muss er das Vieh einfangen: 150 Rinder insgesamt, zehn davon Ochsen. Und das ist noch nicht alles. Was soll nur geschehen, fragt der Öko-Landwirt, wenn die alle wieder zurückwollen. "Ich habe auch etwas gegen die Globalisierung", schimpft er. "Da stimme ich ihnen ja zu. Aber müssen sie deshalb unsere Felder zerstören?" Wenn die Demonstranten sich zurückzögen, bittet er, sollten sie doch bitte über die Straße gehen, keinesfalls über seine Felder.

"Wir haben Ausrüstung für mehr als 24 Stunden

Aber noch wollen die Demonstranten nicht gehen. Im Gegenteil. Sie haben alles unternommen, um es bis hier zu schaffen, haben tagelang geplant, haben sich Tricks und Finten einfallen lassen. Jetzt sitzen sie hier, 2000 oder 3000 Leute, auf der Lindenallee, der Zufahrtsstraße von Bad Doberan nach Heiligendamm, dem Tagungsort der G8. Und sie sitzen auf den Gleisen der Schmalspurbahn "Molli." Unmittelbar vor ihnen liegt der Zaun, liegt der Check-Point, wo eigentlich die wichtigen G8-Delegationen mit ihren schwarzen Limousinen durch sollen. Aber hier ist kein Durchkommen. Hier wird blockiert. Für die G8-Gegner ist das ein Riesenerfolg. "Wir haben Ausrüstung und Verpflegung für mehr als 24 Stunden", sagt einer der Organisatoren des "BlockG8". Nein, hier wollen sie nicht weg. Auch nicht über die Felder des Bauern Lampen. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Der Erfolg der Demonstranten ist eine Sensation

Eigentlich gehört das Gebiet hier, direkt vor dem Zaun, zur Demonstrationsverbotszone. Bis gestern war die Auffahrtsstraße von der Polizei bestens bewacht. Aber an diesem Mittwoch sind die Demonstranten, oh Wunder, nicht über die Straße gekommen. Morgens sind sie von ihren Camps aufgebrochen, von Reddelich südlich von Heiligendamm etwa, sind zunächst ein paar Kilometer auf der Bundesstraße gelaufen, und haben sich dann durch die Landschaft geschlagen. Zuerst durch den Wald, dann über die Felder, bis zum Checkpoint an der Galopprennbahn. Anfangs haben sie hinter sich noch Barrikaden aus Baumstämmen und Ästen hinterlassen. Am Ende war das nicht nötig. Auf dem Weg, während des einstündigen Fußmarsches durch die schwüle Hitze hat sie niemand aufgehalten. Eine Sensation.

Es sind die friedlichen Demonstranten, die hier einen Sieg errungen haben. Ohne Gewalt haben sie ihre Sitzblockade errichtet. Jetzt warten sie darauf, dass etwas passiert. Ihnen gegenüber steht eine Mauer von Polizisten mit weißen Helmen und Plastikschilden. Die Polizisten schützen den Zaun. Zunächst bleibt die Lage ruhig, fast entspannt. Nur das ständige Knattern der Hubschrauber, die über den Köpfen fliegen, verleiht der Szenerie die Tonlage einer Notsituation. Gegen eins am frühen Nachmittag reitet eine Reiterstaffel der Polizei in das grüne Kornfeld neben besetzten Allen und Gleisen. Kurz darauf landen Hubschrauber in dem Feld. Sie setzen eine Polizeieinheit in schwarzer Kampfmontur ab. Die Szenerie wirkt bedrohlich, auch wenn die Männer in Schwarz zunächst nur von Kameraleuten und Fotografen umringt werden, nicht von Demonstranten.

"Sollen wir den Zaun erstürmen"

Unter den Demonstranten herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Was tun? Eine Gruppe Autonomer mit den mittlerweile berühmten schwarzen Brillen und den Schwarzen Kapuzenpullis macht sich an einem kleinen Zaun zu schaffen, der die Straße von dem anliegenden Wald trennt. Sie reißen den Zaun nieder und ziehen das Metallgestänge aus den Pfosten. Es sieht so aus, als wollten sie die Stangen als Waffen gebrauchen. Fast zeitgleich diskutieren "Block"-Delegierte im Sitzen über die richtige Strategie? Sie diskutieren, wie sich's gehört, fast basisdemokratisch. Soll man nun versuchen, den Zaun zu stürmen oder nicht? Nein, sagen die Vertreter des "Block G8", die Organisatoren: "Wir haben unser Ziel erreicht. Ein Eindringen in die rote Zone gehört nicht zu unserer Strategie." Es sei besser, zusammenzubleiben als sich aufzuteilen. Die Verfechter einer offensiven Strategie, sie murren. Überhaupt, die Organisatoren der Sitzblockade bemühen sich nach Kräften, die angespannte Situation gegenüber der Polizei zu beruhigen. Jene, die sich vermummt der Mauer von Polizisten nähern, fordern sie auf, die Tücher vor dem Gesicht wegzunehmen. Alle, die die Polizisten provozieren wollen, drängen sie ruhig und bestimmt, manchmal auch mit Hilfe des Megafons zur Seite.

Um kurz nach zwei wird es der Polizei offenbar zu brenzlig, es scheint ihnen zu wenig Spielraum, zu wenig Luft zwischen Polizei und Demonstranten. "Achtung! Achtung!", tönt es aus dem Megafon, "Hier spricht der Einsatzleiter der Polizei. Ich fordere Sie auf, das ganze Gebiet im Umkreis von 250 Metern des Zauns zu räumen." An einem anderen Ort, hört man, haben sie heute schon Wasserwerfer eingesetzt. Hier ist offenbar keiner auf Eskalation aus. Kurze Zeit später werden die weiß behelmten Polizisten durch eine Hundertschaft schwarzer Einsatzkräfte in Kampfmontur ersetzt. Langsam drängen sie die Demonstranten zurück. Nicht weit. Nur 50 Meter. Als diese Grenze mit einem rot-weißen Band markiert ist, ziehen sich die Schwarzhelme wieder zurück.

Eine aufgewühlte, schwüle Atmosphäre

Vor der neuen Grenzlinie spielt eine Trommelkombo auf, die "Army of Clowns", die Gruppe der als Clowns verkleideten Demonstranten springt vor den Augen der Polizisten herum. Aber auch sie werden von dem "Block-G8-Mann" gebeten, sich zurückzuziehen, ja nicht zu provozieren, von irgendwo her skandiert ein Chor "Fuck G8". Es ist eine aufgewühlte, eine schwüle Atmosphäre. Aber noch bricht kein Gewitter los. Noch, so scheint es, kann Ruhe bewahrt werden. Noch, so scheint es, können die Organisatoren voller Stolz von sich behaupten, die Polizei ausgetrickst zu haben, ein Zeichen gesetzt zu haben - und das alles ohne Gewalt.

Auch Bauer Lampen dürfte diesen Tag nicht nur in schlechter Erinnerung behalten. Dem Vernehmen nach hat sein Gut Vorderbollhagen nicht nur Schaden genommen. Angeblich werden Lämmer aus seinem Öko-Betrieb den Staats- und Regierungschefs im Laufe des Gipfels noch als regionale Delikatesse serviert werden. Und offenbar haben manche der Ochsen, die dem Elektrozaun dank der Hilfe der Demonstranten entronnen sind, die Zeit auch sinnvoll genutzt: Einer der Bullen zumindest war am frühen Nachmittag vor allem damit beschäftigt, eine Kuh zu besteigen.

Eine Reportage von Florian Güßgen, Bad Doberan
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
Roy05441 (08.06.2007, 14:51 Uhr)
Wenn ich sogenannte deutsche von Bullen reden höre,.....!
dann wünschte ich mir, dass all diese Deppen im Land der Nazi-Springer-Stiefel geboren wären.!
Denn dann hätten diese Dummschwätzer erst mal die Gelegenheit,-(oder auch nicht), darüber mitzuentscheiden, gehe ich auf die Straße, oder lasse ich mich in der Güllegrube versenken.!
Wenn einer dieser kommentierenden Trottel die Straße überquert, sich beim Nasebohren den Mittelfinger bricht, ruft er nach dem Rettungswagen, und die eingetroffenen Bullen müssen für seine ordnungsgemäße Abtransportierung gerade stehen.!
Ich sehe nur immer wieder ein durch parteipolitische, geistige Tiefflieger verursachte demontage eines ehemals blühenden Landes.!
Wenn die Parteipolische Präsenz so weiter wirtschaftet, hat sie sowieso abgewirtschaftet!
Dann braucht kein Mensch mehr Greenpeace oder gleichorientierte Organisationen, denn dann eliminiert sich diese Gesellschaft selbst.!
Dann wird Neandertaler wieder auf das Erwachen des Feuer's warten!
Omega11 (07.06.2007, 19:44 Uhr)
Ich habs mir fast gedacht
Ein Argent Provocateur enttarnt und weitere 4 erkannt. Ein guter Tag für die Demokratie. Ein schlechter für die Polizei oder den Staatsschutz oder wen auch immer. Wer sich die Bilder und Videos auf Stern,Spiegel und in den Nachrichten angesehen hat sieht: Hier lagen die Demonstranten richtig - dies sind ?Polizei?beamte in Zivilkleidung. Frage für mich wäre : Waren diese und natürlich auch weitere Beamte auch in Rostock aktiv ? Die Taktik ist ja eigentlich schon sehr alt erzählte mir ein Bekannter. Zu Zeiten der RAF haben deutsche Beamte auch Bombenanschläge verübt um Gesetze zu verschärfen. Trifft das vielleicht auch auf die Brandanschläge in Berlin zu. "meine ganz eigene Verschwörungstheorie!!!"
ldrewitz (07.06.2007, 11:55 Uhr)
@sachsenwinni
ihr legt euch alles immer so hin wie ihr es braucht... TV Bilder und Nachrichten stimmen nur wenn diese auch in das konzept von Atac und co passen. wieso sollten sich "zivis" diesem risiko aussetzen? es gbit doch genug idioten unter den Demonstranten die für ausreichend gewalt sorgen. - achso - sicherlich alles getarnte Polizisten. 200.000 friedliche Demonstranten am Brandenburger Tor in Berlin - dass wäre ein Erfolg!
sachsenwini (07.06.2007, 11:02 Uhr)
Es gibt Feuerwehrmänner, die Brände legen um sich dann eifrig an den Löscharbeiten zu beteiligen.

Ein vermummter Lockspitzel aus den eigenen Reihen der Polizei ist darum überhaupt nicht abwegig. Mir kam schon dieser Gedanke, als es hieß, Linksextreme hätten sich zum Ende der Demonstration in Bussen zu vermummten Autonomen umgezogen, dass es sich dabei um Polizeibusse handeln könnte.
Es mussten doch endlich Beweise konstruiert werden, dass es sich um Linksextreme handelt, um die Linkspartei kriminalisieren zu können. So etwas hatte sich Goebbels auch schon einfallen lassen.
Als Agent Provocateur (frz. etwa für "Provozierender Agent") "bezeichnet man einen Lockspitzel. Er ist meist im Auftrag von Behörden, wie Polizei oder Geheimdiensten, tätig. Er versucht verdeckt, also unerkannt, andere zur Begehung von Straftaten zu verleiten, so dass gegen diese dann mit unmittelbarem Zwang (Polizei) oder im Wege eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens vorgegangen werden kann. Ein Agent Provocateur entstammt regelmäßig dem verdeckten Mitarbeiterumfeld von Polizei und Geheimdiensten (V-Mann, Verdeckter Ermittler, Inoffizieller Mitarbeiter). [Wikipedia]
lauterheinerbach (07.06.2007, 10:48 Uhr)
Stark
Es ist fantastisch was für eine tolle Arbeit alle Demonstranten dort leisten. Leider kann ich wegen Examensprüfungen nicht mitmachen, staune aber ständig mit was für einem Willen sich die Leute durchsetzen. Großes Lob.
Die Gewalt mit der die Staatsmacht in den letzten Wochen um sich geschlagen hat, siehe auch Pfingstmontag hier in HH, zeigt was für eine Angst die haben, und das nicht vor so ein paar blöden Steinen. Von Verhältnismäßigkeit kann hier keine Rede sein, deshalb weiter so!!!
Schade das man dieses Wachtmeistertagebuch hier bei stern.de nicht kommentieren kann...aber das ist wohl eine Art Selbstschutz!!
Toreador (07.06.2007, 10:29 Uhr)
Kann mal einer erklären
WIE dieser angebliche Zivilpolizist als solcher "erkannt" wurde? Hatte der eine Marke dabei? Oder sich den Hintern tätowiert? Schwarzgekleidete Vermummte, die abhauen, wenn sich andere gegen sie stellen - das ist ja nun echt kein Indiz für Polizisten :-)
Raknarak (07.06.2007, 10:24 Uhr)
besser hätte es alles in allem....
....nicht laufen können.
kaum randalierer und wenn doch haben diese nach einem gespräch andere wege eingeschlagen. friedlicher protest in der demofrein zone (wer sollte dies dem volke auf verbieten können). und zudem noch belegte videoaufnahmen von polizisten die straftaten begehen und den mobb zum randalieren anheizen wollen.
ein schöner tag!
Raknarak (07.06.2007, 10:10 Uhr)
@reinhard44
hier gibs grad nur dich als ochsen......
Raknarak (07.06.2007, 10:09 Uhr)
@inge_je
wahrscheinlich bist du nicht mehr in der lage dich auf solch ein unternehmen ein zu lassen. ich hoffe mal das du nicht beim schreiben deines dämlichen kommentars zu schnauffen beginnst...
sachsenwini (07.06.2007, 07:59 Uhr)
Gut, dass die Stasi nicht auf die Idee gekommen ist
Gut, dass die Stasi nicht auf die Idee gekommen ist, eigene vermummte Tschekisten in die Montagsdemos einzuschleusen, die dort randalieren sollten. Dann hätten sie vielleicht doch noch einen Grund zum harten Durchgreifen provozieren können. Aber ich denke in dem Fall hätten es die vielen friedlichen Demonstranten zu verhindern gewusst.
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